ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007VertragsarztrechtsÄnderungsgesetz: Neue Freiheiten mit Einschränkungen

POLITIK

VertragsarztrechtsÄnderungsgesetz: Neue Freiheiten mit Einschränkungen

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-616 / B-544 / C-523

Maus, Josef; Gieseke, Sunna

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Seit Beginn dieses Jahres dürfen Kassenärzte unter anderem Filialen eröffnen und Kollegen in größerem Umfang anstellen. KV-Grenzen zählen nur noch bedingt. Wer die neuen Möglichkeiten nutzen will, sollte sich vorab aber gründlich beraten lassen.

Walter Plassmann (52) ist ein positiv denkender Mensch. „Das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz“, sagt das Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hamburg, „bietet den niedergelassenen Ärzten mehr Chancen als Risiken.“ Ähnlich wie Plassmann denken die meisten KV-Vorsitzenden – grundsätzlich zumindest. Denn rund zwei Monate nach dem Inkrafttreten des VÄG sind noch viele Fragen der konkreten Umsetzung offen. Wie so oft bei der Gesetzgebung im Gesundheitswesen, müssen auch diesmal die Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen sowie der Gemeinsame Bundes­aus­schuss noch zahlreiche Detailregelungen treffen. Bis dahin sind zuverlässige Aussagen über das Ob und Wie der neuen Freiheiten nur bedingt möglich.
„Es muss sich erst noch zeigen“, meint daher Dr. med. Ulrich Thamer, Vorstandsvorsitzender der KV Westfalen-Lippe, „ob das Gesetz den niedergelassenen Ärzten dabei hilft, im zunehmenden Wettbewerb besser bestehen zu können.“ Unbestritten ist jedoch, dass das neue Vertragsarztrecht den niedergelassenen und den angestellten Ärztinnen und Ärzten im Prinzip zahlreiche neue Möglichkeiten der Berufsausübung in der ambulanten Versorgung eröffnet:
- Praxisinhaber können jetzt in größerem Umfang Kollegen anstellen;
- sie können an mehreren Orten tätig werden – auch über die Grenzen ihrer Kassenärztlichen Vereinigung hinaus;
- Vertragsärzte können Filialen bilden und sich innerhalb oder außerhalb ihres KV-Bezirks in Berufsausübungsgemeinschaften zusammenschließen;
- mit einer Teilzulassung können Ärzte halbtags im Krankenhaus oder im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) arbeiten und die übrige Zeit freiberuflich in der Praxis;
- Altersgrenzen für die Zulassung und das Ausscheiden aus der Praxis entfallen dort, wo es Unterversorgung gibt.
Neue Freiheiten, die beispielsweise Dr. med. Torsten Diederich (51), seit 1991 in Schleswig-Holstein als Allgemeinarzt niedergelassen, nutzen möchte. Der Hausarzt will eine Kollegin anstellen. Sein Motiv dabei: „Ich will die Versorgung meiner Patienten sichern – auch für den Fall, dass ich mal ausfalle“, sagt er. Der Vorteil für die Kollegin, die auch Mutter ist: Sie muss kein finanzielles Risiko als Freiberuflerin eingehen, um in der ambulanten Versorgung tätig werden zu können.
Ähnliche Beweggründe, vor allem aber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, veranlassten eine junge Assistenzärztin im Krankenhaus dazu, sich gemeinsam mit einer Kollegin um je eine Teilzulassung in der Praxis eines niedergelassenen Arztes zu bemühen: „Als Mutter kann ich mir dann die Arbeitszeit besser einteilen, und perspektivisch besteht die Chance, die Praxis später vielleicht einmal ganz zu übernehmen.“
Derartige Perspektiven konnte die bisherige Vertragsarztlandschaft nicht bieten. Die Niederlassungsstatistik verdeutlicht, dass bislang – trotz aller Bemühungen um mehr Kooperation – die klassische Einzelpraxis ganz eindeutig die bevorzugte Organisationsform in der ambulanten Versorgung ist: 76 895 Einzelpraxen waren nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zum Jahresende 2005 registriert. Demgegenüber gab es lediglich 17 704 Gemeinschaftspraxen. Die meisten davon (14 189) werden von zwei Ärztinnen oder Ärzten gebildet, drei Partner gibt es in 2 297 Praxen, und nur 1 218 Praxen haben mehr als drei Partner. Alle rund 95 000 Praxen gemeinsam beschäftigten Ende 2005 lediglich 2 170 angestellte Ärztinnen und Ärzte. Die Weiterbildungsassistenten sind hier nicht mit eingerechnet.
