ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2007Systemische Therapie: Wohltuende Wertschätzung

BÜCHER

Systemische Therapie: Wohltuende Wertschätzung

PP 6, Ausgabe Februar 2007, Seite 87

Altmeyer, Susanne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Welche guten Gründe könnte es für Psychotherapeuten geben, dieses Buch nicht zu lesen?
Erstens: Der sehr erfolgreiche Band I ist seit 1996 nun schon in der neunten Auflage erschienen und gilt als Basiswerk der systemischen Therapie. Wozu Band II? Kommentar: Band II unterscheidet sich grundlegend. Im ersten Kapitel werden die Grundlagen der systemischen Therapie mit ihrer Kontextfokussierung und Lösungsorientierung erklärt, die nachfolgenden drei Kapitel sind störungsspezifisch und auf die ICD-10 Bezug nehmend aufgebaut. Mit der inneren Gliederung in Störungsbilder – Beziehungsmuster – Entstörungen (= therapeutische Interventionen) und dem ausdrücklich biopsychosozialen Krankheits- und Gesundheitskonzept bietet er eine irritierende und inspirierende Perspektivenerweiterung zu herkömmlichen psychotherapeutischen und medizinischen Lehrbüchern.
Zweitens: Systemische Therapie und Störungsspezifität – das widerspricht sich doch. Kommentar: Verständigung und Verstehen erfordern das Benutzen einer gemeinsamen Sprache. Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe haben sich bemüht, auf „medizinisch“ die systemische Herangehensweise zu skizzieren, und dort, wo dieser Sprache die Begriffe fehlen, auf „systemisch“ zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Das macht es spannend sowohl für die im medizinischen System sozialisierten als auch für die von vorneherein systemisch arbeitenden Professionellen.
Drittens: Die systemische Therapie ist nach wie vor kein Richtlinienverfahren. Lohnt sich die Beschäftigung damit überhaupt? Kommentar: Die Autoren zeigen, dass die Wirksamkeit der systemischen Therapie gerade für schwere Störungen wie Drogenabhängigkeit, Essstörungen und Jugenddelinquenz inzwischen wissenschaftlich eindeutig belegt ist und sie in vielen europäischen Ländern und den USA längst zu den Richtlinienverfahren gehört. Sie stellen sich in ihrem Werk explizit der Frage, was genau die systemische Therapie für die Behandlung von Krankheiten leisten kann. Ihr Spektrum umfasst die systemische Psychotherapie von Erwachsenen, die systemische Kinder- und Jugendlichentherapie und die systemische Familienmedizin und beleuchtet die Anwendung bei Krankheitsbildern, die hochaktuell und weitverbreitet sind.
Fazit: Möglicherweise gibt es keine richtig guten Gründe für Psychotherapeuten, dieses Buch nicht zu lesen, und wahrscheinlich ist die Beschäftigung damit sogar für Mediziner interessant, die nicht primär psychotherapeutisch tätig sind. Die, die es tun, können sich auf ein sehr klar und transparent durchkomponiertes Werk freuen. Es trägt gut verständlich, praxisorientiert und illustriert durch viele Fallbeispiele das aktuelle systemische Wissen zu den unterschiedlichen Krankheitsbildern und ihren Behandlungsmöglichkeiten umfassend zusammen. Das Besondere daran: die wohltuende Wertschätzung von Lesern und Patienten, die erfrischende Respektlosigkeit gegenüber Ideen und Konzepten mit Bärten und der unverdrossene Glaube daran, dass auch alles ganz anders sein kann.
Susanne Altmeyer

Jochen Schweitzer, Arist von Schlippe: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006, 452 Seiten, kartoniert, 39,90 €
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema