ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2007Prävention Psychischer Störungen bei Kindern: Die Zeit rund um die Geburt ist die wichtigste zur Prävention

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Prävention Psychischer Störungen bei Kindern: Die Zeit rund um die Geburt ist die wichtigste zur Prävention

PP 6, Ausgabe Februar 2007, Seite 68

Bühring, Petra

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LNSLNS Gesund­heits­förder­ung- und Präventionsmaßnahmen erreichen häufig nicht diejenigen, die sie brauchen. Für die psychische Gesundheit von Kindern sind Programme wichtig, die die frühe Eltern-Kind-Bindung stärken.

Sichere Bindung: Immens wichtig für die kindliche Entwicklung. Foto: Caro
Sichere Bindung: Immens wichtig für die kindliche Entwicklung. Foto: Caro
Die Ottawa-Charta der WHO aus dem Jahr 1986 gilt als Grundsatzdokument der Gesund­heits­förder­ung. Erstmalig wurde damals ein Gesundheitsverständnis propagiert, nach dem Gesundheit mehr ist als Abwesenheit von Krankheit. Gesund­heits­förder­ung und Prävention sollen als gesellschaftliche Aufgaben verstanden werden, die den Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung und Gestaltung ihrer Gesundheit ermöglichen. Ist das Ziel 20 Jahre später erreicht worden? Mit dieser Frage – bezogen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen – befassten sich Experten, die die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Fachgespräch in den Bundestag eingeladen hatte. Herausgehoben wurde die psychische Gesundheit, weil sich eine „neue Morbidität“ feststellen lässt, wie Heike Hölling, Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung des Robert-Koch-Instituts (RKI), erläuterte: „Es gibt eine Verschiebung von somatischen zu psychischen Erkrankungen, ebenso wie von akuten zu chronischen Erkrankungen.“
Besonders betroffen sind immer schon Kinder aus sozial schwachen „bildungsfernen“ Familien gewesen. Diese Kinder und Jugendlichen haben ein bis zu vierfach erhöhtes Risiko für psychische Auffälligkeiten. Ebenso belastend ist ein schlechtes Familienklima mit vielen Konflikten. Das sind aktuelle Ergebnisse der BELLA-Studie, dem Modul zur psychischen Gesundheit im Rahmen von KIGGS, dem Survey zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, den das RKI durchgeführt hat (siehe PP 11). Es ist also nahe liegend, sozial schwache junge Familien möglichst früh zu unterstützen, um einer psychischen Störung ihrer Kinder vorzubeugen.
Frühwarnsysteme
Die Experten waren sich einig: Soziale Frühwarnsysteme rund um Schwangerschaft und Geburt, Familienhebammen, Beratungsangebote und Trainings zur Stärkung der Elternkompetenz sind die beste Prävention psychischer Störungen. „Alle Maßnahmen, die dazu beitragen, eine gesicherte Eltern-Kind-Bindung entstehen zu lassen, sind immens wichtig“, betonte Peter Lehndorfer von der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. „Die Spanne vor und nach der Geburt ist die wichtigste Zeit zum Aufbau einer guten Eltern-Kind-Bindung“, erklärte auch Dr. med. Christa Schaff, Vorsitzende des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Bereits in Schwangerschaftsvorbereitungskursen könne vermittelt werden, was zum Aufbau eines sicheren Bindungsverhaltens beitrage.
Die sehr frühe Prävention psychischer Störungen (risikobezogen) oder Förderung der psychischen Gesundheit (ressourcenbezogen) ist vielleicht die wichtigste Maßnahme, doch auch Maßnahmen im Kindergarten und in der Schule können hilfreich sein – vorausgesetzt, sie erreichen die Zielgruppen. Denn: „Psychische Gesundheit ist auf dem besten Weg, die nächste Modeprävention zu werden“, sagte Thomas Altgeld von der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V. bei dem Fachgespräch. Gegenwärtig sei die Adipositasprävention in Mode. Altgeld hofft, dass bei der psychischen Gesundheit die dabei gemachten Fehler vermieden werden. Adipositas- Präventionsprogramme seien meist monothematisch und sektorbezogen; die Träger ständen in Konkurrenz zueinander. „Das Nebeneinander von Präventionsansätzen und -settings macht präventionsmüde“, sagte Altgeld. Er warb für integrierte, sozialraumbezogene Ansätze, bei denen die Zielgruppen schon bei der Konzeption der Präventionsprogramme mit einbezogen werden.
Denn die Zielgruppen, die sozial Benachteiligten, würden meist nicht erreicht. „Im Sinne eines ,inverse care law‘ holen sich zumeist die Bessergestellten die gesundheitlichen Leistungen“, kritisierte Altgeld. Nur 0,8 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten wurden 2003 von Programmen zur Primärprävention der Krankenkassen erreicht, überwiegend waren dies ältere gebildete Frauen.
Sozialer Rückzug
Sozial schwache, bildungsferne Familien schicken ihre Kinder auch seltener in den Kindergarten: Die Besuchsquote nimmt mit sinkendem Nettoeinkommen ab. Auch soziale Dienste und Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt werden weniger wahrgenommen, obwohl all diese Leistungen für die Betroffenen kostenlos sind. Thomas Altgeld spricht von „sozialem Rückzug“. Zwar mangelt es bei den Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt (U) noch an einer Erfassung der kognitiven emotionalen und psychosozialen Entwicklung, wie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Lehndorfer einwandte. Auch zu Beginn des Kindergartenalters könn-te seiner Ansicht nach der öffentliche Gesundheitsdienst systematische Screenings durchführen, um Mängel bei der psychosozialen Entwicklung aufzudecken und den Betroffenen entsprechende Fördermaßnahmen anzubieten. Doch wer nicht hingeht, kann auch nicht gefördert werden. Vielleicht könnte durch verpflichtende Us und Screenings der soziale Rückzug vermieden werden, der in vielen Fällen die Armutspirale in Gang setzt.
Nach Ansicht der Experten wird auch 20 Jahre nach Ottawa „Gesund­heits­förder­ung nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen“. Einiges könne jedoch aktuell getan werden, um die, die Hilfe brauchen, zu erreichen: Frühwarn- und Hilfssysteme in die Geburtshilfe integrieren; ein Bundesmodellprojekt Familienhebammen durchführen; qualitativ hochwertige Präventionsprogramme mit vernetzten Trägern etablieren. Der Bundestagsabgeordnete Harald Terpe MdB, Sprecher für Sucht- und Drogenpolitik der Grünen, fasste die Handlungsoptionen für die Politik zusammen: mehr finanzielle Ressourcen für Prävention zur Verfügung stellen; die Prävention psychischer Erkrankungen in die Regelversorgung einbetten; das Thema psychische Gesundheit in ein neues Präventionsgesetz aufnehmen und schließlich in einer konzertierten Aktion aller Akteure die Ansätze in der Praxis vernetzen.
Petra Bühring
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