ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2007Als Gastoberarzt in der Schweiz: Mehr Zeit fürs Wesentliche

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Als Gastoberarzt in der Schweiz: Mehr Zeit fürs Wesentliche

Dtsch Arztebl 2007; 104(6): A-379 / B-335 / C-323

Knoch, Marius von

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Der Autor, ein Oberarzt für Orthopädie aus Essen, war für sechs Monate für eine Weiterbildung in Zürich – ein Erfahrungsbericht.

Durch die Wahl zum Intercontinental Shoulder Fellow Harvard-Zürich 2006/2007 konnte ich für sechs Monate als Oberarzt an die Orthopädische Universitätsklinik Balgrist nach Zürich gehen. Von meiner Oberarztstelle an der Klinik für Orthopädie der Universität Duisburg-Essen wurde ich für diese Zeit beurlaubt. Somit erhielt ich einen tiefen Einblick in das zweitteuerste Gesundheitssystem der Welt.
Die Orthopädische Uniklinik Balgrist ist in der Schweiz die zentrale Klinik für die Behandlung orthopädischer Krankheitsbilder unter Zusammenführung der Fachdisziplinen Orthopädie, Rheumatologie, Paraplegiologie und Skelettradiologie mit jeweils eigenen Chefärzten. Auf dem Gebiet der Schulterchirurgie ist die Klinik international herausragend. Meine Oberarztstelle war im Team für die Obere Extremität angesiedelt zur operativen Behandlung von Problemen der Schulter und des Ellenbogens. Die gute Personalausstattung gibt insbesondere den Kaderärzten (Chef-, Leitende und Oberärzte) die Möglichkeit, auch neue operative Verfahren anzuwenden oder zu entwickeln, auch wenn dies zunächst längere OP-Zeiten bedeutet. Darüber hinaus werden insbesondere in der Schulterchirurgie seltenere Verfahren wie Sehnentransfers erprobt und neue Gelenkimplantate entwickelt.
Vor Ort traf ich auf viele deutsche Kolleginnen und Kollegen. Die hierarchische Pyramide vom Unterassistenten bis zu den Chefärzten besteht zu mehr als 30 Prozent aus Kollegen aus Deutschland. Das tägliche Bild wird zudem mitbestimmt von zahlreichen Gastärzten aus dem europäischen Ausland, Asien, Australien und den USA. Die Arbeitszeiten sind lang, aber für eine Universitätsklinik nicht unüblich. Im Durchschnitt arbeitete ich von 5.30 Uhr bis 17.30 Uhr.
Auch die Dokumentation und die Codierung gehören in der Schweiz zum ärztlichen Alltag und werden von allen Hierarchieebenen eigenständig durchgeführt. Allerdings ist der zeitliche Aufwand pro Patient geringer als in Deutschland.
Ein international gutes Renommee genießt die Universitätsklinik Balgrist in Zürich. Foto: Uniklinik Balgrist
Ein international gutes Renommee genießt die Universitätsklinik Balgrist in Zürich.
Foto: Uniklinik Balgrist
Die Gehälter der Ärzte werden ab der Stufe der stellvertretenden Teamleiter attraktiv, welche aus einem Pool aus Privatliquidationen zusätzlich bedient werden. Der Kostendruck im Gesundheitswesen ist aber auch in der Schweiz allgegenwärtig. Ökonomische Themen werden regelmäßig in der Frühbesprechung angeschnitten. Diese Anliegen werden so transportiert, dass die Umsetzung von den Ärzten sehr motiviert erfolgt. Bei den Ärztinnen und Ärzten habe ich eine große Offenheit für notwendige Veränderungen und deren teilweise auch schmerzhafte Umsetzung beobachten können.
Die Förderung wissenschaftlich interessierter Mitarbeiter ist ebenfalls gut organisiert. Assistenten können bei Bedarf zeitweise in die Forschungsabteilung wechseln. Harte Arbeit wird vorausgesetzt, aber die gute Infrastruktur erlaubt dann auch zügig hochkarätige Publikationen.
Die Umgangsformen in der Klinik sind sehr angenehm. Komplikationen werden offen in den gemeinsamen Besprechungen abgehandelt. Wenn sie unvermeidbar waren, werden sie auch in der Regel niemandem schuldhaft zugewiesen. Wenn sie vermeidbar waren, wird die Betonung meist auf Prozessoptimierung gelegt, ohne die Frage der Schuld übermäßig zu betonen. Das Verhältnis zur Pflege, zur Verwaltung und zu den Schreibdiensten ist wohltuend unkompliziert. Hier wird ein freundschaftlicher Umgang gepflegt. Weder konnte ich gewohnheitsmäßiges unsachgemäßes Betragen einer Berufsgruppe gegenüber einer anderen beobachten, noch gab es häufige interdisziplinäre Kompetenzstreitigkeiten.
Die Weiterbildung war in dem hier beschriebenen Beispiel anspruchsvoll und exzellent und ist durchaus weiterzuempfehlen. Ich bin im Vergleich aber auch mit meiner Arbeit in Deutschland zufrieden und habe hier doch sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten. Interessant war für mich zu sehen, dass in Deutschland schon vieles an Veränderungen im Gesundheitssystem geschafft wurde, was in der Schweiz an Gesundheitsreformen gerade erst begonnen wurde und laut eidgenössischer Politik forciert weitergeführt werden wird.
Priv.-Doz. Dr. med. Marius von Knoch, Universität Duisburg-Essen
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