ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2007Medizinstudium: „Hammerexamen“ in der Kritik

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Medizinstudium: „Hammerexamen“ in der Kritik

Dtsch Arztebl 2007; 104(7): A-390 / B-346 / C-334

Hibbeler, Birgit

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Viel Prüfungsstoff, wenig Vorbereitungszeit: Zwischen dem letzten PJ-Tag und dem „Hammerexamen“ liegen etwa drei Monate. Foto: Eckel [m]
Viel Prüfungsstoff, wenig Vorbereitungszeit: Zwischen dem letzten PJ-Tag und dem „Hammerexamen“ liegen etwa drei Monate. Foto: Eckel [m]
Das Resultat der Abschlussprüfung nach der neuen Approbationsordnung ist deutlich schlechter als bei den früheren Staatsexamina: Fast doppelt so viele Studierende fielen durch.

Die Premiere ist misslungen, und die Verunsicherung unter den Studierenden wächst. Im Oktober 2006 fand erstmalig der zweite Abschnitt der Ärztlichen Prüfung (M2) nach der neuen Approbationsordnung (ÄAppO) statt. Das Resultat war deutlich schlechter als bei dem früheren zweiten Staatsexamen: Fast zehn Prozent der 716 Prüflinge fielen durch den schriftlichen Teil, so die Auswertung des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) in Mainz.
Im Vergleich zum schriftlichen Teil des früheren zweiten Staatsexamens hat sich die Zahl der Studierenden, die die Prüfung nicht bestanden haben, damit verdoppelt. In der Regel lag diese unter fünf Prozent. Auch bei den Studierenden, die das Examen nach der Mindeststudienzeit von zwölf Semestern absolviert haben, ist die Durchfallquote gestiegen – von etwa zwei auf rund fünf Prozent. Somit reißt die Kritik an der neuen Abschlussprüfung, die viele Studierende wegen der Stofffülle auch als „Hammerexamen“ bezeichnen, nicht ab. Die neue Prüfung ersetzt das frühere erste, zweite und dritte Staatsexamen. Mit einem schriftlichen und mündlichen Teil findet es im Anschluss an das Praktische Jahr (PJ) statt.
„Das Hammerexamen ist geschrieben, die Ergebnisse sind bescheiden“, resümiert Veit Scheble von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). Für ihn ist das neue Staatsexamen die falsche Prüfung zum falschen Zeitpunkt. „Es hat absolut keinen Sinn, nach dem PJ noch einmal eine Multiple-Choice-Prüfung zu machen“, kritisiert Scheble.
Auch an den Fakultäten mehren sich die kritischen Stimmen. „Nachdenklichkeit herrscht vor“, sagt Prof. Dr. med. Udo Obertacke, Medizinische Fakultät Mannheim. Beim dortigen Symposium „Nachlese M2 neu“ wies Obertacke jedoch zugleich darauf hin, die Ergebnisse seien wegen der geringen Teilnehmerzahl nicht repräsentativ. Auch Prof. Dr. med. Dr. h. c. Gebhard von Jagow, Präsident des Medizinischen Fakultätentages, meint: „Das ist ein Übergangszustand.“ Es sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich, eine abschließende Aussage über die neue Prüfung zu treffen. „Wir verfolgen das intensiv“, versichert von Jagow.
Neue Fragetypen
Das IMPP wertet das Examen unterdessen als Erfolg. Die Durchführung sei ohne größere Probleme verlaufen, heißt es in einer Erklärung. Die hohe Durchfallquote führt das Mainzer Institut unter anderem darauf zurück, dass die neuen Fragetypen noch ungewohnt für die Studierenden gewesen seien. Hintergrund: Nach der neuen ÄAppO wird ein Großteil der Aufgaben in Form von Fallbeispielen gestellt. Die dazugehörigen Fragen stammen aus unterschiedlichen Fachgebieten. Die schriftliche Prüfung soll damit praxisorientierter und interdisziplinärer werden.
