ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2007Arztgeschichte: Verschiedene Öfen und ihre Nebenwirkungen

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Arztgeschichte: Verschiedene Öfen und ihre Nebenwirkungen

Dtsch Arztebl 2007; 104(6): [96]

Montag, Günther

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„Manchmal nahm Hermann einen Stapel der Zeitschriften (Deutsche Ärzteblätter) mit nach Hause und las sie in seiner Freizeit.“

Hermann (19 Jahre) war Gehilfe der Hausmeister im Krankenhaus in X. Seine erste Aufgabe um acht Uhr früh begann hinter einer Stahltür am Ende eines langen Ganges im Krankenhauskeller. Rechts und links der Tür waren Kartons und Säcke gestapelt. Je näher Hermann zur Tür kam, umso grauer wurden die Wände am Ende des Ganges. Hermann öffnete mit seinem Hausmeisterschlüssel die Stahltür. Innen waren die Wände fast ganz schwarz. Das war ja schließlich auch die Müllverbrennungsanlage. Hermann ging über eine schmale Stahltreppe neben dem zweistöckigen Ofen hinunter in den unteren Raum. Dort öffnete er eine Klappe und füllte die noch warme Asche von gestern in Müllsäcke ab. Manchmal waren noch glühende Teile in der Asche, die Löcher in die Plastiksäcke brannten. Dann drückte er einen runden großen Knopf, der den Ölbrenner zündete. Dann stieg er wieder die Treppe hoch. Am oberen Ende des Ofens war ein Einwurfschacht, der in Fußbodenhöhe durch einen rechteckigen Schieber aus Stahlbeton von der Brennkammer getrennt war. Dieser Schacht war in Brusthöhe durch zwei Deckel aus Eisen verschlossen. Schieber und Deckel konnten durch Eisenstangen geöffnet werden, die so lang waren, dass man sich an deren Enden nicht mehr so leicht verbrannte, weil die ganze Geschichte ziemlich heiß werden konnte. Hermann füllte den Zwischenraum zwischen den oberen Deckeln und dem Stahlbetonschieber mit Müllsäcken, schloss die oberen Deckel und öffnete kurz den unteren Schieber, sodass die Säcke hinunter in den Ofen fallen konnten.
Manchmal interessierte sich Hermann dafür, was er denn so alles in den Ofen warf. Besonders wenn etwas Lesbares dabei war. Deutsche Ärzteblätter zum Beispiel. Es waren noch Adressaufkleber von einem der Assistenzärzte dran, die im Personalwohnheim nebenan wohnten. Schon die Titelbilder waren ganz interessant. Einmal gab es Vorher-nachher-Bilder von abgetrennten und teilweise wieder angenähten Fingern, Händen, Beinen, Ohren auf der Titelseite. Manchmal nahm Hermann einen Stapel der Zeitschriften mit nach Hause und las sie in seiner Freizeit. Vieles verstand er nicht, und wenn so langweiliges politisches Gesäusel kam, blätterte er einfach weiter. Aber Medizin schien doch eine interessante Sache zu sein. Franz hatte eine Zeit lang mit Hermann zusammengewohnt. Nachdem Hermann ausgezogen war, lebte er allein in der Altbauwohnung. Er hatte keine Zentralheizung zu Hause, nur Ölöfen und Holzöfen. Weil das Öl ziemlich teuer war, sägte Franz mit einer Kreissäge im Garten alte Bretter und Stangen in kleine Stücke zum Verheizen. Das Wohnzimmerfenster war offen. Musik kam aus dem Fenster. Da passierte es. Ein kleines Spaltstück hatte sich zwischen Schutzblech und Sägeblatt verfangen. Franz langte hin. Das leise „plop“ war nicht zu hören, die Säge und die Musik waren viel lauter. Auf einmal merkte Franz, dass etwas weg war. Der abgesägte rechte Zeigefinger lag auf dem Haufen Holz, das auch schon abgesägt war. Im Krankenhaus sagte man ihm, das haben wir gleich. Am Montag können Sie schon wieder arbeiten. Halt, sagte Franz. Die Bilder fielen ihm ein, in der komischen Ärztezeitschrift, die Hermann im Keller liegen gelassen hatte. Klinikum XX, das hatte er sich gemerkt. Franz wurde nach einigem Diskutieren mit einem Krankenwagen dorthin gebracht. Die freundliche Ärztin, die seinen Finger wieder annähte, sagte, ja, so was haben wir oft.
Jahre später. Franz ist Abteilungsleiter. Das Endglied des rechten Zeigefingers steht ein bisschen schief, und es ist ein bisschen pelzig. Aber sonst hat er keine Probleme, und er ist dankbar, dass der Finger wieder dran ist. Er denkt, wenn der Fingerzeig in dieser Zeitschrift nicht gewesen wäre. . . Hermann hat nach seinem Zivildienst Medizin studiert.
Dr. med. Günther Montag
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