ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2007Gesundheit in Deutschland im europäischen Vergleich: Deutlicher Aufholbedarf

THEMEN DER ZEIT

Gesundheit in Deutschland im europäischen Vergleich: Deutlicher Aufholbedarf

Dtsch Arztebl 2007; 104(8): A-474 / B-417 / C-404

Weber, Ingbert

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LNSLNS Im 6-Länder-Vergleich zeigt sich, dass Deutschland bei der Entwicklung der Lebenserwartung oder der Reduktion „potenziell verlorener Lebensjahre“ nicht besonders gut abschneidet.

Der Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung hat sich – zumindest gemessen an der steigenden Lebenserwartung und dem Rückgang der Kindersterblichkeit – seit 1995 weiter verbessert. Allerdings werden die Lebensjahre der Menschen zunehmend durch Krankheit belastet. Die Lebensqualität in Deutschland und Europa ist regelmäßig Gegenstand von Analysen zweier Mannheimer Forschungseinrichtungen, des Zentrums für Umfragen, Methoden und Analysen und des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung. Sie beziehen sich dabei auf objektive Lebensbedingungen und subjektiv wahrgenommene Lebensqualität in vier Bereichen: Familie, Arbeit und Einkommen, Gesundheit sowie Integration und Partizipation. Im aktuell vorliegenden „VFA Report Lebensqualität 2006“ wird die Frage untersucht, wie sich die gesundheitliche Lebensqualität der Deutschen in den letzten zehn Jahren verändert hat.
Mit dem Konzept Lebensqualität werden Merkmale eines „guten Lebens“ und der „guten Gesellschaft“ in einem vielschichtigen Begriff zusammengefasst. Dabei ist Lebensqualität nicht gleichbedeutend mit Lebensstandard und nicht reduzierbar auf die Versorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen. Die verschiedenen Indikatoren der Lebensqualität werden häufig als Maßstab verwendet, anhand dessen sich die tatsächlichen Lebensverhältnisse einer Bevölkerung bewerten lassen.
Potenziell verlorene Lebensjahre
Der Indikator „verlorene Lebensjahre“ quantifiziert das Ausmaß von Krankheitsbelastungen mit relativ frühem tödlichen Ausgang vor Erreichen des 70. Lebensjahres. Die OECD-Länder haben sich darauf verständigt, dass solche „vorzeitigen“ Sterbefälle als ungewöhnlich und möglicherweise vermeidbar anzusehen sind. Man erfasst daher bei diesen Fällen die Differenz zwischen dem Sterbealter und dem 70. Lebensjahr als „verlorene Jahre“.
Die Zahl verlorener Lebensjahre liegt in allen hier betrachteten Ländern auf verschiedenen Niveaus: in Schweden ist sie besonders niedrig, in Polen besonders hoch. Auch die Veränderung der Raten zwischen 1995 und 2004 vollzog sich sehr unterschiedlich. In Deutschland sind die verlorenen Lebensjahre in weniger als zehn Jahren um mehr als 25 Prozent gesunken (Grafik 1). Dabei sind, bezogen auf diesen Indikator, die Sterbeverhältnisse in Baden-Württemberg am günstigsten und in Mecklenburg-Vorpommern am ungünstigsten.
Beschwerdefreie Lebensjahre
Bei diesem Indikator werden Informationen zur Sterblichkeit und Krankheit verknüpft. Des Weiteren gibt er Auskunft über die Zahl der Jahre, die eine Person zum Zeitpunkt ihrer Geburt erwartungsgemäß in guter gesundheitlicher Verfassung leben wird. Dies wird über die Abwesenheit von krankheitsbedingten Funktionsbeschränkungen oder Beschwerden definiert.
Bei deutschen Männern stagniert dieser Wert, das heißt, er hält mit der Steigerung der Lebenserwartung nicht Schritt. Nur bei italienischen Männern findet auf hohem Niveau ein deutlicher Anstieg der beschwerdefreien Lebenserwartung statt (Grafiken 2 und 3).
Kindersterblichkeit
Dieser Indikator gibt Auskunft über die in einem Land erreichten medizinischen Standards sowie über den Erfolg von Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen. Betrachtet man eine längere Zeitperiode von 40 Jahren, so beträgt die Anzahl der Sterbefälle im ersten Lebensjahr je 1 000 Lebendgeburten nur noch einen Bruchteil früherer Jahre. Diese Entwicklung ist in allen europäischen Ländern erkennbar. Am stärksten hat sich die Lage bis Mitte der 70er-Jahre verbessert, nachdem Mutterschaftsvorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen für Kleinkinder ausgebaut worden waren. Inzwischen haben sich die Unterschiede zwischen den Ländern weitgehend nivelliert.
Beschäftigte im Versorgungssystem