Vieles spricht allerdings dafür, dass die Fragen des IMPP nicht nur anders, sondern auch sehr anspruchsvoll waren. Zudem konnten die Studierenden kaum auf optimal angepasste Lehrbuchliteratur zurückgreifen, denn die Aufgaben wurden erstmalig in dieser Form gestellt. „Die konkrete Vorbereitung auf die neuen Fragetypen war und ist nicht möglich“, kritisiert Dr. med. Kerstin Brocker, Assistenzärztin in der Heidelberger Universitätsfrauenklinik und Absolventin des „Hammerexamens“. Die Kasuistiken seien zum Teil sehr lang und außerdem schwer verständlich gewesen. Darüber hinaus habe das IMPP keinesfalls nur „Basics“ abgefragt. Ausführlich geprüft worden sei beispielsweise die Wegener Granulomatose. Brocker wies zudem darauf hin, dass die Noten im Vergleich zum alten Examen deutlich schlechter ausgefallen seien. „Da gehen für einige Träume kaputt“, moniert Brocker.
Mehr als 80 Prozent der Absolventen schnitten im schriftlichen Teil mit der Note drei oder vier ab – wesentlich schlechter als bei früheren Examina. Auch in der mündlichen Prüfung, die nun nicht mehr an einem, sondern an zwei Tagen stattfindet, waren die Studierenden weniger erfolgreich. Die ungewöhnlich schlechten Ergebnisse könnten nun die Absolventen bei Vorstellungsgesprächen in Erklärungsnot bringen.
Neben den neuen Fragetypen und der Fülle an Stoff bereitet besonders der Zeitpunkt der Prüfung direkt nach dem PJ vielen Studierenden Bauchschmerzen. Den Studierenden bleiben zur Vorbereitung mit den angesammelten Fehltagen etwa dreieinhalb Monate. Die Tätigkeit im PJ hilft den Studierenden für die schriftliche Prüfung kaum weiter. Zu diesem Ergebnis kommt eine Absolventenbefragung des Marburger Bundes (MB). Die große Mehrheit der rund 70 Befragten gab an, die klinische Arbeit habe ihnen die Vorbereitung auf das Multiple-Choice-Examen nicht erleichtert. Fast 80 Prozent bewerteten das Examen als unfair. „Man muss sich fragen, ob die Fallstudien des IMPP etwas mit der Realität zu tun haben“, kritisiert Patrick Reimann vom Sprecherrat der Medizinstudierenden im MB. Sein Fazit: „Es spricht vieles dafür, das sogenannte Hammerexamen in einen schriftlichen Teil vor dem PJ und einen mündlich-praktischen danach umzugestalten.“
Dieser Ansicht sind auch die Medizinstudenten im Hartmannbund. Eine von ihnen initiierte Online-Petition (www.hammerexamen-abschaffen.de) hatte mehr als 12 000 Unterzeichner. Der Vorgang befindet sich zurzeit in der parlamentarischen Prüfung im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages. Bereits 2005 hatte der 108. Deutsche Ärztetag erfolglos den Gesetzgeber aufgefordert, die neue ÄAppO entsprechend zu modifizieren.
Der Zeitpunkt des zweiten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung hat auch Auswirkungen auf das PJ (dazu „Zwischen Patientenwohl und Hammerexamen“, DÄ, Heft 24/2006). Die Studierenden gehen mit weniger fundiertem Wissen in das PJ, denn ihre letzte „große Prüfung“ war das Physikum. Die universitären Prüfungen im klinischen Studienabschnitt sind zwar mittlerweile benotet – ohne in die Endbewertung einzufließen –, doch ihre Qualität ist je nach Fach und Fakultät sehr unterschiedlich. „Die PJler gehen schlechter vorbereitet in die Klinik als früher nach dem zweiten Staatsexamen. Das berichten sowohl Studierende als auch Chefärzte“, bestätigt Jonas Johannink vom bvmd.
Zudem stehen die PJler viel stärker unter Druck als früher. Die Durchfallquote beim alten dritten Staatsexamen lag unter einem Prozent. Nun aber steht die größte Prüfung den Studierenden noch bevor. Viele versuchen daher möglichst viel Zeit zu Hause am Schreibtisch zu verbringen oder wollen ein Lernsemester einlegen. Einige Fakultäten haben deshalb Maßnahmen ergriffen, um die Studierenden während der Ausbildung besser auf die Abschlussprüfung vorzubereiten.
Die Medizinische Fakultät Mannheim beispielsweise hat ein Kompetenzzentrum PJ gegründet. In einem PJ-Logbuch wurden Lernziele definiert, die Fakultät bietet Seminare und fallbezogene Repetitorien an. Die Mediziner sollen dabei unterstützt werden, in Regelstudienzeit erfolgreich das Examen zu absolvieren. Somit hat das „Hammerexamen“ zumindest bewirkt, dass sich einige Fakultäten bemühen, die Ausbildung im PJ zu verbessern.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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