ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2007EBM 1901: Angemessenheit des ärztlichen Honorars

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EBM 1901: Angemessenheit des ärztlichen Honorars

Dtsch Arztebl 2007; 104(8): A-478 / B-419 / C-406

Gerst, Thomas

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Foto: privat
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Dr. med. Otto Schellong versuchte sich bereits 1901 im Ärztlichen Vereinsblatt mit dem „Entwurf zu einem neuen System der Pointberechnung der kassenärztlichen Leistungen“ an einem Einheitlichen Bewertungsmaßstab. Die Vorschläge sind:

Wenn das einfachste Pointsystem, bei welchem die Anzahl der gemachten Besuche und Konsultationen der Honorarvertheilung zu Grunde gelegt wird, sich bei den Krankenkassen mit freier Arztwahl nicht hat Eingang verschaffen können, so war das hauptsächlich in dem Umstande begründet, dass man dabei gänzlich eines Korrektivs entbehrte, um diejenigen kassenärztlichen Leistungen herauszuerkennen und auszuschliessen, welche als ein Zuviel im Sinne der geschäftlichen Gepflogenheiten der Aerzte angesehen werden müssen. Die versuchten Abhilfen riefen sodann verschiedene Pointsysteme ins Leben, welche alle den Stempel der Willkürlichkeit trugen; man legte z.B. der Berechnung die einzelnen Krankheiten zu Grunde, welche ein Kassenmitglied in einer bestimmten Zeit (Monat oder Vierteljahr) hatte; 1 Krankheit = 1 point. Oder man hielt sich an die Personen und sagte: 1 kranke Person = 1 point.
Die in einem solchen System enthaltene Willkürlichkeit, glaubte man, würde sich dadurch von selbst ausgleichen, dass, da die Einzelleistungen bei einer grösseren Anzahl von Krankheitsfällen oder kranken Personen bald hoch, bald niedrig ausfielen, sich schliesslich doch eine richtige Durchschnittsleistung ergeben würde. In Wahrheit findet eine solche Selbstregulierung aber nur selten statt; zunächst kann sie nur bei denjenigen Aerzten stattfinden, welche eine grosse Anzahl von Kassenkranken fortwährend in Behandlung haben; die weniger aufgesuchten Aerzte kommen dabei zu kurz. Andererseits werden diejenigen Aerzte naturgemäss im Vortheil sein, welche, wie ein Theil der Spezialärzte, hauptsächlich in ihrer Sprechstunde aufgesucht werden, während anderen vorzugsweise die zeitraubenden häuslichen Hilfeleistungen zufallen. (. . .)
Das von mir entworfene Pointsystem soll diesem Uebelstande abhelfen, indem es einen Vertheilungsmodus in Vorschlag bringt, der das Korrektiv gewissermassen in sich trägt. Im Gegensatz zu den bisher üblichen Pointsystemen will ich es nennen das Pointsystem mit fixirten Points. (. . .)
Für die Kassenpraxis . . . können wir . . . die Mühewaltung bei verschiedenen inneren Krankheiten von vornherein fixiren und z.B. von einer durchschnittlichen Mühewaltung bei Rötheln oder Masern oder Diphterie, Scharlach etc. sprechen. Sind wir dann weiterhin im Stande, ein annähernd vollständiges Verzeichnis aller Krankheiten, Encheiresen [Behandlungsarten] und Operationen zu bringen, welche den Kassenarzt interessiren, so bedarf es nur einer weiteren geringen Mühe, um die kassenärztlichen Leistungen gegeneinander abzuschätzen und in points auszudrücken . . . In denselben ist aber zugleich der Mindestsatz dessen ausgedrückt, was der Arzt in Markwerth für die Behandlung einer Krankheit im Durchschnitt billigerweise zu beanspruchen hätte. (. . .)
Dabei ist es zunächst gleichgiltig, ob die Krankheit von Seiten des behandelnden Arztes 1, 10 oder 20 Besuche erforderte. Der Ausgleich liegt stets innerhalb einer bestimmten Krankheitskategorie und wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach in ziemlich festen Grenzen bewegen, unter allen Umständen sich gerechter vollziehen, als wenn eine Krankheit oder eine behandelte Person immer nur mit 1 point gerechnet wird. (. . .)
Auch für die Krankenhausbehandlung . . . könnte der Pointtarif Anwendung finden; es wäre der Anstalt, ausser dem Verpflegungssatz, die bestimmte Anzahl points für Behandlung bestimmter Krankheiten zuzubilligen. (. . .)
Da die festen Pointzahlen des Tarifs dem Mindestsatz in Markwerth entsprechen sollen, den ein Arzt für eine Mühewaltung billigerweise erhalten müsste, so gewährt ein Vergleich der fixirten Points mit den thatsächlichen Points gleichzeitig die einfachste Uebersicht über die Angemessenheit des gezahlten Honorars. Der Scharlachpoint beträgt 10; wären thatsächlich dafür nur 5 Mk. gezahlt, so entspräche das Honorar nur 50 Proz. der Angemessenheit. (. . .)
Der Kernpunkt der Sache ist nicht die absolute Honorarsumme, sondern vielmehr das Verhältnis, welches zwischen dem Honorar und der ärztlichen Mühewaltung besteht, d. i. die Bewerthung der ärztlichen Leistung. Wie sehr wir in diesem Punkte von den Grenzen der Billigkeit noch entfernt sind, würde erst hervorgehen können, wenn das allernothwendigste zur Diskussion, das ist eine umfangreiche Statistik über unsere Thätigkeit an den Kranken, beigebracht worden wäre. Das war durch die bisherigen Anregungen, bei der bekannten Indolenz der Aerzte in Bezug auf ihre eigenen Angelegenheiten, leider nicht zu erreichen gewesen. (. . .)“




