ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2007Ärzte-Schach: Zwei „Blinde“ beim Röntgen

SCHLUSSPUNKT

Ärzte-Schach: Zwei „Blinde“ beim Röntgen

Dtsch Arztebl 2007; 104(8): [52]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Zwei Dinge sind mir von den Röntgenbesprechungen, die den Tag einleiteten, als junger Assistenzarzt im Kreiskrankenhaus München-Altperlach in Erinnerung geblieben. Zum einen die eher profane Frage des Chefarzts zu Beginn nach der Bettenbelegung. Welch Befriedigung, wenn Patienten auch auf den Gängen lagen und so Quoten von über 100 Prozent erzielt wurden. Spätestens da wurde mir bewusst, dass es neben dem Heil des Patienten auch ein solches des Krankenhausträgers gibt. Zum anderen blickte ich als Frischling voller Bewunderung zu diesem Chefarzt empor, der aus dem Stegreif „mit einem Affenzahn“ die Befunde der ihm völlig unbekannten Röntgenbilder diktierte. Ich kam mit dem Schauen nicht nach, und schon war der Befund im Kasten.
Einmal in 33 Jahren . . .
Nie wurde jedoch dabei Schach gespielt; das tat nicht einmal der große Matador Dr. med. Franz Weiß, der nachher in seiner Heimatstadt Kelheim als Internist wirken sollte und in Ruhepausen viele Schlachten mit Kollegen auf den 64 Feldern schlug, denen ich als Kiebitz manchmal beiwohnen durfte.
Sehr wohl tat das aber der Oberarzt der Onkologie im Klinikum Konstanz, Dr. med. Dieter Hardt, der vor einiger Zeit seinen 60. Geburtstag feierte. Bei Dieter denkt man zuallerletzt an das jugoslawische Sprichwort, nach dem einem mit 60 nur noch ein rostiger Nagel durchs Knie geschlagen gehört; wie ich im Gespräch mit einem seiner Assistenzärzte erfuhr, wird er sowohl fachlich als auch menschlich hoch geschätzt. Dieser Wertschätzung tut es offenbar auch keinen Abbruch, dass er vor ein paar Jahren während der morgendlichen Röntgendemonstration mit einem PJ-Studenten Schach spielte. Angeblich nur einmal in 33-jähriger Kliniktätigkeit. Nun könnte natürlich ein Schachbrett mit Figuren manch missbilligenden, vielleicht auch neidischen Blick auf sich ziehen, wo doch alle Sinne nur auf den Röntgenschirm gerichtet sein sollten. Also taten es unsere beiden Helden „blind“, sprich ohne Ansicht des Bretts, indem sie sich nur die Koordinaten der Züge mitteilten – vielleicht kommt man ja mit einiger Übung dahin, dass man ein virtuelles Schachbrett über die Lungenlappen legt und den Läufer die Bronchialäste entlanglaufen lässt. Dr. Hardts junger Gegner hörte übrigens auf den beziehungsreichen Namen Johannes (Jonny) Walker. Doch in diesem Fall ging nicht der Tag und Jonny Walker kam, sondern es kam vielmehr Dieter Hardt.
Sehen Sie, wie er als Weißer mit einem kräftigen Zug sofort gewinnbringenden Vorteil erlangte, indem er die durchschlagende Wirkung einer ziemlich versteckten Figur aufzeigte?


Lösung:

Das Springeropfer 1. Sec5! demaskierte den Läufer g2 im Hintergrund. Jonny musste wohl oder übel den Springerbraten mit 1. . . . bxc5 schlucken, aber nach 2. Lxc6 Lxc6 3. Dxc6 drohte schon schrecklich 4. Txa5 nebst 5. Ta8 matt. Dagegen half auch nicht wirklich 3. . . . De6, denn nach 4. Da8+ gab Schwarz schon auf, weil er nach 4. . . . Kd7 und jetzt der Springergabel 5. Sxc5+ Haus und Hof verliert.
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