ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2007Präimplantationsdiagnostik in Europa: Ein umstrittenes Verfahren

POLITIK

Präimplantationsdiagnostik in Europa: Ein umstrittenes Verfahren

Dtsch Arztebl 2007; 104(8): A-458 / B-406 / C-394

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Belgien, Frankreich und Großbritannien bieten PID an und führen Embryonenforschung durch.

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) wird inzwischen in den meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union angeboten. In Deutschland verstößt der Einsatz von PID nach überwiegender Auffassung gegen die Bestimmungen des Embryonenschutzgesetzes. Das führt zu einem regelrechten „Reproduktionstourismus“, vor allem nach Belgien. Die Hälfte der Frauen, die sich einer PID in dem größten Zentrum für assistierte Reproduktionstechnologie in Belgien, dem Centrum voor Reproductieve Geneeskunde an der Freien Universität Brüssel, unterziehen, kamen aus Deutschland und Frankreich. Das geht aus einem im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellten Gutachten der Medizinsoziologin Prof. Dr. Irmgard Nippert hervor, das Ende Januar in Berlin vorgestellt wurde*. In dieser Studie wird die aktuelle Situation hinsichtlich der gesetzlichen Regelung, der Anwendung und der gesellschaftlichen Diskussion der PID in Belgien, Frankreich und Großbritannien untersucht.
Belgien ist danach eines der Länder der EU, in dem die PID nicht gesetzlich geregelt ist. In Frankreich und Großbritannien lagen jeweils mehr als zehn Jahre zwischen der ersten In-vitro-Fertilisationsbehandlung und der Verabschiedung einer gesetzlichen Regelung. Während in Belgien kein spürbarer öffentlicher Druck bestand, die assistierte Reproduktionsmedizin gesetzlich zu regeln, wurden in Frankreich und Großbritannien lang anhaltende kontroverse Debatten geführt. Nicht zuletzt dadurch sahen sich die Regierungen beider Länder veranlasst, den Bereich der assistierten Reproduktionsmedizin „nicht von der medizinischen Profession in Eigenverantwortung regeln zu lassen, sondern durch Gesetze“. In allen drei Ländern wird heute PID angeboten und Stammzellforschung mit nach PID gespendeten Embryonen durchgeführt.
In allen drei Ländern ist aber auch die umstrittene „PID-HLA-Typisierung zur Selektion eines ,savior siblings‘“ möglich. Sie bedeutet eine Ausweitung der PID für die Identifizierung von geeigneten Embryonen, die als Gewebespender für erkrankte Geschwister infrage kommen. Die Diagnostik für Erkrankungen, die sich erst später im Kindes- oder Erwachsenenalter manifestieren und die teilweise behandelbar sind, ist in Belgien, Frankreich und Großbritannien ebenfalls zulässig. Die Geschlechtsbestimmung aus nicht medizinischen Gründen wird in allen drei Ländern nicht gestattet.
Das präimplantative genetische Screening
Das präimplantative genetische Screening (PGS), eine Chromosomendiagnostik zur Erfassung von Aneuploidien, wird in der In-vitro-Infertilitätsbehandlung durchgeführt, um die Geburtenrate zu erhöhen. Die PGS ist in Belgien und Großbritannien erlaubt. Diese Methode, deren propagierter Vorteil, die Erhöhung der Schwangerschaftsrate nach IVF-Behandlung, empirisch bisher nicht gesichert ist, dient, so die Studie, „auch aus der kritischen Sicht in Belgien befragter Wissenschaftler, vor allem als Einnahmequelle der Einrichtung“. Unterschiede bestehen in den Zugangschancen zur PID (Tabelle). In Deutschland ist die PID nach wie vor umstritten. Befürworter einer neuen gesetzlichen Regelung, wie der Reproduktionsmediziner Prof. Dr. med. Klaus Diedrich, Lübeck, bezeichnen die PID als eine mögliche Hilfe für Risikopaare und Alternative zur pränatalen Diagnostik.
Nach Auffassung des evangelischen Theologen Prof. Dr. Hartmut Kreß, Bonn, sollte der Gesetzgeber Regelungen schaffen, „die den pränidativen Embryo schützen, ohne den Schutz der befruchteten Eizelle beziehungsweise des frühen Embryos aber einseitig, gar isoliert in den Vordergrund zu rücken. So gesehen sollte – auch zur PID – der eigenverantwortlichen Entscheidung potenzieller Eltern, die durch medizinische und psychosoziale Beratung unterstützt wird, ein Freiraum eröffnet werden“.
Der katholische Theologe Prof. Dr. Dietmar Mieth, Tübingen, lehnte dagegen als einziger Referent die PID ab. Seiner Ansicht nach besteht Menschenwürde unabhängig von Entwicklungszuständen eines menschlichen Wesens. Den Wertungswiderspruch (beispielsweise die Zulässigkeit von Spätabtreibungen) sieht Mieth zwar auch, er glaubt aber, dass die Befürworter der PID das Pferd von hinten aufzäumen würden.
Gisela Klinkhammer

Weitere Informationen zur PID:
www.aerzteblatt.de/dossiers/PID


*Irmgard Nippert: Präimplantationsdiagnostik – ein Ländervergleich. Die aktuelle Situation der gesetzlichen Regelung, der Anwendung und der gesellschaftlichen Diskussion in Großbritannien, Belgien und Frankreich. Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Abrufbar unter: www.fes.de/biotech/
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