ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2007Hochschulen und Forschungseinrichtungen: Mehr befristete Verträge

POLITIK

Hochschulen und Forschungseinrichtungen: Mehr befristete Verträge

Dtsch Arztebl 2007; 104(8): A-456 / B-404 / C-392

Blöß, Timo

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LNSLNS Die Große Koalition hat die Möglichkeiten für befristete Verträge bei Drittmittelprojekten ausgeweitet. Dies bietet Forschern neue Perspektiven und alte Risiken.

Am 16. Februar wurde im Bundesrat nicht nur ein weiteres Kapitel der „unendlichen Geschichte“ Gesundheitsreform geschlossen. Neben der Gesundheitsreform wurde noch ein weiteres Gesetz von der Länderkammer verabschiedet – zur Freude vieler Wissenschaftler an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Denn für Nachwuchswissenschaftler in der Qualifizierungsphase auf dem Weg zur Professur werden mit dem neuen Wissenschaftszeitvertragsgesetz strenge Fristen gelockert.
Bisher müssen sich die Nachwuchsakademiker innerhalb von zwölf Jahren – sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion – weiter qualifizieren und dann eine Professorenstelle ergattern. Ärztinnen und Ärzte haben dafür aufgrund der Facharztausbildung 15 Jahre Zeit. Gelingt dann der „rettende“ Sprung auf die Professur nicht, müssen sie den Wissenschaftsbetrieb verlassen – ins Ausland, in einen anderen Beruf oder in extremo in die Arbeitslosigkeit.
Eingeführt hatte die rot-grüne Bundesregierung die 236-Regelung, um den Nachwuchs vor vielen kurzen Kettenverträgen zu schützen. Stattdessen aber sahen die „Jungakademiker“ ihre berufliche Zukunft durch die Reform von 2002 bedroht. Entsprechend beteiligten sich rund 13 000 von ihnen an der Unterschriftenkampagne „Wir wollen forschen – in Deutschland“.
Mit dem Gesetz, das nun im März in Kraft tritt, hat Bun­des­for­schungs­minis­terin Annette Schavan (CDU) das starre Korsett gelockert. „Junge Forscherinnen und Forscher haben jetzt in Deutschland bessere berufliche Perspektiven“, so die Ministerin. Fortan soll wissenschaftliches oder technisches Personal an Hochschulen oder außeruniversitären Instituten mehr als zwölf Jahre forschen können, „wenn die Beschäftigung überwiegend aus Mitteln Dritter finanziert wird“.
Die sogenannten Drittmittelprojekte werden etwa vom Bund, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder von der Industrie bezahlt. Nach Angaben des Wissenschaftsrates ist derzeit knapp die Hälfte des Personals im Bereich Forschung und Entwicklung drittmittelfinanziert. Ebenfalls verlängert werden kann die Qualifikationsphase für Mütter und Väter um zwei Jahre pro Kind. Anders als häufig dargestellt, handelt es sich hierbei jedoch nicht um einen Rechtsanspruch. Lediglich der Befristungsrahmen werde ausgedehnt, heißt es dazu im Forschungsministerium.
Experten begrüßen die Neuerungen dennoch. „Das Gesetz wird dazu führen, dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen vermehrt drittmittelfinanziertes Personal beschäftigen. Es verbessert somit auch unmittelbar die Karrierechancen der Nachwuchsforscher“, kommentiert der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Peter Gruss, die Neuregelung. Ähnlich sieht das DFG-Präsident Prof. Matthias Kleiner. Das Gesetz biete dem wissenschaftlichen Nachwuchs „attraktive und verlässliche Karrierechancen“. Beifall gibt es auch vom Hartmannbund. „Mediziner, die wirklich erfolgreich forschen, werden künftig nicht mehr durch eine starre 12- oder 15-Jahres-Regel in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt“, erklärt der Vorsitzende des Arbeitskreises „Junge Ärzte im Hartmannbund“, Dr. med. Uwe Mauz. Dies honoriere Leistung und stärke den Wett-bewerb.
Einzig bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist man skeptisch. Es sei „ein Gesetz mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen“. Die GEW befürchtet, dass durch die neue Drittmittelklausel die befristeten Arbeitsverhältnisse wieder ausgeweitet werden. Sobald eine Tätigkeit überwiegend drittmittelfinanziert ist, könnten die Forscher ebenso wie die nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter unbegrenzt mithilfe von Kettenverträgen beschäftigt werden. „Das ist keine Beschäftigungsgarantie, sondern die lebenslange Gefahr, ohne sachlichen Grund gekündigt zu werden, wenn der Arbeitsvertrag ausläuft“, sagt GEW-Hochschulexpertin Dr. Claudia Kleinwächter. Zudem könnten unbefristete Stellen zunehmend in drittmittelfinanzierte Stellen umgewandelt und damit befristet
werden.
Timo Blöß
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