ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2007Fernsehkritik: „Post mortem“ lässt nicht nur Voyeure kalt

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Fernsehkritik: „Post mortem“ lässt nicht nur Voyeure kalt

Dtsch Arztebl 2007; 104(7): A-419 / B-367 / C-355

Tuffs, Annette

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Dr. Koch (Hannes Jaenicke) und Dr. Bergmann (Anne Cathrin Buhtz) finden einen Hinweis auf den Tatort . . . Foto: RTL
Dr. Koch (Hannes Jaenicke) und Dr. Bergmann (Anne Cathrin Buhtz) finden einen Hinweis auf den Tatort . . . Foto: RTL
Im 16. Jahrhundert war es noch ein exklusives Vergnügen: In den Anatomiesälen tummelten sich die Besucher – vorzugsweise Adelige und Fürsten – und ergötzten sich an den Obduktionen. Heute kann jeder seine Schaulust vor dem Bildschirm befriedigen, fast täglich und auf den meisten Fernsehkanälen, seit Kurzem auch bei RTL mit der deutschen Produktion „Post mortem“.
Knapp die Hälfte der neunteiligen Staffel, die jeden Donnerstag zur „Prime Time“ um 20.15 Uhr antritt, ist schon gelaufen. Das Fazit: Auch deutsche Produzenten schaffen es, in einer dreiviertel Stunde mindestens zwei komplexe Fälle von einem technisch aufgerüsteten forensischen Team rasant aufklären zu lassen. Wilde Kamerafahrten und Schnitte, Zoom- und Lichteffekte, rasche Rückblenden und ziemlich echt aussehende Leichenteile sind nicht mehr US-Produktionen, wie den drei CSI-Serien, vorbehalten.
Andererseits: „Post mortem“ hat nichts Eigenes zu bieten, wenn man einmal von einer kettenrauchenden Rechtsmedizinerin (in amerikanischen Labors undenkbar!) und ihrem lispelnden Chef, dem allerdings routiniert spielenden Schauspieler Hannes Jaenicke, absieht. Cool, aber farb- und leidenschaftslos, ohne Lokalkolorit und Privatleben bleibt die fünfköpfige Truppe, die am Kölner Rechtsmedizinischen Institut arbeitet. Ihre komplizierten Fälle sind ebenso wenig dazu angetan, das menschliche Interesse des Zuschauers zu wecken.
Was aber bleibt dann? Faszinierend ist das Spiel mit der Vergangenheit, die durch die Spuren der Täter beim Verbrechen wieder auflebt. Beruhigend ist die Tatsache, dass den Tätern und vor allem den Opfern doch noch Gerechtigkeit widerfährt. Und spannend ist der Einsatz wissenschaftlicher Techniken, auch wenn der Zuschauer ahnen muss, dass es in keinem rechtsmedizinischen Labor so zugehen kann.
Ob die Privatsender mit ihrem Abklatsch der US-Rechtsmedizin-Serien auf Erfolgskurs sind, ist zu bezweifeln. Die Quoten für „Post mortem“ sind bereits rückläufig; das Schicksal der Serie ist ungewiss. Sat.1 bereitet inzwischen einen eigenen Versuch unter dem sehr deut-schen Seriennamen „RIS Rechtsmedizinische Investigative Sonderkommission“ vor, der noch im Frühjahr 2007 an den Start gehen soll.
Dabei haben in diesem Genre die Öffentlich-Rechtlichen vorgemacht, wie man die Rechtsmedizin spannend und einigermaßen seriös präsentiert. Dem deutschen Rechtsmedizineralltag durch exzellente fachliche Beratung eher angepasst und mit hervorragenden Schauspielern wie Ulrich Mühe besetzt, konnte „Der letzte Zeuge“ des ZDF bereits mit mehreren Staffeln überzeugen. Im „Tatort“ der ARD aus Münster gibt Jan Josef Liefers die Karikatur eines skurrilen, aber glaubwürdigen Professors samt kleinwüchsiger Obduktionsgehilfin.
Bleibt noch die Frage: Warum boomen die rechtsmedizinischen Serien im Fernsehen, während die rechtsmedizinischen Institute in Deutschland zum Teil um ihre Existenz bangen? Die Antwort darauf ist vielschichtig. So viel steht fest:
Die Popularität der Rechtsmedizin in den medizinischen Fakultäten, zu denen die meisten Institute gehören, bemisst sich wohl weniger nach kriminalistischen als nach akademischen Erfolgen – sicher aber nicht nach Einschaltquoten. Annette Tuffs
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