ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2007„Das System dopt mit“

MEDIZINREPORT

„Das System dopt mit“

Dtsch Arztebl 2007; 104(8): A-470 / B-415 / C-402

Siegmund-Schultze, Nicola

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Neben den regulären Dopingkontrollen bei Wettkämpfen werden auch unangemeldete Trainingskontrollen durchgeführt, aber noch zu wenig und nicht gezielt genug, meinen Dopingexperten. Foto: dpa
Neben den regulären Dopingkontrollen bei Wettkämpfen werden auch unangemeldete Trainingskontrollen durchgeführt, aber noch zu wenig und nicht gezielt genug, meinen Dopingexperten. Foto: dpa
Artifizielle Leistungssteigerung hat in Deutschland eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, aber der Staat will Zeichen setzen: Gesetzesänderungen sollen den Kampf gegen Doping effektiver machen.

Doping wird derzeit nicht effektiv bekämpft. Darin sind sich Politiker, Sportverbände und Anti-Doping-Organisationen einig. Woran fehlt es? Sollte der Staat die rechtlichen Mittel verstärken und härter durchgreifen? Aber ist ein rigides staatliches Vorgehen glaubwürdig vor dem Hintergrund, dass bereits im Amateur- und Breitensport gedopt wird und gesunde Menschen kognitionsverbessernde Psychopharmaka einnehmen, um ihre geistige Leistung zu steigern? „Das System dopt mit“, meinte der Philosoph Prof. Heiner Hastedt von der Universität Rostock.
Solche gesellschaftlichen Fragen spielen mit hinein in die intensive politische Diskussion darüber, ob Deutschland ein Anti-Doping-Gesetz braucht, ob der Besitz von Dopingmitteln ein Straftatbestand werden sollte und der dopende Sportler ein Krimineller. Oder ob es reicht, wenn Sportverbände gemeinsam mit Anti-Doping-Organisationen ihre Anstrengungen gegen unerlaubte Mittel und Methoden im Leistungssport verstärken. Derzeit wird im Durchschnitt jeder deutsche Kaderathlet nur ein Mal pro Jahr kontrolliert. Aber allein im vergangenen Jahr hatten die im Auftrag der Nationalen Doping-Agentur (NADA) tätigen Kontrolleure Spitzensportler 400 Mal nicht angetroffen, obwohl diese jederzeit für unangemeldete Kontrollen erreichbar sein müssen.
Aus den Dopingskandalen der 1990er-Jahre hatte der Gesetzgeber schon erste Konsequenzen gezogen durch eine Novellierung des Arzneimittelgesetzes (AMG). § 6a AMG verbietet seit 1998, Arzneimittel zum Zwecke des Dopings im Sport in Verkehr zu bringen, zu verschreiben und bei anderen anzuwenden. In § 95 AMG wird die entgeltliche und unentgeltliche Abgabe von Dopingarzneimitteln mit Strafe bedroht.
Das Verbot bezieht sich nur auf Arzneimittel, die im Übereinkommen gegen Doping aufgeführt sind. Andere Substanzen, wie im Hochleistungssport verbotene Inhaltsstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln, werden vom AMG nicht erfasst. Auch verbietet das AMG nicht Besitz und Eigenkonsum und damit die potenzielle Selbstschädigung, sondern zielt auf das Inverkehrbringen und die Abgabe durch Dritte ab – also Ärzte, Apotheker, Trainer und Dealer.
Das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) stellt Herstellung, Erwerb oder Abgabe von Betäubungsmitteln durch nicht autorisierte Personen unter Strafe, auch den Besitz, nicht aber den Eigenkonsum. Ärzten ist es verboten, solche Mittel ohne medizinische Indikation zu verschreiben. Für Doping relevant wären Stoffe wie Cannabis, Morphine, Kokain oder Codein.
Breiter Konsens für die Anti-Doping-Konvention
