ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2007Primärprävention bei Essstörungen: Geschlechtsspezifische Angebote erforderlich

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Primärprävention bei Essstörungen: Geschlechtsspezifische Angebote erforderlich

PP 6, Ausgabe Februar 2007, Seite 85

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LNSLNS Aufgaben der Primärprävention bei Essstörungen bestehen darin, klinischen Ausprägungen vorzubeugen, Risikofaktoren frühzeitig zu verhindern und eine hohe Lebensqualität möglichst lange zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen. Seit den 1980er-Jahren versuchen unter anderem schulische Programme, diese Aufgaben zu erfüllen. Während die ersten Programme auf Wissensvermittlung, Aufklärung und Abschreckung gesetzt hatten, beziehen moderne Programme neben Risikofaktoren auch Schutzfaktoren ein. Allerdings erfüllen diese bisher nur mäßig die Erwartungen. So lieferte beispielsweise Psychoedukation nur mittlere Wissenszuwächse und geringe Effekte auf der Ebene von Einstellungs- und Verhaltensänderungen. Als vielversprechend erwies sich hingegen der sogenannte Lebenskompetenzansatz („life-skills“) von Botvin. Er liegt mittlerweile zahlreichen evaluierten deutschen Programmen zugrunde. Der Ansatz fördert allgemeine personale und soziale Lebens- und Bewältigungskompetenzen zur Vorbeugung gesundheitsgefährdenden Verhaltens. Er ist verhaltenstheoretisch ausgerichtet und basiert unter anderem auf der sozial-kognitiven Lerntheorie Banduras. Im Rahmen von Gruppenarbeiten und -diskussion werden alterstypische Themen und Konflikte angesprochen und erarbeitete Problemlösestrategien mithilfe von Rollenspielen eingeübt. Im Vordergrund stehen dabei die persönlichkeitsfördernde Stärkung individueller Lebenskompetenzen zur Konflikt- und Stressbewältigung in Bereichen der Kommunikation, Entscheidungsfindung, Konfliktregulierung sowie der Aufbau von Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und Empathie. Um Präventionserfolge zu erzielen, müssen Primärprogramme nach Erfahrung des Autors verschiedene Kriterien erfüllen. Dazu zählt beispielsweise, dass die Programme einen hohen Interaktionsgrad haben und die Teilnehmer aktiv einbezogen werden. Mehrere Projekteinheiten erzielen bessere Erfolge als einmalige Projekte. Selektive Programme, die sich an spezifische Risikogruppen richten, schneiden besser ab als universelle Programme. Essstörungen, insbesondere Anorexie, aber auch subklinische Formen, treten relativ früh auf. Daher sollten primärpräventive Interventionen spätestens ab dem Alter von zwölf Jahren beginnen. Essstörungen kommen bei Mädchen wesentlich häufiger vor als bei Jungen. Aus diesem Grund sollten präventive Programme geschlechtsspezifische Angebote bereitstellen. Um die bekannten Risikofaktoren (zum Beispiel Diätverhalten, Gewichtssorgen, familiäre Interaktion, Perfektionismus, negativer Selbstwert) in ihrer komplexen Wechselwirkung zu berücksichtigen, sollte eine präventive Intervention stets die Trias „Medien, Eltern, Gleichaltrige“ einbeziehen. Anorexie geht mit einer hohen Mortalitätsrate einher, die selten durch Mangelernährung, häufig jedoch durch Suizid verursacht wird. Daher sollten primärpräventive Ansätze auch die Bereiche Autoaggression und Suizidgedanken bearbeiten. Im deutschsprachigen Raum gibt es bislang nur eine überschaubare Anzahl von wissenschaftlich konzipierten Präventionsprogrammen von Essstörungen wie zum Beispiel „Jugend mit Biss“, „PriMa“ (Primärprävention Magersucht), „Wie schlank muss ich sein, um geliebt zu werden?“, „Dünn und dann?“ sowie „Durch dick und dünn“. ms

Berger U: Primärprävention bei Essstörungen. Psychotherapeut 2006; 3: 187–96.

Botvin J: Preventing adolescent substance abuser through life skills training. In: Price R, Cowen E, Lorion R, Ramos-McKay J (eds.): Fourteen ounces of prevention. American Psychological Association, Washington, DC 1988; 98–110.

Dr. Uwe Berger, Institut für Medizinische Psychologie, Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität, Steubenstraße 2, 07740 Jena, E-Mail: uwe.berger@uni-jena.de
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