ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2007Kulturgeschichte der Prothesen: Objekte der Nächstenliebe

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Kulturgeschichte der Prothesen: Objekte der Nächstenliebe

Dtsch Arztebl 2007; 104(6): A-360 / B-319 / C-306

Schatz, Iris

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Die Eiserne Hand Götz von Berlichingens ist im Museum der Götzenburg in Jagsthausen zu sehen. Foto: Iris Schatz
Die Eiserne Hand Götz von Berlichingens ist im Museum der Götzenburg in Jagsthausen zu sehen. Foto: Iris Schatz
Die Entwicklung vom Stelzfuß, einem starken hölzernen Stiel als Ersatz für einen fehlenden Unterschenkel, zur bionischen Fluidhand

Die Versuche, Menschen ihre im Kampf, bei der Jagd, im Krieg oder bei einem Unfall verlorenen Hände, Beine oder Füße zu ersetzen, haben eine lange Geschichte. Im Louvre befindet sich eine Fußprothese, die aus dem dritten Jahrhundert vor Christus stammt. Die wahrscheinlich älteste Darstellung des Stelzfußes wurde auf einer Vase aus dem zweiten Jahrhundert entdeckt.
Der römische Schriftsteller Plinius der Ältere berichtet in seiner „Naturalis historia“ von Marcus Sergius Silus, dem Urgroßvater des späteren Verschwörers Catilina. Silus hatte im Zweiten Punischen Krieg seine rechte Hand verloren und ließ sich eine künstliche Hand aus Eisen schmieden. Diese Prothese soll ihn zum weiteren Kriegsdienst befähigt haben. Solche Prothesen scheinen wohl im kriegstreibenden Rom nichts Ungewöhnliches gewesen zu sein, denn auch im Louvre gibt es eine Säule, auf der die Handprothese eines römischen Soldaten zu sehen ist.
In der christlichen Tradition sind Krüppel und Lahme Objekte der Nächstenliebe. Ein italienisches Fresko aus dem 13. Jahrhundert zeigt Jesus bei der Segnung Fußamputierter, die sich auf Gehbänken stützen. Der heilige Martin teilte seinen Mantel mit einem beinamputierten Bettler. Die Heiligen Kosmas und Damian, Schutzpatrone der Apotheker und Ärzte, amputierten der Legende nach einem Kirchendiener das Bein und ersetzten dies durch ein „Mohrenbein“. Auf den Bildern flämischer Meister des 16. und 17. Jahrhunderts sind stelzfüßige Bettler, Amputierte mit untergeschnallten Laufbrettern, Krüppel, die sich mühselig mittels Krücken und Holzböcken daherschleppen, allgegenwärtig. Die Ursachen für den offenbar so häufigen Verlust von Gliedmaßen lagen neben Kriegsschäden in Mangelerkrankungen sowie insbesondere im Ergotismus.
Eine der bekanntesten Prothesen ist die Eiserne Hand des Götz von Berlichingen. Im Jahr 1504 büßte er im Landshuter Erbfolgekrieg seine rechte Hand ein, getroffen von seiner eigenen Artillerie. Damit er aber weiterhin mit in die noch bevorstehenden Kriege ziehen konnte, ließ er sich von einem Schmied eine Ersatzhand anfertigen, die das Fundament für die moderne Prothesenherstellung legte. Mit Zahnrädern konnten die Finger in bestimmten Stellungen fixiert werden, sodass Götz weiterhin sein Schwert greifen und festhalten konnte. Die Eiserne Hand wird als eines der ältesten Beispiele künstlicher Glieder heute im Museum der Götzenburg im schwäbischen Jagsthausen aufbewahrt.
Bionische Hände verfügen über große Beweglichkeit und sind besonders leicht. Foto: Forschungszentrum Karlsruhe GmbH/Helmholz Gemeinschaft
Bionische Hände verfügen über große Beweglichkeit und sind besonders leicht. Foto: Forschungszentrum Karlsruhe GmbH/Helmholz Gemeinschaft
Während der gemeine Mann sich meist selber seine primitive Gehhilfe angefertigt oder seine Eisenklaue zurechtgebogen hat, kamen im 16. Jahrhundert nun von „fachmännischer Hand“ geschaffene Prothesen hinzu. Eine hervorragende Stellung nahm dabei der Chirurg Ambroise Paré (1510–1590) ein. Sein „Knieruhestelz“, das „Holzbein der Armen“, blieb bis ins 19. Jahrhundert hinein vorherrschend. Dabei mündete die Stelze in einem u-förmigen Holzstück, in das der Beinstumpf gesteckt und mit Lederriemen festgeschnallt wurde.
Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden gesteuerte Prothesen entwickelt, die mithilfe von Federn und auf dem Körper aufgewickelten Fäden angetrieben waren. Heutzutage sind Prothesen mit Kraft und Wärmesensoren ausgestattet. Die Antriebe sind energetisch optimiert, um weniger Energie der mit zu tragenden Akkumulatoren zu verbrauchen und eine größere Unabhängigkeit der Behinderten von der Energiequelle zu ermöglichen. Seit 2002 gibt es die Fluidhand, die das Institut für angewandte Informatik in Karlsruhe entwickelt hat. Diese bionischen Hände verfügen über große Beweglichkeit und sind besonders leicht.
Iris Schatz
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