ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2007Sexualisierung als unerkannte Abwehr: Überflüssige Odysseen

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Sexualisierung als unerkannte Abwehr: Überflüssige Odysseen

PP 6, Ausgabe Februar 2007, Seite 84

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LNSLNS Sexuelle Symptome scheinen bei vielen Psychotherapeuten weniger Neugier auszulösen als vielmehr die Angst, mit den eigenen therapeutischen Möglichkeiten an Grenzen zu stoßen. Ein Beispiel, das Verständnis fördern will

Ein sympathisch wirkender Mann, 32 Jahre alt, dezent gekleidet, sitzt mir im Erstgespräch gegenüber. Er erzählt zunächst von der Odyssee, die er hinter sich hat. Sein Hausarzt hat ihm drei Adressen von Psychotherapeuten gegeben. Nachdem er sein Problem vorgetragen hat, erklären alle, dass sie es vorzögen, ihn nicht zu behandeln. Zwei Kollegen bieten ihm zwar weitere Gespräche an, sagen aber auch deutlich, dass sie sich nicht zutrauen, an seiner Symptomatik zu arbeiten. Der Patient geht zurück zu seinem Hausarzt, der schickt ihn jetzt zu einem Psychiater, der wiederum zur Sexualberatungsstelle im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der Kollege dort schickt ihn zu mir. Sein Problem: Er hat immer wieder den unwiderstehlichen Drang, zu Prostituierten zu gehen. Hätte derselbe Mann den gleichen Drang gehabt, etwas zu klauen oder bei Rot über die Ampel zu fahren, hätte er wahrscheinlich bessere Chancen gehabt, schnell einen Therapieplatz zu bekommen.
Dies ist leider kein Einzelfall. Immer wieder berichten Therapeuten aus Sexualambulanzen oder niedergelassene Psychotherapeuten, mit Zusatzausbildungen für die Behandlung sexueller Störungen, darüber, wie schnell Patienten mit sexuellen Symptomen an sie überwiesen werden. Sexuelle Symptome scheinen weniger Neugier auszulösen als vielmehr Unsicherheit und den Schrecken, mit den eigenen therapeutischen Möglichkeiten an Grenzen zu stoßen. Kommen noch deviante/perverse Tendenzen hinzu, werden häufig gleich schwerste strukturelle Störungen und unauflösbare Fixierungen vermutet. Ein weiteres Problem, das häufig von Fortbildungsteilnehmern genannt wird, ist das Tabu, über sexuelle Details zu sprechen.
Während die meisten Psychotherapeuten keine Scheu haben, bei kleptomanischer Symptomatik genau nachzufragen, wann zum Beispiel der Drang zu klauen auftaucht, ob Frustrationen oder Kränkungen vorausgegangen sind, mit welchem Gefühl der Patient den Laden betritt, was er von seiner Umgebung wahrnimmt, welches seine begehrten Objekte sind, zu welchen Interaktionen es kommt, wann die Spannung und wann die Befriedigung am größten sind, was passiert, wenn er entkommt und was für Gefühle in ihm ausgelöst werden, wenn er erwischt wird, scheint das Tabu, mit Fremden über Sexualität zu sprechen, wirksam zu verhindern, die gleichen Fragen Patienten mit sexueller Symptomatik zu stellen. Therapeuten sollten sich aber verdeutlichen, dass die Patienten genau über dieses Thema reden und sich darüber klar werden wollen, was eigentlich in ihnen vorgeht. Die eigenen Hemmungen sollten dem Patienten nicht im Weg stehen, auch wenn das Thema Sexualität in den meisten Ausbildungen ausgeklammert bleibt – was unter professionellen Gesichtspunkten unverständlich ist.
Es ist auch bei dem oben genannten Patienten unbedingt erforderlich, genau zu fragen, wann sein Drang, zu Prostituierten zu gehen, auftaucht, was er dann macht, wie er sich genau dabei fühlt, was sich sowohl emotional als auch in seinem Körperempfinden abspielt. Denn der Thrill, den der Patient sucht, den er aus noch unerfindlichen Gründen braucht, hat bei dieser Art Symptomatik ganz unmittelbar etwas mit seinem Körpererleben zu tun. Genauso wichtig ist es, ein genaues Bild vom Ablauf der Symptominszenierung zu erhalten, die sich fast immer nach einem gleichen Schema abspielt. Es ist wichtig, dieses Schema nach unbewussten Reinszenierungen zu untersuchen und auch immer wieder nach den körperlichen Reaktionen, den Spannungs-, Erregungs- und Befriedigungszuständen zu fragen.
