ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2007Neo Rauch: Retrospektive in Wolfsburg

KULTUR

Neo Rauch: Retrospektive in Wolfsburg

PP 6, Ausgabe Februar 2007, Seite 90

Groß, Roland

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LNSLNS Das Phänomen eines deutschen Malerei-Erfolgs wird besichtigt.

Heute Wolfsburg, morgen New York! Neo Rauch, Leipziger Maler und Hochschulprofessor (seit 2005), wird im Mai 2007 im Metropolitan Museum am Central Park gezeigt werden – und es dann endgültig geschafft haben. Vor allem die kunstmarkensüchtigen Amerikaner sind vernarrt in die „Leipzig School“, deren Kühlerfigur der 46-jährige Rauch gleichsam ist. Platz 79 auf dem aktuellen „Capital“-Kunstkompass, Preise jenseits der 200 000 Euro, Tendenz stark steigend. Sein Entdecker, Galerist und Vermarkter Judy Lybke kann Rauch-Zeichen verkaufen, die noch gar nicht aufgestiegen sind.
Einem Maler wie Anselm Kiefer erging es einst ähnlich, er hat das Rückzugsgefecht geschafft und ist ein guter Künstler geblieben. Rauch muss das erst noch beweisen. Erfolg kann furchtbar sein, nur wenige überleben ihn. Nach der derzeitigen ersten großen Einzelpräsentation (80 Gemälde) im Kunstmuseum Wolfsburg, künstlerisches Zwischenfazit eines bislang zumindest galeristisch gesteuerten Malerlebens von 13 Jahren Dauer, wird es erst richtig losgehen. „Neo Rauch – Neue Rollen. Bilder 1993 bis heute“, so der Ausstellungstitel. Galerist Lybke entdeckte ihn 1993, wobei Rauch auch schon zuvor malte, was etwa nicht nur 1988 in der „X. Kunstausstellung der DDR“ zu betrachten war. Rauch ist in Leipzig (bei Professor Rink) durch die wie auch immer figurative Schule des wie auch immer Sozialistischen Realismus gegangen. Doch auch Rauch selber stieß 1992/93, gleichsam Lybke-parallel, „auf erste grundlegende Selbstwahrnehmungsaspekte im Zuge des Arbeitens“, wie in einem aktuellen Interview zu lesen ist. Wann und ob überhaupt „die Fortsetzung des Traums mit anderen Mitteln“ – so Neo Rauch über die Malerei Neo Rauchs – aus dem Programm-Angebot des Kunst-Zeitgeists herausgenommen wird, ist vergleichbar den weiten Feldern seiner 3 3 4 Meter-Formate.
Was macht den Erfolg des Phänomens Neo Rauch aus? Der Blick auf die aktuellen Bilder offenbart zunehmend Bild-Geschichten aus dem Angst-Untergrund unserer Seele, die aber dennoch grell-visuell durch Lese-Bilder unterhalten werden will, das Deuten und Palavern darüber inbegriffen: Debile, geklonte Figuren-Automaten stehen als verfügbare Hinrichtungskommandos zur Verfügung. Neben dem Werbeschild „Plazenta“ begeben sich Frauen zur Entnahme der Stammzellen, dazu Schreibtischtäter als gestürzte Krüppel neben den Akten. Der Künstler trommelt dabei für den Tanzbären – oder wird er von ihm angefallen? Dieses ganze „Der Rückzug“ (2006) genannte Spektakel findet statt vor einer verblichenen Idyllen-Architektur. Mit jenem „Plazenta“-Schild leistet sich Rauch bereits ein Selbstzitat. Denn in einer großformatigen Tondo-Serie entwirft er schon 1993 eine Motiv-Parallele als düsteres Zeichengemisch. Rauch, der sich inzwischen selber in einer Spanne von Giotto bis Bacon sieht, vermalt gleichsam diese Welt aus grell-industrieller Giftigkeit, genetischer Entgleisung und aus Abziehfiguren in irgendeiner fremdbestimmten Bewegungsstarre.
In der Arbeit „Abstraktion“ (2005) soll offensichtlich die große Ost-West-Kunstdebatte auf die malerische Tagesordnung kommen. Wie Rauch sich entscheidet, angesichts eines verkniffenen Weißkittels vor einer Staffelei mit viel Weiß und wenigen Linien, ist klar. Draußen werden von gewaltigen Aktionisten die Säbel gezückt und ganz links scheint Neo, wie eine Stifterfigur des symbolisch aufgeladenen Gegenstands, zu einer neuen malerischen Lebensversicherung ansetzen zu wollen.
Neo Rauch spricht als Pathos-Produzent nicht nur besonders Amerika an, vor allem trifft er punktgenau auf den tristen „Sanierungsfall Deutschland“.
Roland Groß

Die Ausstellung ist bis 11. März 2007 im Kunstmuseum Wolfsburg (Hollerplatz 1) zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags von 11 bis 20 Uhr, mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, Telefon: 0 53 61/2 66 90. Der im DuMont-Verlag erschienene Katalog kostet in der Ausstellung 28 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro. Die erste Auflage ist bereits vergriffen. Internet: www.kunstmuseum-wolfsburg.de
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