ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2007Universitätsklinikum Giessen und Marburg: Ein neuer Geist hält Einzug

POLITIK

Universitätsklinikum Giessen und Marburg: Ein neuer Geist hält Einzug

Dtsch Arztebl 2007; 104(9): A-529 / B-465 / C-453

Flintrop, Jens

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LNSLNS positive Zwischenbilanz. Die Ärzte sind weniger euphorisch.

Es weht ein anderer Wind am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Dies bekommt auch die Presse zu spüren. Waren die Ärzte früher regelmäßig zu spontanen Statements zur Stimmung im Hause bereit, so heißt es jetzt: „Zitieren Sie mich bitte nur anonym“ oder „Da muss ich erst Rücksprache mit der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit halten“. Zurückhaltung gegenüber Journalisten, lautet die von oben ausgegebene Devise. Was dahintersteckt, ist klar: Als börsennotiertes Unternehmen muss die Rhön-Klinikum AG darauf bedacht sein, dass keine Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, die sich negativ auf den Aktienkurs auswirken könnten.
Willkommen ist hingegen die Verbreitung positiver Kennzahlen. Diese vermeldete der private Klinikbetreiber am 7. Februar in einer gemeinsamen Presseerklärung mit dem hessischen Wissenschaftsministerium. Demnach ist die Zahl der Patienten im fusionierten Universitätsklinikum im Jahr 2006 gegenüber dem Vorjahr gestiegen – und zwar um 1 400 oder 3,6 Prozent am Standort Gießen und um 800 oder zwei Prozent am Standort Marburg. „Diese Zahlen belegen, dass das privatisierte Universitätsklinikum von den Bürgern angenommen wird“, kommentiert Hessens Wissenschaftsminister Udo Corts. Dennoch verbuchte das neue „Flaggschiff“ von Rhön einen Jahresverlust in Höhe von 7,5 Millionen Euro (bei einem Umsatz von 378,2 Millionen Euro). Bei einem Konzerngewinn von 108,7 Millionen Euro (Umsatz: 1,934 Milliarden Euro) steckt der Branchenprimus dies jedoch locker weg.
Die große Stärke der Privaten ist ihre Finanzkraft. Minister Corts ist denn auch stolz auf die laufenden Bauvorhaben, zu denen sich Rhön verpflichtet hat, um bis Ende 2010 den Investitionsstau zu beseitigen. So begann noch im Februar in Gießen der Abbruch von zwei Gebäuden, um das Baufeld für den ersten Bauabschnitt der Kinderklinik frei zu machen. In Marburg wird der Bau der Partikeltherapieanlage vorbereitet, in der kombiniert Protonen- und Schwerionenbestrahlung möglich sein werden. Das Klinikum wird damit weltweit eine der ersten Anlagen dieser Art betreiben. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, Gerald Meder, betont, dass es nicht nur bauliche Veränderungen gebe. So habe man auch dringende Ersatzbeschaffungen bei Medizingeräten und Investitionen in sicherheitsrelevanten Bereichen beider Häuser vorgenommen.
Rhön hatte am 1. Februar 2006 die volle unternehmerische Verantwortung für das Universitätsklinikum Gießen und Marburg übernommen – und Hessen damit als erstes Bundesland ein Universitätsklinikum privatisiert. „Wir sind sicher, dass das Modell Gießen und Marburg anderen Universitätskliniken als Beispiel dienen kann“, sagen Corts und Meder nun.
Darüber, welche Bundesländer dem Beispiel Hessens als Erstes folgen könnten, wird in der Branche heftig diskutiert. Klar scheint, dass Rheinland-Pfalz zumindest einen Teil des Mainzer Universitätsklinikums privatisieren will. Auch im Saarland (Homburg) und in Nordrhein-Westfalen (Aachen, Münster) wird über die Privatisierung von Universitätskliniken nachgedacht. Weitere häufig genannte Kandidaten sind Schleswig-Holstein (Kiel, Lübeck), Mecklenburg-Vorpommern (Greifswald, Rostock) sowie Standorte in Bayern und Baden-Württemberg.
Die Ärzte in Gießen und Marburg sind zunächst einmal froh, dass unter der Führung des neuen Betreibers überfällige Investitionen in Gebäude und Medizingeräte erfolgten oder geplant sind. Auf weniger Gegenliebe hingegen stößt das zweite Standbein der rhönschen Geschäftsführungsstrategie: „die Schaffung neuer Ablaufstrukturen mit dem Ziel einer qualifizierten humanen Patientenversorgung, der Sicherung der Produktivität des Klinikums und damit seiner Zukunftsfähigkeit“ (Meder). So müssen sich leitende Chirurgen in „Performance-Gesprächen“ die Frage gefallen lassen, was sie eigentlich den ganzen Tag lang tun. Ihre Abteilungen stehen plötzlich in Konkurrenz mit vergleichbaren Abteilungen in anderen Rhön-Kliniken. Verglichen werden der „Case-Mix“, die Fallzahlen und die Zahl der Ärzte. Stimmt die „Performance“ nicht, werden ärztliche Stellen gestrichen.
Ärger gibt es auch immer wieder mit den Ambulanzen. Da diese wegen ihrer „teuren Patienten“ rote Zahlen schreiben, sind die Ärzte angewiesen, bestimmte Fallzahlenbudgets nicht zu überschreiten. Anderenfalls droht die Geschäftsführung, die nächste frei werdende Arztstelle nicht neu zu besetzen.
Berichtet wird auch von Abstimmungsproblemen zwischen dem Land, das ja weiterhin für die Forschung und Lehre zuständig ist, und dem privaten Betreiber, der die Krankenversorgung regelt. So wolle Rhön beim Neubau des Klinikums in Gießen nur dann Forschungslabore bauen, wenn das Land die Kosten übernehme, heißt es. Bei einigen Räumen stelle sich die Frage, ob Hessen an Rhön Miete zahlen müsse.
Konfliktpotenzial bietet zudem die Berufung der Ordinarien, für die weiterhin das Land zuständig ist. Angeblich drohte Rhön in einem Fall bereits damit, einen starken Ärztlichen Direktor zu installieren, falls der vom Land ausgewählte Kandidat der Geschäftsführung nicht passe. Jens Flintrop
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