ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2007Ärztliche Fortbildung: Inhaltlicher Anspruch wird zur Nebensache

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Ärztliche Fortbildung: Inhaltlicher Anspruch wird zur Nebensache

Dtsch Arztebl 2007; 104(8): A-519 / B-455 / C-443

Rheinwalt, Karl

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Mogelpackung: Besonders die großen Tagungen und Kongresse bieten inhaltlich oft weniger, als sie versprechen. Foto: Fotolia/Letzelnet
Mogelpackung: Besonders die großen Tagungen und Kongresse bieten inhaltlich oft weniger, als sie versprechen. Foto: Fotolia/Letzelnet
Anfang 2006 war ich für „Ärzte ohne Grenzen“ auf einem chirurgischen Hilfseinsatz in der Demokratischen Republik Kongo. Dabei wurde ich mit einem seltenen „senologischen Fall“ eines zwölfjährigen Mädchens mit monströsen hochmalignen Burkitt-Lymphomen beider Mammae konfrontiert. Die Histologie wurde von unserem kollaborierenden Pathologen aufgearbeitet.
Diesen „Case-Report“ hatte ich für die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie in Dresden als Vortrag angemeldet. Der Beitrag wurde als Posterpräsentation angenommen. Der Veranstalter wies mich darauf hin, ich habe die Tagungsgebühren von 200 Euro zu entrichten. Meine Bitte um Erlass der Gebühr wurde von den Organisatoren abgelehnt, sodass ich mich an den Tagungspräsidenten wandte.
Als Viszeralchirurg habe ich in Deutschland schon lange nichts mehr in der Mammachirurgie zu suchen. Daher wollte ich auch nicht an der gesamten Tagung teilnehmen, sondern nur mein Poster präsentieren. Gemäß Kongressprogramm hätte ich mich zwei Tage in Dresden aufhalten müssen. Postererstellung, Fahrtkosten, zwei Hotelübernachtungen plus die Tagungsgebühr: Kosten von rund 600 Euro wären auf mich zugekommen – für eine dreiminütige Einzelfallpräsentation.
Auch nach ausführlicher Schilderung meines Problems und Wunsches, als „Externer“ nur einen exotischen Fall präsentieren zu wollen, wurde mein Anliegen mit Hinweis auf eine „kostenlose Bootsfahrt mit Boat-lecture und anschließendem Grillabend“ abgelehnt. Ich habe dann auf die Posterpräsentation verzichtet.
Dieses ist kein Einzelbeispiel. Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin als auch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie bestätigten auf Anfrage, dass Posterpräsentierende und Vortragende bei ihnen eine Tagungsgebühr entrichten müssen – es sei denn, sie sind Mitglieder der Fachgesellschaft.
Diese Praxis steht exemplarisch für die Situation der ärztlichen Fortbildung: Das System wird geprägt von kostenpflichtigen Verbänden und Fachgesellschaften mit jeweils eigenen, für Mitglieder kostenfreien Jahrestagungen. Dort wird im Zuge der wissenschaftlichen und karrieretechnischen Profilierung eine Vielzahl von Vorträgen und Postern präsentiert, die man oft mit nahezu identischem Inhalt unter anderer Überschrift schon auf anderen Veranstaltungen präsentiert bekam.
Wer profitiert von diesen Veranstaltungen? Häufig die Vortragenden – sofern sie an ihrer wissenschaftlichen Karriere, etwa ihrer Habilitation, basteln. Vortragende und Zuhörer nutzen vor allem den kollegialen Austausch. Die Themen sind dabei wenig wissenschaftlich: Haben die anderen die gleichen Probleme? Wo wird eine interessante Stelle frei? Was tut sich in der Gerüchteküche? Die Industrie profitiert durch die Möglichkeit der Werbung auf den Industrieausstellungen. Dann natürlich die Veranstalter: Manche Kollegen verstehen es wunderbar, ihre Kongressgesellschaften mit Exklusivrechten auszustatten und im Rahmen der Fortbildungsveranstaltungen satte Gewinne zu erwirtschaften. Nach eigenen Erfahrungen und nach Umfragen bei Kollegen wird bei vielen Fachgesellschaften für Vorträge und Posterpräsentationen zur Kasse gebeten – es sei denn, man gehört zum erlauchten Kreis geladener Redner.
Die Wissensvermittlung gerät in den Hintergrund, der Profit gewinnt an Bedeutung. Inhaltlich sind die großen Kongresse und Jahrestagungen oft schwach. Sie dienen eher dazu, aus dem Alltag herauszukommen und an der Karriere zu basteln.
Nun könnte man meinen, die Zertifizierung habe die Qualität der Fortbildung verbessert. Doch das ist mitnichten der Fall. Die einzige Folge ist, dass eine Veranstaltung ohne Barcodes und Punkte gar nicht mehr besucht wird, mag sie noch so interessant sein. Alle sammeln wir nun schön brav unsere Punkte und zahlen dafür kritiklos aus eigener Tasche, auch als angestellte Klinikärzte.
All das hat weder den Wissensaustausch noch die individuelle Fortbildung verbessert. Die zum Punkteerwerb genötigten Ärzte holen sich oft nur die Teilnahmebescheinigung ab und verschwinden wieder oder schlafen ein bisschen im abgedunkelten Vortragsraum, essen noch ein paar Häppchen vom gesponserten Büffet.
Die ärztliche Fortbildung ist nun zwar komplett durchorganisiert, administrativ perfektioniert, zertifiziert und kontrolliert, doch deshalb sind wir noch lange nicht fachlich besser geworden. Wirkliche Fortbildung kann meines Erachtens nur freiwillig stattfinden und lässt sich allenfalls ganz am Ende an den Behandlungsergebnissen überprüfen. Am effektivsten ist Fortbildung auf kleinen Veranstaltungen, Workshops, selbst initiierten Hospitationen, in erster Linie aber lesend mit einem Fachbuch oder einer Fachzeitschrift in der Hand.
Dr. med. Karl Rheinwalt
E-Mail: k.rheinwalt@st-franziskus-koeln.de
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