ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2007Philosophie und Hirnforschung: Spannende Diskussionen

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Philosophie und Hirnforschung: Spannende Diskussionen

PP 6, Ausgabe Februar 2007, Seite 77

Koch, Joachim

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LNSLNS Die Freiheit des menschlichen Willens wird gegenwärtig breit und kontrovers diskutiert. Ein Überblick über einige wichtige aktuelle Publikationen

Das Thema der menschlichen Willensfreiheit wird derzeit ausgiebig diskutiert. Auslöser sind Ergebnisse der Hirnforschung, durch die sich einige Wissenschaftler genötigt sehen, dem Menschen einen freien Willen abzusprechen.
Der 1916 geborene Neurowissenschaftler Benjamin Libet hat durch seine Arbeit harte experimentelle Daten erbracht, die immer wieder als Argumente in der Debatte um die menschliche Willensfreiheit benutzt wurden. Unvergessen ist sein Aufsatz „Unconscious cerebral initiative and the role of conscious will in voluntary action“, der 1985 in der Zeitschrift „Behavioral and Brain Sciences“ erschien.
Weil seine Ergebnisse der Alltagserfahrung widersprechen, sind sie immer wieder überraschend, wenn man damit konfrontiert wird: Unser Bewusstsein von unseren eigenen Handlungen tritt erst eine halbe Sekunde nach der Handlungsdurchführung ein. Mit den experimentellen Befunden dazu und den theoretischen Voraussetzungen dieser Feststellung macht Libet (2005) im ersten Teil seines neuen Buches systematisch und gründlich vertraut. Danach diskutiert er das Verhältnis von unbewussten zu bewussten geistigen Funktionen: Nach seiner Time-on-Theorie führt Bewusstsein im Vergleich mit unbewussten psychischen Funktionen zu einem beträchtlichen Anstieg der Dauer entsprechender neuronaler Aktivität.
Nach Libets Ansicht leitet der bewusste freie Wille den späteren Handlungsprozess nicht ein, hat jedoch die Möglichkeit, das Fortschreiten und das Ergebnis des Willensprozesses zu steuern, was unter dem Stichwort „Veto-Funktion des Bewusstseins“ bekannt ist. In einem weiteren Teil des Buches geht Libet der Frage nach, wie bewusstes subjektives Erleben aus Aktivitäten der Nervenzellen im Gehirn entstehen kann, und stellt die Theorie eines bewussten mentalen Feldes auf, das zwischen beiden vermittelt. Auch zu der Frage der moralischen Verantwortung äußert sich Libet eindeutig: Weil wir bewusste Kontrolle über den tatsächlichen Vollzug unseres unbewusst eingeleiteten Willensprozesses haben, sind wir für unsere bewusst gesteuerten Entscheidungen verantwortlich; dies gilt jedoch nicht für unsere unbewusst eingeleiteten Impulse, die unseren bewussten Entscheidungen vorausgehen.
Libet zeigt sich als besonnener Interpret der Daten (im Gegensatz zu vielen anderen Wissenschaftlern), der die Daten nicht überinterpretiert, denn die libetschen Experimente befassen sich lediglich mit einem begrenzten Ausschnitt menschlichen Handelns. Den Deterministen, die jegliche menschliche Handlungs- und Willensfreiheit bestreiten, erteilt Libet eine deutliche Absage, indem er eine Grenze zieht zwischen dem, was die Daten hergeben, und einer Überinterpretation, die er als unwissenschaftlich charakterisiert.
In einen wesentlich weiteren Bereich der Reflexion ordnet Detlev B. Linke (2005) seine Überlegungen ein. Ausgehend von Libets Experimenten plädiert er für Freiheit und Rationalität, indem er die Ergebnisse der Hirnforschung in unsere kulturellen Traditionen einbettet und ausführlich diskutiert. Er zieht das Fazit, dass Freiheitstheorie und Hirnforschung nicht nur nebeneinander bestehen können, sondern dass es anhand der bestehenden Daten ungerechtfertigt wäre, eine strenge deterministische Position einzunehmen. Eine Negierung der Freiheitstheorie ließe seiner Ansicht nach die Gefahr aufscheinen, dass der Mensch seine Würde verliert. Hier wird deutlich, dass die Diskussion um das Paradigma der Willensfreiheit eine grundlegende Dimension berührt, bei der es um Werthaltungen gegenüber dem Menschen geht, die auch strafrechtlich relevant werden können. Eine strenge deterministische Position spräche dem Menschen die Verantwortlichkeit ab und würde ihn der Verantwortung für sein Handeln entledigen.
