ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2007Stud. med. Bertolt Brecht: Auffällige zeitliche Nähe zwischen Musterung und Medizinstudium

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Stud. med. Bertolt Brecht: Auffällige zeitliche Nähe zwischen Musterung und Medizinstudium

Dtsch Arztebl 2007; 104(6): A-330 / B-290 / C-278

Skrziepietz, Andreas

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Der junge Brecht begann 1918 in München das Medizinstudium. Fotos: picture-alliance/akg-images
Der junge Brecht begann 1918 in München das Medizinstudium. Fotos: picture-alliance/akg-images
Vielen gilt er als der größte deutschsprachige Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Unter anderem hatte Bertholt Brecht auch Medizin studiert.

Wenn der Herr Stabsarzt kommandierte: ,Amputieren Sie das Bein, Brecht!‘, antwortete ich: ,Zu Befehl, Herr Stabsarzt!‘ und schnitt das Bein ab. Wenn man mir sagte: ,Machen Sie eine Trepanation!‘, öffnete ich den Schädel eines Mannes und reparierte an seinem Gehirn herum.“ (1)
Bertolt Brecht als Unfall- und Neurochirurg? Warum nicht? Dass der Dichter der „Dreigroschenoper“ seinen Kriegsdienst als Sanitätssoldat in einem Lazarett ableistete, ist bekannt. Am 14. Januar 1918 musste er vor der Musterungskommission des 1. Armeekorps in Augsburg antreten und wurde „d.g.v.F.“ (dauernd garnisonsverwendungsfähig Feld) geschrieben. Daran konnte auch die Überdosis Bohnenkaffee nichts ändern, die er zuvor zu sich genommen haben soll, um einen schwachen Kreislauf zu simulieren. Der Stabsarzt war davon offenbar nicht beeindruckt. Immerhin musste Brecht nicht an die Front, sondern wurde ab 1. Oktober 1918 Sanitätssoldat, genauer gesagt: Militärkrankenwärter im Reservelazarett Augsburg.
Im Sektionssaal wurde er niemals gesehen
In hohem Maß zu dieser Entscheidung beigetragen haben dürfte – neben einem Gesuch des gewiss nicht einflusslosen Vaters, der Fabrikdirektor war – die Tatsache, dass Brecht ab Mai 1918 Medizinstudent und als solcher aufgrund des Mangels an medizinischem Fachpersonal vom Dienst an der Front befreit war. Nachdem er ab dem Wintersemester 1917 an der Ludwig-Maximilians-Universität für Literaturwissenschaft eingeschrieben war, kam in einem Brief vom Mai 1918 an seine damalige Freundin Paula Banholzer die überraschende Mitteilung: „Ich hab mich für Medizin umschreiben lassen – eine Mords-Lauferei!“
Medizin und Dichtkunst: Eine nicht gerade seltene Kombination in der deutschen Geistesgeschichte: Namen wie Schiller, Büchner, Benn, Döblin und Bamm fallen spontan ein.
Bereits Wolfram von Eschenbach sagte man aufgrund seiner Beschreibung einer Pleurapunktion im „Parzival“ eine medizinische Ausbildung nach. Ob es stimmt, wird sich nach circa 700 Jahren wohl nicht mehr klären lassen. Schiller soll seine Nachtdienste im Lazarett dazu genutzt haben, die „Räuber“ zu verfassen. Wenn das zutrifft, kann man sich ungefähr ausrechnen, wie viele Meisterwerke der deutschen Literatur aufgrund der seit Schillers Zeiten deutlich zugenommenen Arbeitsbelastung im Nachtdienst ungeschrieben blieben. Georg Büchner verdanken wir einige interessante Einblicke in die klinische Forschung des frühen 19. Jahrhunderts: „Sehen Sie: Der Mensch, seit einem Vierteljahr ißt er nichts als Erbsen; bemerken Sie die Wirkung, fühlen Sie einmal: was ein ungleicher Puls.“ Der sozialkritische Dichter des Frühexpressionismus soll angeblich zu Brechts Vorbildern gezählt haben, womit man versuchte, dessen plötzliche Entscheidung für das Medizinstudium zu begründen. Brecht also auf dem „Weg jener großen Schriftsteller, deren naturwissenschaftlicher Analyse wir die wesentlichen Aufschlüsse über die Wirklichkeit unseres wissenschaftlichen Zeitalters verdanken“, wie Walter Jens einst meinte?
Eher nicht, denn schließlich sollte man nicht ganz vergessen, dass Brecht zu jener Zeit noch gar kein besonders scharfer Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und erst recht kein Marxist war – das sind Entwicklungen, die erst in der Berliner Zeit unter dem Einfluss von Karl Korsch, an dessen Abendkursen über Marxismus und Arbeiterbewegung Brecht Ende der 20er-Jahre teilnahm, ihren Anfang nahmen. Ausgelöst wurden sie vielleicht 1929 durch ein Erlebnis während einer Demonstration: „Es hat damals, [. . .] über 20 Tote unter den Demonstranten gegeben. Als Brecht die Schüsse hörte und sah, wie die Menschen getroffen wurden, wurde er so weiß im Gesicht, wie ich ihn nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte“, erinnerte sich Fritz Sternberg.
Brecht in Augsburg, wo er seit Oktober 1918 als Militärkrankenwärter im Reservelazarett tätig war.
Brecht in Augsburg, wo er seit Oktober 1918 als Militärkrankenwärter im Reservelazarett tätig war.
Für den jungen Brecht jedenfalls schienen Bohemiens wie Frank Wedekind eine weitaus größere Anziehungskraft zu besitzen, zumindest sprach er anlässlich Wedekinds Tod in einem Nachruf, der am 12. März 1918 in den „Augsburger Neuesten Nachrichten“ erschien, von Wedekind als dem „großen Erzieher Europas“. Und es ist wohl kein Zufall, dass sein erster Sohn Frank hieß und nicht Georg. Eine besondere Neigung zur Naturwissenschaft hatte Brecht in dieser Zeit sicher nicht. Die Hinwendung zum Positivismus und das Interesse für die Philosophie des „Wiener Kreises“ in den späten 20er-Jahren ist wohl erst mit zunehmender Sympathie für den Marxismus entstanden, der mit dem Positivismus zumindest das materialistische „Fundament“ gemeinsam hat. Eine Aussage über die Psychoanalyse wie die folgende aus einem Brief des Jahres 1944 ist für den frühen Brecht undenkbar: „Freilich verschafft die Psychoanalyse ein anderes Vergnügen, nämlich das, möglichst viel Geld für die eigene Person auszugeben. Die Psychoanalytiker sehen bekanntlich eine starke Heilkraft im Zahlen – der Patient nimmt sie ernst, weil er zahlt; sehr ernst, weil er sehr viel zahlt.“
Als Grund für Brechts Wechsel zur Medizin wurde vermutet, dass er die Hoffnung hatte, seiner an Krebs erkrankten Mutter durch eine medizinische Ausbildung helfen zu können, oder dass er beabsichtigte, einst die Arztpraxis des Vaters seiner Freundin zu übernehmen. Auffällig ist die zeitliche Nähe zwischen Musterung und Fachwechsel aber auf jeden Fall. Zumal das Beispiel seines Schulfreunds Rudolf Prestel, der an der Front das linke Beine verlor, Brecht die Schrecken des Stellungskrieges plastisch vor Augen führte. Hinzu kommt, dass seine medizinisch-naturwissenschaftliche Laufbahn sich auf den Besuch einiger Vorlesungen über deskriptive Anatomie, Infektionskrankheiten, Experimentalphysiologie, Anthropologie und auf Laborübungen in „unorganischer Chemie“ beschränkt zu haben scheint, im Sektionssaal hingegen wurde er niemals gesehen.
Den Indikativ mit dem Konjunktiv verwechselt
Und was ist mit den Amputationen und Trepanationen, die er angeblich durchgeführt haben soll? Es gibt die Behauptung, dass ihm in diesem Lazarett einige der furchtbarsten Fälle von Verstümmelung begegnet seien, was sich unmittelbar in Antikriegsgedichten niedergeschlagen habe. Man kann getrost ins Reich der Erfindungen verweisen: Dass sich im Lazarett auch Schwerstverletzte befanden, ist zwar durchaus möglich, nur hatte der Dichter keinen Kontakt zu ihnen, denn er versah seinen Dienst vom 1. Oktober 1918 bis zu seinem Ausscheiden aus der Armee am 9. Januar 1919 auf Station D, auf der sich neben einigen Ruhrkranken ausschließlich Geschlechtskranke befanden. Literaturgeschichtlich vollkommen ohne Belang war die Zeit, die Brecht dort verbrachte, aber dennoch nicht. Er nutzte sie, um das „Lied an die Kavaliere der Station D“ zu verfassen, von dem nur die erste Strophe erhalten ist:

„O wie brannte euch der Liebe Flammen
Als ihr jung und voller Feuer wart
Ach der Mensch haut halt das Mensch zusammen
Das ist nun einmal so seine Art.“
Ob auch die „Legende vom toten Soldaten“, die später als „Ballade vom toten Soldaten“ in den vierten Akt von „Trommeln in der Nacht“ einging, während der Zeit im Lazarett oder schon früher entstand, ist hingegen unklar.
Die Wirkung dieser Ballade war nicht gerade gering: Bei den Nationalsozialisten soll sie Brecht einen Platz auf einer Liste der im Fall der Machtübernahme sofort zu verhaftenden Personen eingebracht haben, und zwar auf Platz fünf. Kurt Tucholsky äußerte sich später anerkennend: „Den Preußen hats ja mancher besorgt – so gegeben hats ihnen noch keiner . . .“
Was das Studium betrifft, so hat Brecht bereits an dem für ehemalige Soldaten obligatorischen Zwischensemester von Februar bis Ende März 1920 nicht mehr teilgenommen. Im Februar 1920 teilte er einer Freundin mit, das Studium aufgeben zu wollen, um fortan Stücke zu schreiben – eine aus heutiger Perspektive richtige Entscheidung.
Das eingangs erwähnte Zitat schließlich ist einfach eine Fehlübersetzung aus dem Englischen: „If the doctor ordered me: ,Amputate a leg, Brecht!‘, I would answer: ,Yes, your excellency‘, and cut off the leg. If I was told: ,Make a trepanning‘, I opened the man’s skull and tinkered with his brains . . .“ (2) Offensichtlich hatte hier jemand Indikativ und Konjunktiv verwechselt.
Andreas Skrziepietz
E-Mail: mail@docmacher.de
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1.
Esslin M: Das Paradox des politischen Dichters. Frankfurt/M. 1962; 21.
2.
Tretjakow S: Bert Brecht. International Literature (Moskau) 1937; 5: 60–70.
1. Esslin M: Das Paradox des politischen Dichters. Frankfurt/M. 1962; 21.
2. Tretjakow S: Bert Brecht. International Literature (Moskau) 1937; 5: 60–70.

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