ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007Rabattverträge für Arzneimittel: Der Praxistest beginnt

POLITIK

Rabattverträge für Arzneimittel: Der Praxistest beginnt

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-614 / B-542 / C-522

Korzilius, Heike

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LNSLNS Mit elf Pharmaherstellern hat die AOK Rabatte für 43 häufig verordnete Wirkstoffe vereinbart. Nun wendet sich mit dem Verband der Angestellten-Krankenkassen ein zweiter großer Kassenverband mit einer Ausschreibung an die Firmen.

Vorreiter waren die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Als deren Landesverbände im November 2006 gemeinsam bundesweit Arzneimittelhersteller aufforderten, Rabattangebote für 89 Wirkstoffe abzugeben, protestierte nicht nur der Branchenverband Pro Generika. „Ein Unternehmen, das den AOK-Rabattvertrag unterschreibt, setzt sich einem ruinösen Preisdruck aus“, sagte damals dessen Geschäftsführer Hermann Hofmann. Auch das Bundeskartellamt meldete wettbewerbsrechtliche Bedenken an. Immerhin versichern die 16 AOK-Landesverbände mit rund 25 Millionen Menschen nach eigenen Angaben fast ein Drittel der Bevölkerung. Doch den Wettbewerbshütern sind die Hände gebunden. Die Kassen fallen nicht unter das Wettbewerbsrecht.
Zusatzhonorar für die Ärzte
Inzwischen hat die AOK mit elf Pharmaunternehmen Preisnachlässe für 43 Wirkstoffe und Wirkstoff-Kombinationen vereinbart. Die ausgehandelten Preise liegen nach AOK-Angaben bis zu 37 Prozent unter dem aktuellen Verkaufspreis in der Apotheke. „Bundesweit rechnen wir mit jährlichen Einsparungen im zweistelligen Millionenbereich“, sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Hans Jürgen Ahrens, Anfang Februar in Bonn.
Um dieses Einsparvolumen zu erreichen, will die AOK die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte vertraglich einbinden. Als Erste haben die AOK Baden-Württemberg und die dortige Kassenärztliche Vereinigung (KV) eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, der sich die Ärzte freiwillig anschließen können. Für die zusätzlichen Leistungen, die bei der Umstellung der Patienten auf die rabattierten Präparate anfallen, sollen die Ärzte ein Honorar erhalten – außerhalb der Gesamtvergütung. Voraussetzung ist, dass der Umsatz an verordneten rabattierten Produkten mindestens 15 Prozent des Gesamtumsatzes der Praxis für den jeweiligen Wirkstoff ausmacht. Die Vergütungsregelung ist jedoch komplex. Die AOK Baden-Württemberg gibt ein Rechenbeispiel: Auf den Wirkstoff Simvastatin wird ihr ein Rabatt in Höhe von zehn Prozent gewährt. Setzt eine Praxis im Quartal 500 Euro mit rabattiertem Simvastatin um, beträgt der Rabatt für die AOK 50 Euro. Von diesem Betrag erhält der Arzt im ersten und zweiten Quartal 65 Prozent, also 32,50 Euro als Honorar, im dritten Quartal 40 Prozent und in allen folgenden 30 Prozent.
Rabatte in dieser Größenordnung dürften jedoch nur für einen kleinen Bereich des Sortiments erreichbar sein. Aufgrund des niedrigen Preisniveaus gehe es bei den meisten Präparaten um Centbeträge, dämpft Dr. med. Jan Geldmacher den Optimismus. Darüber hinaus befürchtet das Vorstandsmitglied der KV Baden-Württemberg einen hohen Verwaltungsaufwand für die Ärzte, wenn weitere Kassen oder Kassenarten dem Beispiel der AOK folgen und sich das Spektrum der rabattierten Wirkstoffe weiter ausweitet. Allerdings stellt Geldmacher diesen neuerlichen Versuch, die Arzneimittelausgaben zu senken, nicht grundsätzlich infrage. „Es ist ein spannender Anfang“, sagt er. „Wir sollten uns allerdings nach den ersten drei Monaten noch einmal Zeit nehmen über das Konzept nachzudenken.“ In den ersten drei Wochen seit Beginn der Kooperation zwischen AOK und KV haben 500 der 19 000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in Baden-Württemberg ihre Teilnahme erklärt.
Zögerlich waren offenbar viele Arzneimittelhersteller. „Von denen, die jetzt Rabattvereinbarungen geschlossen haben, sind die meisten unbekannt und wollen einen Fuß in den deutschen Markt kriegen“, vermutet KV-Vorstand Geldmacher. Ein Sprecher des AOK-Bundesverbandes formuliert es so: „Einige Hersteller wollten die Entwicklung wohl noch beobachten. Ich denke, dass wir bei der zweiten Ausschreibungsrunde auf ein breiteres Interesse stoßen werden.“
Einsparungen in Millionenhöhe
Der Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) will das Feld jetzt testen. Am 1. März hat er sich mit einer Rabattausschreibung für neun Wirkstoffe an die Pharmafirmen gewandt. Der VdAK vertritt in diesem Fall sieben seiner Mitgliedskassen. „Von zukünftigen Rabatten können damit rund 8,7 Millionen Versicherte profitieren“, sagt eine Sprecherin. Der VdAK erhofft sich durch die Rabattverträge Einsparungen von bis zu 30 Millionen Euro. Im Gegensatz zur AOK sind allerdings keine Sondervereinbarungen mit den KVen geplant. Anreize zur Verordnung rabattierter Arzneimittel gibt es dennoch. Das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz, das am 1. April in Kraft tritt, sieht vor, dass Arztpraxen „im Falle einer bevorzugten Berücksichtigung der rabattierten Arzneimittel für diese Arzneimittel von der Bonus-Malus-Regelung und von den Richtgrößenprüfungen freigestellt“ werden.
Nachzügler bei den Rabattverhandlungen auf Bundesebene sind die Betriebskrankenkassen. Deren Bundesverband betont jedoch: „Wir sind in der Planungsphase.“
Heike Korzilius
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