Symptomatik entschlüsseln
Vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte fallen dann irgendwo Details auf, die helfen, die Symptomatik zu entschlüsseln: Der genannte Patient beschreibt zum Beispiel eine intensive, zwanghaft-getriebene Suche nach der ultimativen Frau. Die Vorstellung, es könnte noch eine Frau geben, die er übersehen hat und die mehr Befriedigung verspricht, ist unerträglich und führt zur sofortigen Weitersuche. Der Patient ist während dieser Zeit nicht ansprechbar, reagiert gereizt auf Störungen und sitzt völlig verspannt. Bei ihm wird bei genauem Nachfragen deutlich, dass er möglichst viel Normalität will, keine lange Liste von ausgefallenen Sexpraktiken, sondern ausschließlich „normalen“ Sex. Die Umgebung muss privat sein. Der Moment vor der Tür: Hat es sich gelohnt oder wird er enttäuscht? Wenn die Frau zu aufgetakelt, zu geschäftlich oder zu kühl ist, denkt er sich eine Ausrede aus, um sie nicht zu kränken, und begibt sich weiter zur nächsten Adresse. Manchmal wenn er sich nicht traut, wieder zu gehen, bringt er den Beischlaf schnell hinter sich. Wenn die Frau seiner Vorstellung entspricht, überkommt ihn nach den Stunden der Hochspannung ein Glücksgefühl. Während die Frau noch im Badezimmer ist und er für einen kurzen Augenblick allein auf dem Bett liegt, erlebt er einen Moment tiefer Ruhe und Entspannung. „Eigentlich könnte ich dann schon nach Hause gehen.“ Dies ist die Stelle, von der aus sich die Symptomatik entschlüsseln lässt. Die Spannung, die völlige Fixierung auf dieses eine Ziel, löst sich das erste Mal auf. Es kommt zu einer tiefen Entspannung und Befriedigung, die vor der sexuellen Handlung liegt und die dem Patienten bis zum Therapiegespräch kaum bewusst gewesen ist. Ohne näher auf den biografischen Hintergrund einzugehen, sei gesagt, dass der Patient nie das Gefühl hatte, sich zu Hause fallen lassen zu können. So offen, wie in diesem Fall, liegt die Sexualisierung von regressiven Wünschen selten vor. Aber bei den meisten neurotischen Störungen, in denen ein Wunsch abgewehrt und durch einen leichter zu befriedigenden ersetzt wird, geht es um die Sexualisierung von frühen Wünschen nach Geborgenheit, Gesehen- und/oder Gehaltenwerden.
Die Sexualisierung als Abwehrform zu denken, erscheint zunächst vielleicht befremdlich. Denn Anfang des letzten Jahrhunderts, mit dem Beginn der Psychoanalyse, waren es gerade die sexuellen Triebe oder Bedürfnisse, die individuell und kollektiv verdrängt werden mussten und zu neurotischen Konflikten führten. In dieser Tradition erscheint Sexualität vielleicht immer noch als etwas Bedrohliches, das sich seinen Weg aus den Tiefen des Unbewussten an die Oberfläche bahnt und nicht ohne Weiteres tauglich zur Tarnung von heute oft viel bedrohlicheren Wünschen benutzt wird – bei Männern häufig regressive Wünsche, bei Frauen aggressive. Anders kann es bei strukturell schwerer gestörten Patienten aussehen: Dort könnte ein fast identisches sexuelles Symptom die Funktion einer Plombe haben, die das Ich zusammenhält, wenn unter dem Einfluss einer starken Kränkung oder Bedrohung die Fragmentierung droht. Das Vorhandensein einer Persönlichkeitsstörung heißt jedoch nicht automatisch, dass die sexuelle Symptomatik die Funktion einer Plombe hat – hier kann genauso ein neurotischer Konflikt vorliegen.

Anschriften der Verfasserinnen
Dr. Sonja Düring, An der Alster 15, 20099 Hamburg, E-Mail: sonja.duering@hamburg.de
Margret Hauch, Institut und Poliklinik für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistraße 52, 20246 Hamburg
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