ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2007Börsebius: Der alte Pharisäer

GELDANLAGE

Börsebius: Der alte Pharisäer

Dtsch Arztebl 2007; 104(6): A-366 / B-322 / C-310

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Manfred Krug geht in Sack und Asche. Der ehemals beliebte Tatort-Kommissar gab im „Stern“ den reuigen Sünder. Sein Büßer-Interview gipfelte in der Feststellung, seine Werbespots für die Deutsche Telekom seien sein größter beruflicher Fehler gewesen: „Ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen bei allen Mitmenschen, die eine von mir empfohlene Aktie gekauft haben und enttäuscht worden sind.“
Es ist mittlerweile mehr als zehn Jahre her, und dennoch erinnern sich viele Menschen mit Grauen daran, mit welcher Überzeugungskraft Krug damals seine Popularität für den Börsengang der Deutschen Telekom in die Waagschale warf. Alle Beteiligten wussten ganz genau, was sie taten – Krug nämlich, dass er als vertrauenswürdig galt, und der damalige Telekom-Chef Ron Sommer, dass er eine der besten Leimruten des Landes im Boot hatte.
Nur: Die meisten Anleger waren ahnungslos, weil sie zuvor in ihrem Leben noch nie eine Aktie besessen hatten. Immer wenn Krug sein kahles Haupt vertrauenheischend in die Kamera hielt und „die Telekom geht an die Börse, da geh ich mit“ brummte, riefen 70 000 Anrufer je Stunde die Hotline an und ließen sich als interessierte T-Aktionäre registrieren. Ich habe damals in dieser Kolumne gegen diese Kampagne gewettert. Genützt hat es wenig.
Wir wissen alle, wie das üble Spiel gelaufen ist; die T-Aktionäre sitzen heute auf gewaltigen Verlusten und ein Ende der Leidenszeit ist nicht abzusehen. Einem enttäuschten Anleger ließ Krug noch 2001 eine höhnische Antwort zukommen: „Manchmal stehen die Aktien hoch, und manchmal stehen sie niedrich, ein Auf und Ab, grad wie beim Arsch vom alten Kaiser Friedrich“, schrieb Manni und im Übrigen könne er das Gejammere nicht mehr hören.
Ob die derzeitige Reue des Ex-Volkshelden ehrlich ist oder bloßes Schauspiel, vermag ich nicht zu beurteilen. Allerdings würde ich mich sehr wundern, wenn er seine damalige Gage, ich tippe auf mindestens eine Million, als Buße dem Gemeinwohl gespendet haben sollte.
Derweil geht das Grauen bei der Telekom fröhlich weiter. Der neue Vorstand um René Obermann senkte Ende Januar seine Gewinnprognose zum zweiten Mal, um nach dem drastischen darauf folgenden Kurseinbruch entsetzt zu versichern, Schlimmeres käme nun nicht mehr nach und außerdem solle die Dividende sicher sein. Ach ja? Wenn das Elend so weitergeht, kann die Ausschüttung künftig gar nicht mehr aus dem operativen Geschäft bezahlt werden. So einfach ist das.
Wie gesagt, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Krug geht in Sack und Asche. Obermann und dem übrigen Telekom-Vorstand steht dies noch bevor. Hauptsache, die Anleger deuten Zeichen wie Wunder richtig. Die Pharisäer sind mitten unter uns, sie sterben nicht aus, es rücken vielmehr immer wieder junge nach.
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