Linke weist den libetschen Experimenten einen engen Geltungsrahmen zu und merkt an, dass sie die Ausführung instruierter Fingerbewegungen zum Thema haben, aber nicht komplexe Entscheidungsprozesse im Sinne des Abwägens von Gründen, wo menschliches Verhalten in wesentlich größeren zeitlichen Dimensionen stattfindet. Für seine Argumentation der Verteidigung der menschlichen Freiheit hat der kürzlich verstorbene Detlev B. Linke, der Professor für Klinische Neurophysiologie sowie Philosophie in den Naturwissenschaften war, eine Fülle von Ergebnissen der Hirnforschung und andere wissenschaftliche Ergebnisse referiert, diese auf interessante Art und Weise aufbereitet und mit Weitsicht interpretiert.
In fünf Essays beschäftigt sich der frühere Kulturstaatsminister und heutige Professor für Philosophie, Julian Nida-Rümelin (2005), mit dem Thema der menschlichen Freiheit. In einem Nachwort geht er explizit auf die aktuelle Kontroverse zwischen Philosophie und Neurowissenschaften ein. Er stellt Argumente derjenigen Neurowissenschaftler dar, die behaupten, dass ihre empirischen Befunde zweifelsfrei belegen, dass menschliche Freiheit eine Illusion ist, und entgegnet mit überzeugenden Begründungen, dass menschliche Freiheit, verstanden als die naturalistische Unterbestimmtheit unserer Handlungs- und Urteilsgründe, nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft nicht als widerlegt gelten kann.
Ebenso aus philosophischer Sicht stellt John R. Searle (2006), der als einer der renommiertesten amerikanischen Philosophen gilt, seine Überlegungen zur Willensfreiheit dar. Er stellt sie in den Zusammenhang der anderen wichtigen Themen der Philosophie des Geistes, die heute diskutiert werden: das Leib-Seele-Problem, das Problem der Intentionalität und das Problem der mentalen Verursachung. Searle macht deutlich, dass alle bisherigen Lösungsversuche unzulänglich waren und dass neue Lösungskonzepte vonnöten sind, die Begrifflichkeiten verwenden, die die alten falschen Fährten verlassen.
Dazu untersucht Searle die alte Dichotomie des Dualismus versus Materialismus beziehungsweise Monismus und macht die positiven Seiten der beiden Positionen deutlich wie auch ihre Grenzen, die es verbieten, eine der beiden Positionen heute zu vertreten. Der Materialismus negiert mentale Prozesse, der Dualismus hat das Problem, dass er ungerechtfertigt Mentales und Physisches einander entgegenstellt. Searles Lösungsvorschlag ist so überraschend wie einfach: Neuronale Gehirnprozesse der niedrigeren Ebene verursachen alle Bewusstseinszustände. Bewusste Gedanken und Gefühle sind von neurobiologischen Gehirnprozessen verursacht. Das Mentale ist nach Searle eine Eigenschaft der physischen Struktur des Gehirns. Mit dieser Konzeption, die er „biologischen Naturalismus“ nennt, umgeht Searle die Fallstricke bisheriger Positionen.
In Bezug auf die Frage der Willensfreiheit untersucht Searle, ob der psychologische Determinismus und der neurobiologische Determinismus wahr sind. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen Möglichkeiten haben, sich zu entscheiden, und dass nicht alles vorherbestimmt ist. Bezüglich der großen Frage nach der menschlichen Willensfreiheit insgesamt führt er aus, dass diese noch nicht abschließend beantwortet werden kann, während auch noch unklar ist, wie genau freier Wille, wenn es ihn überhaupt gibt, im Gehirn existiert.
Die Diskussion der menschlichen Willensfreiheit bleibt spannend und relevant. Ganz aktuell werden Auswirkungen für das Strafrecht diskutiert, denn wenn Menschen für ihre Handlungen nicht verantwortlich wären, weil sie nicht anders handeln können, sollte das Auswirkungen auf die Strafbemessung haben. Mit Spannung können neue weiterführende Beiträge zum Thema erwartet werden.
Joachim Koch

Literatur
1. Libet B: „Unconscious cerebral initiative and the role of conscious will in voluntary action“. In: Behavioral and Brain Sciences 8/ 1985: 529–66.
2. Libet B: Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 2005.
3. Linke DB: Freiheit und das Gehirn. Eine neurophilosophische Ethik. München: Beck Verlag 2005.
4. Nida-Rümelin J: Über menschliche Freiheit. Ditzingen: Reclam Verlag 2005.
5. Searle JR: Geist. Eine Einführung. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 2006.
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