ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2007Ärztlicher Nachwuchs: Ernüchternder Berufseinstieg

POLITIK

Ärztlicher Nachwuchs: Ernüchternder Berufseinstieg

Dtsch Arztebl 2007; 104(9): A-530 / B-466 / C-454

Stiller, Jeannine; Kulka, Kristin

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Foto: Photothek
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Die geringe Bezahlung und die freizeit- und familienfeindlichen Arbeitsbedingungen frustrieren junge Ärztinnen und Ärzte. Ergebnisse einer qualitativen Befragung

Die Berufsgruppe der Ärztinnen und Ärzte ist in den letzten Monaten zunehmend in das Licht der Öffentlichkeit gerückt, sowohl vor dem Hintergrund der Gesundheitsreform als auch wegen der zurückliegenden Ärztestreiks. Doch was macht die Unzufriedenheit beim medizinischen Nachwuchs aus? (1) Welche Themen beschäftigen die Mediziner, wenn es um ihren Beruf geht? Bisherige Studien konnten bereits belegen, dass zunehmende und von den Ärztinnen und Ärzten selbst wenig beeinflussbare Arbeitsbelastungen, wie etwa Zeitdruck, Verwaltungsaufwand, eine geringe Entlohnung, unzureichende Einbindung in organisatorische Entscheidungen sowie ein schlechtes Arbeitsklima wesentliche Gründe für ärztliche Unzufriedenheit darstellen (2, 3, 4, 5).
Um die genannten Aspekte differenzierter zu erfassen, wurden im Rahmen einer Längsschnittuntersuchung im Frühjahr 2006 Daten zur beruflichen Karriereentwicklung von Ärztinnen und Ärzten erhoben (6). Neben standardisierten Skalen wie beruflichen Belastungen, subjektivem Berufserfolg, Karrierezufriedenheit und Lebenszufriedenheit wurde der Fragebogen um die Variable „eigene Anmerkungen“ ergänzt. In einem offenen Antwortformat hatten die Befragten die Möglichkeit, zusätzliche Informationen anzugeben. Bei der Auswertung stellte sich heraus, dass die Ärzte sich hier in erster Linie zu ihrer beruflichen Unzufriedenheit äußerten. Dies wurde zum Anlass genommen, die qualitativen Daten systematisch auszuwerten (7).
Von den 308 teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten im dritten und vierten Berufsjahr nutzten 69 die Möglichkeit des offenen Antwortformates, davon waren 43 weiblich, 26 männlich. Die Altersspanne reichte von 28 bis 42 Jahren, der Mittelwert lag bei 32 Jahren. Rund 40 Prozent hatten Kinder. Mehr als 80 Prozent waren aktuell ärztlich tätig, fast 90 Prozent befanden sich zum Zeitpunkt der Untersuchung in ihrer Facharztweiterbildung, wobei die Fachrichtungen Innere Medizin, Allgemeinmedizin und Pädiatrie überwiegen.
In den offenen Antworten konnten fünf Hauptkategorien extrahiert werden: Zufriedenheit/Unzufriedenheit mit der derzeitigen beruflichen Situation, Lösungsstrategien bei beruflicher Unzufriedenheit, Zukunftsperspektiven, Probleme als Arzt in der Gesellschaft und sonstige Anmerkungen. Im Folgenden soll die berufliche Unzufriedenheit fokussiert werden.
Mehr als die Hälfte aller Ärztinnen und Ärzte, etwa 55 Prozent, nutzten die Möglichkeit, um auf ihre Unzufriedenheit mit der derzeitigen Arbeitsplatzsituation aufmerksam zu machen. Als Gründe für diese Unzufriedenheit werden an erster Stelle schlechte Arbeitsbedingungen und hohe Belastungen genannt.

Besonders ausführlich äußerten sich die Befragten zum Thema Bezahlung. Diese sei zu gering, hinzu kämen hohe Kosten für Fort- und Weiterbildung. Ein angemessener Verdienst könne nur durch zusätzliche Dienste erreicht werden. Häufig kritisiert wurden Verdiensteinbußen nach der Elternzeit. Für „den kostspieligen Luxus“ Kinder reiche das Arztgehalt ohnehin nicht aus.
„Beim Nettoeinkommen sollten die Ausgaben für die Weiterbildung abgerechnet werden, die in meinem Fachgebiet sehr hoch sind (. . .), außerdem muss ich Studentenkredite zurückzahlen. Unterm Strich habe ich nicht mehr Geld als eine BAföG-Empfängerin zu Studentenzeiten, könnte mir Kinder also aktuell gar nicht leisten!“
(Assistenzärztin)

Damit wurden zwei weitere wichtige Punkte thematisiert: die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die etwa ein Fünftel beklagten. Schwierigkeiten ergeben sich danach bei der Kinderbetreuung und der Teilhabe am Familienleben aufgrund von nur wenig freier verfügbarer Zeit.
„Mein Lebensgefährte ist auch Assistenzarzt (Chirurgie). Von unserem Kind kriegt er bei 70 Wochenstunden kaum etwas mit. Wochenenden gibt es kaum, auch keine Dienstausgleichstage. Erst seit ich mit Kind zu Hause bin, realisiere ich wirklich, wie extrem familien- und freizeitfeindlich der Arztberuf ist.“
(Assistenzärztin im Mutterschutz)

Eine erfolgreiche Verzahnung beider Bereiche kann nach Aussagen der Ärztinnen und Ärzte nur dann glücken, wenn man „innerhalb der Familie“, etwa in einer gemeinsamen Praxis, arbeitet oder wenn ein nicht ärztlich tätiger Partner große Teile der Kinderbetreuung übernimmt. Ansonsten seien ein großes Verständnis seitens des Arbeitgebers notwendig und Angebote zur Teilzeitarbeit.

Eine schlechte Facharztweiterbildung wurde von fast neun Prozent bemängelt. Vor allem zu lange Weiterbildungszeiten werden moniert – ein Problem insbesondere bei Unterbrechungen und Teilzeitarbeit aufgrund von Familiennachwuchs. Weitere Kritikpunkte an der Weiterbildung sind Ressourcenknappheit und eine defizitäre Ausbildung.
„Ich möchte nochmals auf die schlechte allgemeinmedizinische Facharztweiterbildung verweisen. Zum einen gibt es kaum Rotationsstellen, zum anderen sind die Vergütungen geringer als für andere fachärztliche Kollegen mit dem gleichen Ausbildungsstand.“
(Assistenzarzt)
Ebenso wurde auch über die Diskriminierung von Ärztinnen berichtet, die ausschlaggebende Aspekte der beruflichen Unzufriedenheit sind.
„Seit Bekanntmachung meiner Schwangerschaft in der Klinik verspüre ich eine deutliche Verschlechterung des Arbeitsklimas, insbesondere seitens des Chefs; öffentliche Diffamierungen (. . .) sind nicht selten. Der Chef stellt jetzt nur noch Männer ein!“ (Assistenzärztin)

Als Lösungsstrategien zur Erlangung beruflicher Zufriedenheit wurde von knapp 15 Prozent die Arbeit im Ausland genannt. Verwiesen wird auf einen höheren Verdienst, bessere Arbeitszeiten, ein angenehmes Arbeitsklima und die Entlastung der Ärzte durch gut ausgebildete Krankenschwestern. Als mögliche Länder werden vor allem die Schweiz und skandinavische Staaten genannt.
„Angesichts der momentanen Arbeits(zeit)situation sind etwa 80 Prozent der Kollegen so wie ich immer wieder mit dem Gedanken beschäftigt, der klinischen Tätigkeit und/oder Deutschland den Rücken zu kehren.“ (Assistenzarzt)

Um der beruflichen Frustration zu entgehen, denken drei Befragte intensiv darüber nach, in einen nichtmedizinischen beziehungsweise nichtkurativen Bereich zu wechseln.
„Ich beschäftige mich bereits längerfristig mit alternativen medizinischen Berufsfeldern, um in naher Zukunft den Weg aus der Klinik zu finden.“ (Neurologe)

Die gewonnenen Ergebnisse spiegeln die Resultate vorangegangener quantitativer wie auch qualitativer Untersuchungen zu ärztlicher Berufszufriedenheit im Wesentlichen wider. Sie ergänzen sie aber auch um weitere Aspekte. So zeigte diese Untersuchung einerseits, dass die Arbeit als Arzt oder Ärztin Freude bereitet und zu Beginn der Studienzeit die Motivation stand, anderen helfen zu wollen. Im Laufe der beruflichen Entwicklung scheint dieses Bild jedoch zu „kippen“ und führt zunehmend durch die wahrgenommenen schlechten Arbeitsbedingungen zur beruflichen Unzufriedenheit. Solche Erfahrungen werden offenbar nicht erst im Laufe des Berufslebens gemacht. Schon im letzten Studienjahr berichten Medizinstudierende während ihres Praktischen Jahres über eine hohe zeitliche und psychische Belastung und daraus resultierender Unzufriedenheit, wobei besonders die Studentinnen die ungünstigen Arbeitsbedingungen und die schlechte Kommunikationskultur als wesentliche Faktoren für eine geringere Arbeitszufriedenheit wahrnehmen (8, 9).
Darüber hinaus wird über eine subjektiv wahrgenommene, schwierige Vereinbarkeit von Karriere und Familie berichtet. Die Gründe dafür sind ein Mangel an Teilzeitstellen, eine unzureichende Anzahl an Kinderbetreuungsplätzen, fixierte Geschlechterrollen und zu wenige weibliche Vorbilder. Zudem wird nach Studienende und mit Beginn der Berufstätigkeit über eine Abnahme des gesundheitlichen Wohlbefindens und der Lebenszufriedenheit im Vergleich zum letzten Studienjahr berichtet (10).
Die Bedürfnisse des ärztlichen Nachwuchses sollten künftig stärker berücksichtigt werden. Im Rahmen dieser Erhebung sind vor allem die Bereiche Verdienst und Arbeitszeit als brisant zu bewerten, da diese die Ärztinnen und Ärzte am meisten frustrieren. Das spiegelt sich auch in der wachsenden Zahl der Mediziner wider, die ins Ausland oder andere Berufsfelder abwandern.
Veränderungen erscheinen daher dringend erforderlich, um die berufliche Zufriedenheit zu erhöhen. Zudem müssen Anstrengungen unternommen werden, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Nur so kann auch künftig eine ausreichende medizinische Versorgung sichergestellt werden. n
Dr. phil. Jeannine Stiller
Kristin Kulka
Universität Leipzig
Medizinische Fakultät
Abteilung für Medizinische Psychologie
und Medizinische Soziologie
Philip-Rosenthal-Straße 55
04103 Leipzig
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