ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2007Von schräg unten: Rentner

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Rentner

Dtsch Arztebl 2007; 104(9): [132]

Böhmeke, Thomas

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Das Ende des Berufslebens bedeutet für viele eine schwierig zu bewältigende Zäsur, mutet wie eine allzu radikale Operation an. Es heißt Abschied zu nehmen von vertrauten Funktionen und seinen Sessel zu räumen, dessen Größe die Bedeutung der Person reflektiert. Wir Mediziner können da nicht mitreden, weil wir schon lange keine großen und bequemen Sessel mehr haben und der Verlust von Nacht- und Wochenenddiensten nicht wirklich schmerzhaft ist. Aber unsere Patienten leiden durchaus unter dem Wegfall der beruflichen Verpflichtung, wie ich immer wieder an unseren älteren Mitbürgern feststellen muss. Man hängt ja doch am Sessel des Abteilungsleiters, an der Zahl der Untergebenen, an der Wichtigkeit der eigenen Person. Wie auch der heutige Patient, bei dem ich eigentlich das Herz zu untersuchen habe.
„Bevor wir nun zu meinen Leiden kommen, Herr Dr. Blömeke, muss ich Ihnen erst mitteilen, dass ich zwar in Rente bin, aber trotzdem für die Bundesregierung als Sachverständiger im Bergbau arbeite!“ Das ist wunderschön, dass unsere Regierung wider der landläufigen Meinung für unsere Rentner ein großes Herz hat, aber wie ist es denn um Letzteres bei ihm bestellt? „Herr Doktor Blömeke, Sie haben mich nicht verstanden: DIE BUNDESREGIERUNG!“ Ja ja, ich weiß, was die Bundesregierung ist, ich weiß, da sitzen ganz ganz wichtige Leute . . . auch ich habe ihnen vieles zu verdanken . . . manches ganz besonders . . . Verknappungsmedizin auf der einen Seite, Verfolgungsbürokratie auf der anderen . . . Dinge also, die das Herz durchaus belasten können . . . apropos, wo wir gerade beim Thema wären, verspürt er gelegentlich ein Engegefühl über seinem Herzen, gar bei Belastung? „Als Rentner hat man ja keine Belastung . . ., aber anstrengen muss ich mich schon, wenn ich für die Bundesregierung arbeite!“ Die Bundesregierung ist sicher wichtig, mitunter auch ziemlich anstrengend, aber momentan nicht meine Herzensangelegenheit. Wir sollten doch mal zum Thema kommen, ob er die Bundesregierung für einen Moment außer Acht lassen und mal frei von seinem Herzen berichten könnte. Er guckt mich magensauer an. „Ich war früher Herr über einen zwanzig Mann starken Betrieb, müssen Sie wissen!“ Ich notiere dies pflichtschuldigst und frage nach, ob diese soziale Verantwortung ihm besonders am Herzen gelegen habe. „Ich hatte nicht nur eine eigene Sekretärin, sondern auch einen eigenen Chauffeur!“ Auch dieses wird notiert und durch die Frage ergänzt, ob der Verlust dieser diensteifrigen Geister ihm arg zu Herzen gegangen sei. „Damit Sie es endlich wissen, mit wem Sie es zu tun haben: Ich habe Artikel geschrieben, über das, was ich beruflich getan habe, und zwar in Fachzeitschriften, die auch der Bundesregierung vorliegen!“
Jetzt reicht’s. Seinem Herzen keinen anamnestischen Schritt weitergekommen, offenbare ich ihm, dass wir sozusagen schriftstellerische Kollegen sind; dass auch ich Gelegenheit habe, in regelmäßigen Abständen Notizen aus der Praxis zu veröffentlichen.
„Ah! Ich verstehe. Sie schreiben aber sicher nichts Ernsthaftes. Nur über solche absurde Sachen, die Sie im Alltag so erleben, nicht wahr?!“ Ich kritzele fröhlich vor mich hin. Langsam dämmert es ihm. „Herr Dr. Blömeke! Nein! NEIN!“
Zu spät, mein Freund.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener
Kardiologe in Gladbeck.
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