EBM-Ziffern sind für den heutigen Kassenarzt stete Begleiter im Berufsalltag. An die (Abrechnungs-)Zeit vor dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab wird sich nur eine Minderheit der niedergelassenen Vertragsärzte erinnern können. Der EBM wurde 1978 nach dem Ende der unbeschränkten Einzelleistungshonorierung und nach Budgetierung der kassenärztlichen Gesamtvergütung eingeführt.
In einem Punktesystem werden ärztliche Leistungen in Relation gesetzt und bewertet. Nach der zur Verfügung stehenden Gesamtvergütung und der Gesamtzahl der abgerechneten Punkte je Quartal erhält jeder Punkt nachträglich einen Geldwert.
Die Idee zu dieser Honorarverteilungsmethode war nicht neu, wie ein Blick auf die Auszüge aus einem 1901 im „Aerztlichen Vereinsblatt für Deutschland“ erschienenen Aufsatz belegt. Zu dieser Zeit nahmen die Konflikte zwischen den noch jungen Krankenkassen und den Kassenärzten an Schärfe zu. Gerade war der „Verband der Ärzte Deutschlands zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen“, später Hartmannbund, gegründet worden. Kassenärztliche Vereinigungen gab es noch nicht. Es ging den Ärzten zunächst darum, der Wirtschaftsmacht der Krankenkassen ein ärztliches Gruppeninteresse entgegenzustellen und so die freie Arztwahl, bessere Honorierung und Unabhängigkeit von den Krankenkassen durchzusetzen.
Dr. med. Otto Schellong (1858–1945) war nach 1885 mehrere Jahre als Kolonialarzt auf Papua-Neuguinea tätig, nachdem er sich ein halbes Jahr als Assistent bei Robert Koch darauf vorbereitet hatte. In der deutschen Kolonie führte er medizinische und ethnologische Studien durch. Schellongs Schriftenverzeichnis aus den Jahren 1884–1939 umfasst 75 Veröffentlichungen. Ein Kap im Bismarck-Archipel ist nach ihm benannt. Seit 1890 arbeitete Schellong als Arzt in Königsberg. Für seine wissenschaftlichen Verdienste wurde ihm der Titel „Geheimer Sanitätsrat“ verliehen. Vor dem Einmarsch der russischen Truppen beging er mit seiner Ehefrau Selbstmord. TG
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