ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2007Patientenverfügungen: Drei Rahmenbedingungen
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Die Debatte über gesetzgeberische Klarstellungen zu Patientenverfügungen und Therapieentscheidungen am Lebensende reißt nicht ab, wird aber überwiegend auf abstrakter Ebene, mit Diskussionen über Reichweitenbegrenzung, Indikation, Wille etc. geführt – sei es in den Verlautbarungen professioneller Ethikgremien oder in den Medien. Drei wesentliche Rahmenbedingungen für verantwortliche Entscheidungen gilt es stärker in den Blick zu nehmen. Erstens: Eine immer wieder zu Recht geforderte kompetente und mit Empathie geführte Kommunikation (s. a. „Medizinische Indikation und Patientenwille: Zwischen den Stühlen“, DÄ 33/ 2006) mit dem entscheidungsfähigen Patienten selbst oder – wenn dies nicht möglich ist – mit seinem Bevollmächtigten oder Betreuer und im Team ist – siehe GOÄ, EBM oder gar OPS – finanziell unterbewertet und folglich ihr Wert angesichts der herrschenden betriebswirtschaftlichen Denk- und Handlungsweise auch ideell unterschätzt . . . Zweitens: Ein enger Dialog zentraler Gremien mit Ärzten an der Basis, Schwestern in Pflegeheimen etc. zu aktuellen Fragen ist erforderlich. Fördern die derzeitigen Versorgungsstrukturen eine realistische Therapieplanung bei schwerstkranken, multimorbiden oder sterbenden Menschen und einen patientenorientiert optimalen Ressourceneinsatz – oder wird eher ein befundbezogener und ressourcenintensiver Aktionismus begünstigt, der an den individuellen Bedürfnissen der Kranken vorbeizugehen droht? . . . Trügerisch scheint die Sicherheit, mit der standespolitische Gremien oder zentrale Kommissionen offenbar glauben, durch fortlaufende Verlautbarungen dem Mainstream bzw. dem Zeitgeist widerstehen zu können. Konstruktiver ist die Auseinandersetzung mit der Realität in der Basisversorgung unter den Bedingungen zunehmend kritischer werdender Demografie. Mit dem Verdrängen der Probleme hingegen wird riskiert, dass die demokratisch legitimierte Öffentlichkeit unter dem Druck der Kosten jenes Aktionismus (z. B. Notarzteinsätze mit prompter Rückverlegung ins Heim) und der mit ihm verbundenen Personalerschöpfung schließlich jene Forderungen nach Liberalisierung von assistiertem Suizid oder gar aktiver Tötung auf Verlangen durchsetzen könnte, die die deutsche Ärzteschaft zu Recht für ethisch unverantwortlich hält. Drittens: Eine flächendeckend humane Gestaltung letzter Lebenszeit kann nicht allein vom Medizin- und Sozialsystem oder gar von Palliativstationen geleistet werden. Dieser Weg sollte als Illusion klargestellt werden, statt mit seiner fortwährenden Proklamation der Verdrängung Tür und Tor zu öffnen. Umgang mit Sterben und Tod ist eine gesamtgesellschaftliche kulturelle Aufgabe – deren Erfüllung durch die einseitige Orientierung auf Erwerbstätigkeit mit ihren Forderungen von Flexibilität und Mobilität der Menschen allerdings hochgradig bedroht wird. Eine durchgreifende Aufwertung von Familienarbeit – sowohl das Großziehen von Kindern wie auch die Zuwendung und Pflege von Schwerstkranken und sterbenden Angehörigen betreffend – wäre eine konstruktive Forderung der Medizin an die Politik . . .
Dr. Heinrich Günther, Lönsstraße 12,
01259 Dresden
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