ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2007Von schräg unten: Letzte Meile

BERUF

Von schräg unten: Letzte Meile

Dtsch Arztebl 2007; 104(5): [108]

Böhmeke, Thomas

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Sie sind willkommen wie ein Furunkel auf der Nasenspitze und tanzen auf selbiger herum: die frechen Neffen. Heute versucht der ältere, mir eine Depression beizubringen: „Onkel Thomas, ich habe in einer Zeitschrift gelesen, dass ihr niedergelassenen Ärzte die letzten Deppen seid! Weil ihr nämlich nicht das Neueste aus der Forschung an euren Patienten ausprobieren tut!“ Für einen Moment schwanke ich, ob ich seinen Deutschlehrer aus Mitleid krankschreiben soll oder mit ihm ein ernstes Wort über seine Berufsauffassung reden sollte. Dann aber weise ich den frechen Neffen in strengem Ton zurecht, dass in den besagten Artikeln nicht von letzten Deppen, sondern von der letzten Meile die Rede war. „Ach, Onkel Thomas, stell dich nicht so an, die meinen doch das Gleiche! Aber sag doch mal, warum machst du nicht immer alle moderne Diagnostik, die es so gibt?“ Ich lege meine Stirn in ungefähr so viele Falten, wie in eine Jejunumschlinge passen, und versuche ihm zu erklären, dass die Erfahrung einen lehrt, eine gewisse Skepsis gegenüber neuen Verfahren zu bewahren, die einem mit viel professoralen Pathos auf die Pupille gedrückt werden. Jede Untersuchungsmethode macht erst mal ihre eigenen Erkrankungen. Belustigend mag hier ja das Mitralklappenprolapssyndrom anmuten, das mit Aufkommen der Echokardiographie auffällig viele junge hübsche Damen befiel, die dann quartalsweise von den verursachenden Kardiologen zur Kontrolluntersuchung einbestellt wurden. Und die neuesten Entwicklungen, sei es multislice-CT oder NMR, wären erst mal gar nicht geeignet, flächendeckend einen Ersatz für den Herzkatheter zu bieten, sondern würden erst zu einer unglaublichen . . . „Onkel Thomas, ist ja gut, ist ja gut, die redeten auch mehr von den Pillen und so, also, dass die Patienten keine neuen Medikamente kriegen würden! Das musst du uns mal erklären!“ Meine Stirn sieht mittlerweile aus wie ein Dünndarmdoppelkontrast. Es ist so: Als eifriger, gewissenhafter und penibler Mediziner beherrscht man natürlich seine Medikamente bis in die Interaktionen auswendig und kann alle Studien herunterleiern. „Da kommt man sich sicher ganz schön intelligent vor, nicht wahr?“ Genau. Natürlich schreibt man seinen Patienten diese Präparate auf, kraft seines Wissens und Überzeugung gegen jegliche Warnung der Kassenärztlichen Vereinigung, dass man sein Budget schon überzogen hat. „Da kommt man sich sicher ganz schön tapfer vor, nicht wahr?“ Genau. Und dann wird man mit einer Regressforderung überzogen, muss sich eines Samstagmorgens vor mehreren fachlich versierten Kollegen zur Rechenschaft ziehen lassen und verlässt den Saal als Verlierer . . . „Da kommt man sich ziemlich alleingelassen vor, nicht wahr?“ Genau. Dann fährt man nach Hause und versucht der Familie klar- zumachen, dass der diesjährige Jahresurlaub ins Wasser fällt, weil man eben in Regress genommen worden ist . . . „Da kommt man sich ziemlich mies vor, nicht wahr?“ Genau. Aber dann stellt es sich heraus, wie jüngst bei den Cox-2-Hemmern, dass diese neuen Medikamente, die so sündhaft teuer sind und dich eine hohe Regresssumme gekostet haben, mit gravierenden Nebenwirkungen behaftet sind. Dann hast du die Praxis voll mit Patienten, die dir bitterste Vorwürfe machen, warum du an ihnen herumexperimentierst und sie tödlichen Risiken aussetzt, anstatt sie mit bewährten Mitteln zu behandeln. „Dann kommst du dir wie ein Vollidiot vor, nicht wahr?“ Genau! „Also irgendwie verstehe ich dich jetzt, Onkel Thomas, da würde ich auch etwas vorsichtig werden, mit allem, was da aus der Wissenschaft kommt. Aber erklär mir doch mal, wie machst du das jetzt in deiner Praxis? Ich meine, du siehst zwar schon ganz schön alt aus, aber du musst ja noch arbeiten, kannst noch nicht in Rente gehen, also wie machst du das?“ Ich habe im Lauf der Jahrzehnte gelernt, dass die jahrtausendalte therapeutische Maxime, die vielen Patienten auf der ganzen Welt schon überaus erfolgreich bei der Bewältigung schwerster Erkrankungen geholfen hat, sich auch auf die moderne Therapieempfehlungen und Leitlinien anwenden lässt. „Da bin ich aber neugierig, Onkel Thomas, wie heißt denn das, diese Maxime?“ Die Verbindlichkeit eines Zustandes ist temporär limitiert. „Ach Onkel Thomas, du redest wie immer so geschwollen, was meinst du damit?“
Was kommt, geht auch wieder.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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