Die Gesamtbeschäftigtenzahl im deutschen Gesundheitssystem ist im internationalen Vergleich hoch. In Bezug auf die Anzahl der berufstätigen Ärzte je 1 000 Einwohner nimmt Deutschland zusammen mit Schweden und Frankreich im 6-Länder-Vergleich eine mittlere Position ein. Trotz der insgesamt vergleichsweise günstigen Personalsituation sind speziell im Krankenhaus Versorgungsdefizite auszumachen. Während im Jahr 2004 für die Akutversorgung in Deutschland pro Krankenhausbett im Durchschnitt 0,75 Pflegekräfte zur Verfügung stehen, liegen die Werte in Italien mit 1,36 Pflegekräften je Bett und im Vereinigten Königreich mit 1,8 Pflegekräften deutlich höher .
Verbreitung von Übergewicht
Der Anteil der Menschen mit Übergewicht ist in Deutschland weiter gestiegen. Starkes Übergewicht beeinträchtigt direkt die Lebensqualität im Alltag. Im Vergleich mit Polen, Frankreich, Schweden und Italien führt die deutsche Bevölkerung die Rangliste der stark übergewichtigen Personen an. Die Gründe sind vielfältig: von länderspezifisch unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten bis zum Ausmaß an körperlicher Aktivität. In Deutschland bewegen sich zahlreiche Kinder und Jugendliche bereits zu wenig.
Raucheranteil in der Bevölkerung
Im 6-Länder-Vergleich ist der Anteil der täglichen Raucher bei den Männern in Polen (37 Prozent) und in Italien (31 Prozent) am höchsten, gefolgt von Deutschland mit 30 Prozent. Bei den Frauen nimmt das Vereinigte Königreich mit 24 Prozent die Spitzenposition in Europa ein. In Deutschland rauchen 19 Prozent der Frauen täglich. Am niedrigsten ist der Anteil der Raucher 2003 in Schweden. Dort rauchen lediglich 17 Prozent der Männer und 18 Prozent der Frauen jeden Tag. In den Ländern mit dem ehemals höchsten Anteil an Raucherinnen liegt auch die Mortalitätsrate durch Lungenkrebs bei Frauen am höchsten. Für Deutschland negativ zu beurteilen ist auch die Stagnation der beschwerdefreien Lebensjahre bei Frauen. Dies führt dazu, dass sich bei Frauen der gesundheitlich beeinträchtigte Lebensabschnitt im Vergleich zur männlichen Bevölkerung ausweitet. Vor allem steigt in Deutschland die Sterberate bei Frauen aufgrund von Lungenkrebs an. Dies lässt sich auf eine Annäherung an männliche Rauchgewohnheiten zurückführen.
Auffällig ist in Deutschland besonders, dass sich trotz Alterung der Gesellschaft die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen deutlich verringert hat. Daraus könnte man auf ein zunehmend gesundes Altern der Menschen schließen. Dieses Phänomen könnte aber auch als eine Folge der Reformen der ambulanten und stationären Versorgung und insbesondere der Ausweitung privater Zuzahlungen angesehen werden. Tatsache ist, dass die Inanspruchnahme von Leistungen vor allem bei älteren und ärmeren Menschen weiter zurückging. Dies gibt Anlass zu der Vermutung, dass der Zugang zum Gesundheitssystem in zunehmendem Maße von den individuellen finanziellen Verhältnissen abhängt und sich bestehende soziale Ungleichheiten dadurch verstärken. Sollten diese Befunde tatsächlich im Sinn eines sozial ungleichen Systemzugangs zu interpretieren sein, so wäre dies auch hinsichtlich einer Gesunderhaltung der Bevölkerung besonders kritisch zu bewerten.
Der 6-Länder-Vergleich zeigt im Übrigen, dass bei der Entwicklung der Lebenserwartung und der Reduzierung der „potenziell verlorenen Lebensjahre“ so unterschiedliche Länder wie Schweden und Italien einen deutlichen Vorsprung gegenüber Deutschland haben. Der hohe Anteil von Frauen mit regelmäßigem Tabakkonsum lässt außerdem erwarten, dass sich die Mortalität durch Lungenkrebs in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern erhöhen wird. Besonders ungünstig ist die Situation in Deutschland beim Problem Adipositas. Angesichts dieser Befunde schreiben die Herausgeber des Reports: „In Deutschland müssen erhebliche Anstrengungen unternommen werden, um einen Platz in der Spitzengruppe europäischer Länder hinsichtlich des Gesundheitszustands der Bevölkerung zu halten beziehungsweise zu erreichen. Daraus ergeben sich speziell auch für das Gesundheitssystem zusätzliche Anforderungen.“ Zunächst aber sollten die Analysen dieses Datenreports als Grundlage für die gesellschaftspolitische Diskussion und zur Bewertung aktueller Entwicklungen genutzt werden.
Dr. Ingbert Weber
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