ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2007Durchsetzungsstärke: Zwischen Aggressivität und Bescheidenheit

BERUF

Durchsetzungsstärke: Zwischen Aggressivität und Bescheidenheit

Dtsch Arztebl 2007; 104(9): [131]

Lange, Alfred

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LNSLNS In verantwortungsvollen Positionen wird Führungsstärke vorausgesetzt.

Wer Karriere machen will, muss lernen, sich durchzusetzen. Der Grat zwischen aggressiver (abschreckender) Vorgehensweise und bescheidener Zurückhaltung (die zur Beliebtheit führt, aber nicht zum Weiterkommen) ist jedoch schmal.
Bei der Fachkompetenz und der methodisch-didaktischen Kompetenz ist es in der Regel eher möglich, den Ausprägungsgrad einer Fähigkeit zu bewerten. Anders bei den Sozialkompetenzen: Wann schlägt Loyalität um in ein Verhalten, das zu Unterordnung/Unterwerfung tendiert? Wann wird aus Gewissenhaftigkeit Pedanterie, wann aus Vertrauen Vertrauensseligkeit, die ausgenutzt wird? Und wann kann man davon sprechen, dass Ichstärke und Selbstbehauptungswillen in aggressive Dominanz umschlägt, die Vorgesetzte und Kollegen abschreckt? Personalverantwortliche loten diese Thematik insbesondere bei Bewerbungsgesprächen und anschließend in den ersten „100 Tagen“ der Anstellung aus.
Der Arzt kann sich meist darauf verlassen, dass die Personalverantwortlichen Charaktereigenschaften nie isoliert voneinander bewerten. Betrachtet wird das Kräftespiel des Seelenlebens und der Persönlichkeit im Zusammenhang. Denn Verhaltensweisen wie Durchsetzungsstärke, Zuverlässigkeit oder Überzeugungskraft werden wirksam auf der Grundlage einer bestimmten Persönlichkeit: Durchsetzungsvermögen bei einer tendenziell aggressiven Persönlichkeit wird eher negativ bewertet.
Ein Persönlichkeitsmerkmal wie „Durchsetzungsstärke“ muss zudem immer situativ betrachtet werden: Während es in der einen Situation angemessen ist, initiativ, robust und mit Spannkraft zu handeln – etwa in Notfällen –, können sich just diese Eigenschaften in anderen Situationen als nachteilig erweisen, so bei der Teamarbeit, wenn zwischen verschiedenen Positionen vermittelt werden muss.
Der Arzt sollte damit rechnen, dass bei der Einstellung und der Frage, ob er zu „Höherem“ berufen ist und eine verantwortungsvollere Führungsposition übernehmen kann, die Führungseigenschaft „Durchsetzungsstärke“ ein entscheidendes Kriterium darstellt. Sie wird definiert als Fähigkeit, Ziele auch gegen Widerstände durchzusetzen, andere Menschen zu überzeugen und Ideen klar zu vertreten. Es geht um die Motivationskraft, Mitarbeiter, Kollegen und Menschen aus anderen Abteilungen, etwa die Klinikverwaltung, zu überzeugen.
Sinnvoll ist es, wenn sich der Arzt mithilfe einer Selbsteinschätzung verdeutlicht, wie es mit seinem Durchsetzungsvermögen ausschaut. Die Selbsteinschätzung kann er objektivieren und differenzieren, indem er Personen aus seinem nicht beruflichen Umfeld bittet, eine Fremdeinschätzung vorzunehmen. Am besten, er betrachtet dazu sein Verhalten in einem konkreten Kontext, etwa den, dass er sich in einer Sitzung mit Vorgesetzten und Kollegen befindet. Auf einer Skala von 1 bis 10 schätzt er oder eine Vertrauensperson dann ein, zu welchen Verhaltensweisen er eher neigt. Mögliche Kriterien sind:
- Ich räume den Gesprächspartnern viel Redezeit ein – ich bringe viele eigene Redebeiträge ein.
- Ich weiche Konflikten aus – ich suche geradezu die Konfrontation.
- Ich gehe Kompromisse ein – ich versuche, meine Ideen umzusetzen.
- Ich plädiere dafür, eine von allen gemeinsam getragene Lösung zu realisieren – ich kämpfe argumentativ für meine Meinung.
- Ich fühle mich unwohl dabei, die Gesprächssteuerung zu übernehmen – ich übernehme gerne die Gesprächslenkung.
- Ich gebe bei Widerständen aufseiten der Gesprächspartner schnell nach – ich setze mich gegen Widerstände durch.
Wichtig: Das Ergebnis der Einschätzung ist zunächst einmal kein Werturteil. Der Arzt kann seine Interessen auch „soft“ verwirklichen, indem er mit Kompromissen und Konsensbereitschaft arbeitet. Allerdings werden in der Berufswelt das konfrontative Vorgehen und die Bereitschaft, für die eigene Meinung zu kämpfen, eher als positive Zeichen für Durchsetzungsfähigkeit interpretiert. Die Einschätzung hilft dem Arzt zu prüfen, ob er an dieser Kompetenz arbeiten und sie ausbauen muss. Dies sollte er tun, ohne sich zu verbiegen.
Durchsetzungsvermögen wurde bereits definiert als Fähigkeit, Ziele gegen Widerstände durchzusetzen. Entscheidend ist, dass der Arzt dabei nicht nur seine eigenen Ziele im Visier hat. In Kliniken und Praxen wird Durchsetzungsstärke dann positiv bewertet, wenn sie der Arzt an den Tag legt, um für etwas zu kämpfen, nicht gegen etwas. Jens Weidner schrieb im Wirtschaftsmagazin „managerSeminare“: „Die positive Durchsetzungsform (. . .) behält das Gemeinwohl im Auge. Ihr Ziel ist möglichst eine Win-Win-Situation.“
Somit schließt sich der Kreis: Die Durchsetzungsstärke des Arztes hilft der Karriere vor allem dann, wenn er sie im Rahmen seiner Gesamtpersönlichkeit einbringt, um Ziele durchzusetzen, die ihm selbst und der Klinik oder Praxis nutzen – und wenn dabei kein Dritter zu Schaden kommt. Das bedeutet: Der durchsetzungsstarke Arzt darf nie den Respekt gegenüber seinem Gegenüber verlieren, er muss fair und kollegial bleiben. Wem dies gelingt, der steigt auf der Karriereleiter.
Alfred Lange
E-Mail: a.lange@medicen.de
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