ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2007EU-Projekt „GEsundheitliche Ungleichheiten reduzieren“: Erfolg durch Ideenklau

POLITIK

EU-Projekt „GEsundheitliche Ungleichheiten reduzieren“: Erfolg durch Ideenklau

Dtsch Arztebl 2007; 104(9): A-533 / B-470 / C-456

Rieser, Sabine

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Foto: dpa
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Ein Einheitsrezept, wie gesundheitliche Ungleichheit in Europa
zu reduzieren ist, gibt es nicht – aber Vorlagen, die man ins eigene Repertoire übernehmen könnte.

Die Ergebnisse des Projekts „Closing the Gap – Gesundheitliche Ungleichheit in Europa reduzieren“ – bestätigen nach Auffassung von Dr. Klaus Theo Schröder, „dass Deutschland auf einem guten Weg ist, Prävention und Gesund­heits­förder­ung so auszubauen, dass sozial Schwächere erreicht werden“. Diese Auffassung vertrat der Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium Mitte Februar in Berlin während der nationalen Abschlusskonferenz des von der Europäischen Kommission geförderten Projekts „Closing the Gap“.
Schröder verwies darauf, dass mithilfe des GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes beispielsweise Vater-Mutter-Kind-Kuren zu Pflichtleistungen der Krankenkassen bestimmt wurden. Sie seien gerade für sozial schwache Eltern hilfreich. Lobend erwähnte er auch den Kinder- und Jugendlichen-Survey des Robert-Koch-Instituts, der Beispiel für eine „vorbildliche Datenlage“ sei, an der es vielerorts mangelt. Darüber hinaus betonte der Staatssekretär, dass das geplante Präventionsgesetz ein wichtiger Ansatz auch zur Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheit sei.
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) als Vertreter Deutschlands hat das EU-Vorhaben „Closing the Gap“ zwischen 21 Ländern drei Jahre lang koordiniert. Ziel war es, effektive Strategien zur Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheit ausfindig zu machen und fundierte Informationen beziehungsweise vorbildliche Projekte in einer Datenbank zu sammeln (www. health-inequalities.eu). Wer das Internet-Portal anklickt, erhält nicht nur grundsätzlich Informationen über das EU-Vorhaben, sondern auch Daten zu mittlerweile 90 vorbildlichen Praxisprojekten, darunter fünf aus Deutschland (mehr Praxisbeispiele unter: www. gesundheitliche-chancengleichheit.de).
„Ein Vergleich zwischen den Partnerländern macht deutlich, dass es kein Einheitsrezept gibt“, betonte BZgA-Direktorin Elisabeth Pott. Um mehr Chancengleichheit im Gesundheitsbereich zu erzielen, müssten zugleich Akzente am Arbeitsmarkt, im Sozial-, Umwelt-, Stadtplanungs-, Verkehrs-, Familien- und Bildungsbereich gesetzt werden. So führten in Schweden beispielsweise verkehrspolitische Maßnahmen zur Unfallreduzierung, von der besonders sozial Benachteiligte profitierten, erläuterte Pott. Denn diese Gruppe habe – in allen europäischen Ländern – ein statistisch erhöhtes Unfallrisiko.
Zu den bislang gelisteten fünf nachahmenswerten Projekten aus Deutschland zählen ganz unterschiedliche Vorhaben. Eines davon ist das Projekt „Schutzengel“ des gleichnamigen Fördervereins, der im Jahr 2000 in Flensburg gegründet wurde. Seine Mitglieder, Privatpersonen wie Institutionen, unterstützen und koordinieren Angebote für Familien mit kleinen Kindern in einem sozialen Brennpunkt, und zwar bereits während der Schwangerschaft der Mütter beziehungsweise von Geburt an.
Zweites Projekt ist „Ich geh zur U! Und Du?“ der BZgA. Mithilfe von Postern und Broschüren wird in Kindergärten in sozial benachteiligten Gebieten für die Teilnahme an den Kinder-Früherkennungsuntersuchungen U 7 bis U 9 geworben. Für die lückenlose Beteiligung erhält jedes Kind ein T-Shirt. Sobald der ganze Kindergarten zu den „Us“ erschienen ist, wird die Gruppe fotografiert und beteiligt sich an einem Fotowettbewerb der BZgA.
Ebenfalls aufgeführt ist das Projekt „Gesund essen mit Freude“, das sich an türkischstämmige Mütter wendet und mithilfe von Kochkursen und Diskussionsrunden mehr Bewusstsein für gesunde Ernährung schaffen soll. Aus der praktischen Arbeit heraus sind ein zweisprachiges Kochbuch und ein Kursmanual entstanden.
Die zwei weiteren Projekte umfassen das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“, das 1999 startete, und ein Modellprojekt der Betriebskrankenkassen. Dafür wurde eine berufliche Eingliederungs- und Arbeitsmaßnahme für Langzeitarbeitslose im Ennepe-Ruhr-Kreis um ein gesundheitsbezogenes Modul erweitert.
Nach Ansicht von Elisabeth Pott kann Deutschland mit den Ergebnissen des Projekts „Closing the Gap“ durchaus zufrieden sein. Gleichwohl mangelt es nach ihrer Überzeugung noch an der Vernetzung verschiedener Politikbereiche und an aussagekräftiger Forschung darüber, welche Ansätze in der Bekämpfung gesundheitlicher Ungleichheit tatsächlich erfolgreich sind. Und wie so oft bleibt die Finanzierung ein Problem: „In vielen Fällen sind gute Projekte heute begrenzt und gehen nicht in die Regelversorgung“, bedauerte Pott. Sabine Rieser

Arm = Krank
Dass sich auch in Deutschland nach wie vor soziale Unterschiede auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirken, belegen Daten, auf die die BzgA im Rahmen der Abschlusskonferenz von „Clothing the Gap“ hinwies. Zwei Beispiele:
- Die Lebenserwartung von Männern im oberen Einkommensbereich ist um zehn Jahre höher als die bei Männern mit niedrigem Einkommen; bei Frauen beträgt der Unterschied rund fünf Jahre.
- Herzinfarkte treten bei Männern einer niedrigen sozialen Schicht ungefähr doppelt so häufig auf wie bei Männern, die sozial gut gestellt sind. Ähnlich ist das Verhältnis bei Männern und Frauen mit Diabetes.
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