ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2007Stammzellforschung: Stiche gegen den Stichtag

POLITIK

Stammzellforschung: Stiche gegen den Stichtag

Dtsch Arztebl 2007; 104(6): A-313 / B-278 / C-266

Rabbata, Samir; Rieser, Sabine

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Auf Eis gelegt: Vor dem Sommer werden keine Änderungsanträge aus den Koalitionsfraktionen erwartet. Foto: laif
Auf Eis gelegt: Vor dem Sommer werden keine Änderungsanträge aus den Koalitionsfraktionen erwartet. Foto: laif
Die Liberalen wollen ein Ende der Importbegrenzung. Noch ist unklar, was ihre Forderung bewirken wird.

Kaum ein Kompromiss bleibt lange unangetastet – schon gar nicht, wenn es um die Begrenzung von Forschungsmöglichkeiten geht. Ende vergangenen Jahres hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft für eine Abschaffung der Stichtagsregelung im Stammzellgesetz plädiert (DÄ, Heft 4/2007). Nun hat sich die FDP-Fraktion mit einem Antrag im Bundestag ebenfalls dafür eingesetzt: Sie plädiert für ein Ende der Begrenzung, die es bundesdeutschen Wissenschaftlern bislang ausschließlich erlaubt, an embryonalen Stammzellen aus dem Ausland zu forschen, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden.
Angesichts der Forschungsentwicklungen sei es unerlässlich, wenigstens die rigide Einfuhrpolitik hinsichtlich embryonaler Stammzellen zu lockern, begründet dies die FDP-Fraktion. „Die Ausschöpfung der Heilungsmöglichkeiten solcher Krankheiten, wie sie durch embryonale Stammzellforschung entwickelt werden können, ist ein Gebot der Ethik“, heißt es weiter.
Doch solche Vorstöße provozieren auch Abwehr, beispielsweise von Organisationen wie dem Bundesverband Lebensrecht (BvL), der gegen die Forschung mit embryonalen Stammzellen ist. Damit, glaubt der BvL, vertritt er eine Mehrheitsmeinung. Denn zwei Drittel der Bundesbürger hielten es für richtig, dass in Deutschland keine menschlichen Embryonen zu Forschungszwecken erzeugt und zerstört werden. Etwas mehr als die Hälfte befürworte, dass nur an adulten Stammzellen geforscht wird. Das schließt der BvL aus einer bei TNS Infratest in Auftrag gegebenen telefonischen Befragung von 1 000 Haushalten. Dabei behaupteten allerdings auch rund 83 Prozent der Befragten, mit den Begriffen embryonale/adulte Stammzellen etwas anfangen zu können.
Der BvL hat zugleich auf eine aktuelle Ausarbeitung der wissenschaftlichen Dienste des Bundestags zum Stand der Forschung verwiesen. Darin heißt es: „Die Potenziale der embryonalen Stammzellen werden in den Medien regelmäßig als sehr groß dargestellt und Anwendungen nicht selten binnen einiger Jahre in Aussicht gestellt. Doch sind die Einschätzungen der Fachleute heterogen und teilweise nüchterner.“ Embryonale Stammzellen würden derzeit nicht in klinischen Studien oder Therapien eingesetzt. Und weiter: „In den kommenden Jahren kann nicht mit zugelassenen Anwendungen der Stammzellen in der Behandlung von Patienten gerechnet werden. Diese wären, wenn überhaupt, dann vermutlich in einem Zeithorizont von 20 Jahren zu realisieren.“
Gleichwohl wird sich der Bundestag erneut umfassender mit der Stammzellforschung befassen. Für 9. Mai ist eine Expertenanhörung des Forschungsausschusses anberaumt. Beobachter rechnen nicht damit, dass zuvor aus den Koalitionsfraktionen Gruppenanträge für oder gegen eine Änderung des Stammzellgesetzes vorgelegt werden. Dass der geltende Stichtag ersatzlos gestrichen wird, ist derzeit nicht zu erwarten. Auch eine Verschiebung gilt noch als unwahrscheinlich. Zumindest haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bun­des­for­schungs­minis­terin Annette Schavan (beide CDU) zu erkennen gegeben, an der gegenwärtigen Regelung nicht rütteln zu wollen.
Debatte kann erneut beginnen
Reinhard Loske, Leiter der Arbeitsgruppe Biotechnologie von Bündnis 90/Die Grünen, sieht ebenfalls keinen Grund dazu. Bislang seien keine neuen ethischen Argumente vorgebracht worden, die einen Kurswechsel nötig machen würden, sagte er bei einer Fachveranstaltung seiner Fraktion. Dies könne sich jedoch ändern, gab die ehemalige SPD-Abgeordnete Margot von Renesse zu bedenken, die seinerzeit als Vorsitzende der Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ für die heutige Kompromissregelung gekämpft hatte.
Sollte es zu einem Durchbruch bei der Therapie kommen, werde die Stammzelldebatte erneut und mit voller Wucht losbrechen. „Wenn todkranken Menschen mit solch neuen Methoden geholfen werden kann, wird auch kein evangelisches oder katholisches Krankenhaus Patienten die entsprechende Therapie verweigern können“, ist von Renesse überzeugt.
Samir Rabbata, Sabine Rieser
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