ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2007Horst Hahn: Teilnehmende Beobachtung

KUNST + PSYCHE

Horst Hahn: Teilnehmende Beobachtung

PP 6, Ausgabe Februar 2007, Seite 50

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„Südäthiopien. Mursifrau“. Silber-Gelatine-Abzug auf Barytpapier, 30 × 19 cm auf 30 × 24 cm. Rückseitig signiert und datiert 2005. Foto: Horst Hahn
„Südäthiopien. Mursifrau“. Silber-Gelatine-Abzug auf Barytpapier, 30 × 19 cm auf 30 × 24 cm. Rückseitig signiert und datiert 2005. Foto: Horst Hahn
Das Foto entstand in einer für den Fotografen sensibel zu handhabenden Situation. Man kann der Aufnahme ansehen, dass es kein Schnappschuss im Vorübergehen, kein Überraschen einer fremden Person ist. Diese Frau hat sich frontal zum Fotografen in Positur gestellt. Horst Hahn weiß auch zu berichten von vorangehenden Gesprächen mit Dorfältesten, von Gastgeschenken, von der Zeit, die es braucht, um überhaupt erst in eine Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Erst vor diesem Hintergrund können Fotos wie das hier gezeigte im Sinne einer teilnehmenden Beobachtung entstehen.
Ganz bewusst wählt Horst Hahn überwiegend die Schwarz-Weiß-Fotografie für seine Reportagen. Es ist eine abstrahierende Distanzierung von den Personen wie auch von unserer multimedial überfrachteten farbintensiven Welt. Als Betrachter geraten wir in eine Situation wie im 19. Jahrhundert, als kleine schwarz-weiße oder braun getönte Fotografien fremder Kulturen das Staunen unserer Vorfahren erregte. Staunen können wir auch heute noch angesichts dieser Frau mit der Tellerlippe, geformt durch eine Scheibe aus Holz oder gebranntem Ton. Ein Schönheitsideal? Die Bedeutung dieses eigentümlichen Brauchs ist nicht eindeutig. Eine Theorie besagt, dass sich junge Frauen zu Zeiten der Sklavenjagden auf diese Weise selbst verunstalteten, um als Handelsobjekt uninteressant zu werden. Es wäre auch zu überlegen, ob die von der Sklaverei verschont gebliebenen Frauen ihren weiblichen Nachkommen etwas als schön und begehrenswert vermittelt haben, was sie selber nicht mehr rückgängig machen konnten. Ob die alte Bedeutung der Abwehr des Bösen (der Sklavenjäger) sich nun vielleicht in Vorstellungen einer Abwehr böser Mächte/Geister wiederfindet, wäre ebenfalls zu diskutieren.
Hartmut Kraft


Biografie Horst Hahn
Geboren 1937 in Bergisch Gladbach. Nach einer Lehre als Installateur und Heizungsbauer von 1964 bis 1966 Studium der Restaurierung an der Otto-Klein-Schule in Köln. 1967 bis 2000 Amtsrestaurator für Wandmalerei und Steinskulptur. Als Fotograf Autodidakt. Zahlreiche Reisen nach Afrika und Asien. Seit 1984 Lehraufträge an den Universitäten Essen und Wuppertal. 1994 Aufnahme in die Deutsche Gesellschaft für Fotografie (Köln), 1999 in die Gesellschaft für Fotografie (Berlin). Lebt in Köln.

Literatur
Hahn H: Salz. Produktion und Handel in der Ténéré. Kulturzentrum Sinsteden, Rommerskirchen 2001.
Hahn H: Fotografia. Galeria Art Nova II, Katowice/Polen 2004.
Hahn H: Unterwegs in Äthiopien. Kulturzentrum Sinsteden, Rommerskirchen 2006.
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