Alle fünf Bundestagsfraktionen haben sich im Sportausschuss des Deutschen Bundestages dafür ausgesprochen, die Anti-Doping-Konvention der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) zu ratifizieren. Grundlage der Konvention ist der Anti-Doping-Code der World Anti-Doping Agency (WADA). Im Text des UNESCO-Abkommens heißt es: „Die Vertragsstaaten ergreifen Maßnahmen beziehungsweise ermutigen die einschlägigen Stellen innerhalb ihres jeweiligen Hoheitsbereiches zur Ergreifung entsprechender Maßnahmen, um die Anwendung und den Besitz verbotener Wirkstoffe und Methoden durch Athleten im Sport zu verhüten oder zu verhindern.“
Mit der Ratifizierung der Konvention macht die Politik aber immerhin deutlich, dass sie Staat und organisierten Sport in der Verantwortung sieht, effektiver gegen Doping vorzugehen. Fast zeitgleich mit der Ratifizierung haben die Koalitionsfraktionen vorgeschlagen, die Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes zu verschärfen: Künftig soll der „Besitz nicht geringer Mengen von den gefährlichsten und häufigsten Wirkstoffen“ strafbar werden, heißt es im Kompromissvorschlag der Parteien.
Genannt werden anabole Substanzen wie Nandrolon, Testosteron und Clenbuterol, Hormone und verwandte Verbindungen wie Erythropoietin, Wachstumshormone und Insulin sowie Substanzen mit antiöstrogener Aktivität wie Anastrozol, Tamoxifen und Cyclofenil. Sportler, die mit einer geringen Menge dieser Stoffe angetroffen werden, sollen nach wie vor ausschließlich der Sportgerichtsbarkeit unterliegen. Die Koalitionsfraktionen plädieren außerdem dafür, dopingrelevante Arzneimittel künftig als solche zu kennzeichnen.
Schärfer sollen auch die Strafen für gewerbs- und bandenmäßigen Verstoß gegen die Verbote werden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der sportpolitischen Sprecher von CDU/CSU und SPD. In besonders schweren Fällen sollen Telefongespräche abgehört werden dürfen. Das Bundeskriminalamt soll künftig auch zuständig sein, um gegen den international organisierten, illegalen Handel mit Arzneimitteln vorzugehen. Immerhin wird der jährliche Umsatz aus Geschäften mit Dopingmitteln in Deutschland auf 150 Millionen Euro geschätzt.
Parlamentarisches Verfahren
Der Deutsche Olympische Sport-bund hat dem Parlamentsentwurf zugestimmt. Jetzt wird das Bundesinnenministerium (BMI) eine Gesetzesvorlage in den Bundestag einbringen. In dem bisherigen Entwurf war die Besitzstrafbarkeit größerer Mengen von Dopingsubstanzen nicht vorgesehen. „Im Rahmen des parlamentarischen Verfahrens ist es möglich, den jüngst von CDU/CSU und SPD vorgelegten und vom Bundesinnenministerium begrüßten Kompromiss einzuarbeiten“, so ein Sprecher des BMI.
Mit den geplanten gesetzlichen Regelungen wolle der Staat ein Zeichen gegen Doping setzen, zumal das Verhalten von Hochleistungssportlern Vorbildfunktion haben dürfte für die Bevölkerung. Der Staat fördere schließlich nicht nur den Spitzen-, sondern auch den Breiten- und Freizeitsport.
Unklar bleibt, ob für viele Menschen in Deutschland das „Spektakel Sport“ nicht wichtiger ist als die Frage, wie die sportlichen Leistungen errungen werden. In einer Umfrage während einer Sportsendung des Hessischen Rundfunks plädierten mehr als die Hälfte der Zuschauer für eine Freigabe des Dopings.
Gleichwohl empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Medizinrecht, den Sportbetrug gesetzlich zu verankern, denn durch entsprechende Wettbewerbsverzerrungen würden Veranstalter und Sponsoren betrogen: und die Zuschauer – wenn sie es denn so sehen.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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