ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2007Patienteninformation: Guter Rat ist teuer

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Patienteninformation: Guter Rat ist teuer

Dtsch Arztebl 2007; 104(6): A-297 / B-265 / C-253

Merten, Martina

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LNSLNS Ein informierter Patient gilt als zufriedener Patient. Also müsste es, genau genommen, ausschließlich zufriedene Patienten in Deutschland geben, denn an Möglichkeiten, sich beraten zu lassen, mangelt es inzwischen nicht mehr. So gibt es seit vielen Jahren zunehmend professionalisierte „Bürgerinformationen“ bei den Ärztekammern. Auch viele Kassenärztliche Vereinigungen haben Beratungsstellen für Patienten, Selbsthilfegruppen und Ärzte eingerichtet. Natürlich waren auch die Krankenkassen aktiv. Neben Informationsmöglichkeiten der einzelnen Kassen fördern die Spitzenverbände die unabhängige Patienten- und Verbraucherberatung. Das machen sie bereits seit 2001.
Aufbauend auf Erfahrungen mit ersten Pilotprojekten, ist nun der Modellverbund „Unabhängige Patientenberatung Deutschland gGmbH“ entstanden, ein Zusammenschluss aus dem Sozialverband Deutschland VdK, der Verbraucherzentrale Bundesverband und dem Verbund unabhängige Patientenberatung. Die Informationen könnten also fließen. Hinter diesem Projekt steht gar die Bundesregierung. Im Rahmen der Gesundheitsreform 2000 hatte der Gesetzgeber die Spitzenverbände verpflichtet, die unabhängige Patienten- und Verbraucherberatung modellhaft mit jährlich mehr als fünf Millionen Euro zu fördern. Nach der ersten Projektphase, die im Juni 2005 auslief, haben sich die Krankenkassen zu einem Folgeprojekt entschlossen. Auch das fördern sie mit rund fünf Millionen Euro jährlich. Im Jahr 2010, am Ende der Modellphase, soll der Gesetzgeber dann auf Grundlage einer wissenschaftlichen Begleitforschung entscheiden, ob aus dem Modellprojekt mehr wird.
Seit Ende Januar können sich Patienten an 22 Orten bundesweit von interdisziplinär zusammengesetzten Teams beraten lassen. Gehe es um gesundheitsrechtliche Fragen, verspreche die Patientenberatung juristischen Sachverstand, bei gesundheitlichen Fragen versuchten Ärzte oder mit dem Gesundheitswesen Vertraute, den Patienten weiterzuhelfen, sagt Geschäftsführerin Astrid Burkhardt. Bei psychosozialen Fragen helfen der Geschäftsführerin zufolge Psychologen oder erfahrene Sozialarbeiter. Gleichzeitig ging eine telefonische Beratungshotline an den Start. In vier überregionalen Beratungseinrichtungen erhalten Patienten zudem Auskünfte zu spezielleren Fragen wie Arzneimittelverträglichkeiten. Das alles ist für die Patienten unentgeltlich und soll, betont Burkhardt, „nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu bestehenden Angeboten im Gesundheitswesen gesehen werden“.
Diese „Ergänzung“ hält Dr. med. Frank Ulrich Montgomery für überflüssig. Schließlich, so der Vorsitzende des Marburger Bundes, gebe es bereits den (eingangs genannten) Patientenservice der Lan­des­ärz­te­kam­mern, das viele Geld könnten die Krankenkassen daher besser für die Stärkung der bestehenden Einrichtungen nutzen.
Verhalten ist auch die Reaktion der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die selbst erst im vergangenen Jahr einen „Patientenbeirat“ und eine „Stabsstelle Patienteninformation“ eingerichtet hat. Sie spricht lediglich von einer „inhaltlichen Verstärkung der [eigenen] Aktivitäten“. Würde die Vielfalt an Patientenberatungsstellen das Geschäft beleben, wären alle glücklich. Einem 6-Länder-Vergleich des Commonwealth Fund zufolge ist dem nicht so: Deutsche Patienten beklagen überproportional häufig fehlende Aufklärung und unzureichende Beratung.
Vielleicht würden die von den Kassen jährlich bereitgestellten fünf Millionen Euro zu mehr Zufriedenheit beitragen, wenn sie zur Vernetzung der bestehenden Strukturen genutzt würden. Oder aber sie könnten in eine breit angelegte Kampagne fließen, in der die Patienten erst einmal über die bestehende Vielfalt an Beratungsmöglichkeiten informiert werden. Dann käme teurer Rat auch gut an – beim Bürger.

Martina Merten
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik, Berlin
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