ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2007Mikrobizid erhöht HIV-Übertragunsrisiko

AKTUELL: Akut

Mikrobizid erhöht HIV-Übertragunsrisiko

Dtsch Arztebl 2007; 104(6): A-302 / B-270 / C-258

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Das Mikrobizid Zellulosesulfat, ein lokal zu applizierendes Gel, hat in einer großen randomisierten kontrollierten Studie Frauen aus Hochendemieregionen in Afrika nicht vor HIV-Infektionen geschützt, sondern das Übertragungsrisiko sogar noch erhöht. Daraufhin wurde diese Studie und eine weitere mit dem gleichen Wirkstoff abgebrochen. Es handelt sich um den zweiten Rückschlag bei dem Versuch, Frauen eine Möglichkeit zur HIV-Prävention zu geben, wenn die Partner sich weigern, ein Kondom zu benutzen. Bereits im Jahr 2000 war eine Studie, bei der das Mikrobizid Nonoxynol-9 bei Prostituierten in afrikanischen Ländern und Thailand untersucht wurde, gescheitert, weil sich die Serokonversionsrate fast verdoppelt hatte (Lancet 2002; 360: 971– 7).
Die anderen Studien zur HIV-Prävention mit Mikrobiziden wurden fortgesetzt. Sie erfreuten sich zuletzt einer großzügigen Unterstützung der Bill and Melinda Gates Foundation. Das von Polydex Pharmaceuticals in Toronto entwickelte Zellulosesulfat (Ushercell®) schien ideal zu sein, da es gegen HIV und andere venerische Erreger wie Herpes, Neisseria gonorrhoeae und Chlamydien wirksam war, andererseits aber die normale vaginale Flora nicht störte. Dies bestätigten Tierversuche (J Androl 2002; 23: 426–38) sowie elf kleinere Phase-I-Studien mit mehr als 500 Teilnehmerinnen.
Ursache für das Scheitern unbekannt
An der jetzt gestoppten Studie beteiligten sich 1 333 Frauen aus Benin, Südafrika und Uganda – Länder mit einer hohen HIV-Prävalenz und einer überwiegend heterosexuellen Verbreitung des Virus. Die Teilnehmerinnen wurden auf die Anwendung eines Gels mit Zellulosesulfat oder mit Placebo randomisiert. Allen Frauen wurde eine antiretrovirale Therapie angeboten, in der Hoffnung, dass dies im Zellulosesulfat-Arm der Studie seltener als unter Placebo der Fall sein würde. Das Gegenteil war der Fall. Unter den Anwenderinnen von Zellulosesulfat stieg das HIV-Übertragungsrisiko, und das Independent Data Monitoring Committee empfahl nach einer Zwischenauswertung dringend einen vorzeitigen Abbruch der Studie. Einzelheiten zu den Ergebnissen werden nicht in den Pressemitteilungen genannt, auch zu den möglichen Gründen für das höhere Risiko scheint es noch keine Erklärung zu geben.
Die Studien mit drei weiteren Mikrobiziden werden fortgesetzt. Es handelt sich um Pro 2000® von Indevus Pharmaceuticals, BufferGel® von ReProtect und Carraguard® von Population Council. Rüdiger Meyer
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