ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/20073 Fragen an… Prof. Dr. med. Heribert Kentenich, Chefarzt an den Berliner DRK-Westend-Kliniken

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3 Fragen an… Prof. Dr. med. Heribert Kentenich, Chefarzt an den Berliner DRK-Westend-Kliniken

PP 6, Ausgabe Februar 2007, Seite 73

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Prof. Dr. med. Heribert Kentenich
Prof. Dr. med. Heribert Kentenich
DÄ: In vielen Ländern beschneiden zunehmend Ärzte die Frauen. Was halten Sie davon?
Antwort: Die Beteiligung von Ärzten an der weiblichen Genitalverstümmelung ist grausam und unverständlich. Jeder Arzt weiß, dass dieser Eingriff an einem gesunden Körper vorgenommen wird und sowohl psychisch als auch körperlich nur Schaden anrichten kann.
Ein erschreckendes Beispiel zeigt sich in Ägypten: Dort ist die Rate an weiblicher Genitalverstümmelung zwar von 95 auf 50 Prozent gesunken. Allerdings werden nunmehr drei Viertel aller weiblichen Beschneidungen von Ärzten durchgeführt. Die Ärzte rechtfertigen dies damit, dass die hygienischen Bedingungen besser wären als auf dem Lande, wo der Eingriff von „erfahrenen Frauen“ durchgeführt wird. Diese Rechtfertigung ist ethisch völlig inakzeptabel, da junge Mädchen geschädigt werden. Ebenfalls unethisch erscheint mir, dass die Ärzte dann auch noch daran verdienen.

DÄ: Welchen Stellenwert hat das Thema in der medizinischen Aus- und Weiterbildung in Deutschland?
Antwort: Die weibliche Genitalverstümmelung ist im Rahmen der Fortbildung schon Thema auf Kongressen gewesen, zum Beispiel beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe.
Zugleich wird es in die Ausbildung zur „psychosomatischen Grundversorgung“ hineingenommen. Alle Frauenärzte in Deutschland haben die Ausbildung zur psychosomatischen Grundversorgung als Teil ihrer Weiterbildung. Dort wird Gesprächsführung, aber auch Theorie der psychosomatischen Frauenheilkunde, vermittelt. Ein Teil dessen betrifft den Umgang mit Patientinnen mit Genitalverstümmelung in Deutschland.

DÄ: Warum hat die Bundes­ärzte­kammer Empfehlungen veröffentlicht?
Antwort: Die Leitlinie soll dazu dienen, dass die in Deutschland betroffenen 20 000 bis 30 000 Frauen unter Respektierung ihres Körpers, ihrer psychischen Verfassung, aber auch ihres kulturellen Hintergrundes gut behandelt werden, wenn sie eine Gynäkologin oder einen Gynäkologen aufsuchen. Weiterhin muss vermieden werden, dass die Töchter der Migrantinnen im Urlaub in den Heimatländern beschnitten werden.
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