Ein wesentlicher Grund für diese Organisationsstruktur sind die engen Fesseln des Vertragsarztrechts und der Zulassungsverordnung. So musste bisher ein niedergelassener Arzt seine Praxis in Vollzeitbeschäftigung führen. Er durfte im Wesentlichen nur an einem Ort und nur im Einzugsbereich einer KV tätig werden. Auch bei der Anstellung von Kollegen war das alte Recht restriktiv: Gestattet waren ein vollzeitbeschäftigter angestellter Arzt oder zwei halbtags angestellte Ärzte.
Strukturen wie diese sind nicht mehr konkurrenzfähig in einem Gesundheitswesen, das durch wiederholte massive Eingriffe der Politik einen gravierenden Wandel erlebt. Das bisherige Nebeneinander von stationärer und ambulanter Versorgung, die strikte Abschottung der Sektoren untereinander, soll überwunden werden. Und die Politik macht weiter Druck.
Den wohl kräftigsten Hebel setzte der Gesetzgeber mit den Medizinischen Versorgungszentren an. Diese Einrichtungen, die sowohl von Krankenhäusern als auch von Vertragsärzten gegründet werden können, erlauben unter anderem die Anstellung von Ärzten in der ambulanten Versorgung in unbegrenzter Zahl. Sie geben zudem den Krankenhäusern die Möglichkeit, ihren Versorgungsauftrag in den ambulanten Bereich hinein auszudehnen. Damit erwächst dem niedergelassenen Arzt eine machtvolle Konkurrenz, der er in seinem bisherigen starren Korsett nur ungenügend begegnen konnte.
Im dritten Quartal 2006 gab es bundesweit bereits 562 MVZ – die meisten davon (135) in Bayern, weitere Ansiedlungsschwerpunkte in Berlin, Niedersachsen und Hessen. In diesen Versorgungszentren sind rund 2 200 Ärzte tätig, darunter 1 365 als Angestellte. Die am häufigsten vertretenen Arztgruppen: Allgemeinärzte, Internisten und Chirurgen.
Noch stellen die niedergelassenen Ärzte mit 65 Prozent den größten Anteil an Trägern solcher Einrichtungen. Aber knapp ein Drittel der MVZ ist schon in der Hand der Krankenhäuser. Die Sorge, dass die freiberuflich tätigen Vertragsärzte – mit Ausnahme der Hausärzte – auf Dauer dem neuen Wettbewerb nicht standhalten können, war ein Grund für die Kassenärztliche Bundesvereinigung, sich mit der Bundes­ärzte­kammer über eine Liberalisierung und Flexibilisierung der ärztlichen Berufsausübung zu verständigen.
Im Mai 2004 beschloss der 107. Deutsche Ärztetag in Bremen schließlich eine neue (Muster-)Berufsordnung, deren wesentliche Inhalte nun durch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz aufgegriffen worden sind.
Filialen statt Zweigpraxen
Seit Beginn dieses Jahres dürfen Vertragsärzte Filialen gründen. Eine Filiale entspricht der bisherigen Zweigpraxis, kann aber im Gegensatz zu dieser auch dann errichtet werden, wenn sie nicht für die Sicherstellung der ambulanten Versorgung notwendig ist. Der Gesetzgeber stellt an die Bildung von Filialen lediglich die Anforderung, dass durch sie die Versorgung der Versicherten vor Ort verbessert und die Betreuung der Patienten am eigentlichen Vertragsarztsitz nicht beeinträchtigt wird. Der Arzt hat also die Möglichkeit, sein Tätigkeitsfeld räumlich auszuweiten und ist dabei nicht an die Grenzen seiner Kassenärztlichen Vereinigung gebunden. Filialen können auch in zwei verschiedenen KV-Bereichen errichtet werden.
Allerdings sieht die ärztliche Berufsordnung die Beschränkung auf zwei weitere Tätigkeitsorte neben dem angestammten Praxissitz vor. Der Arzt ist als Freiberufler der persönlichen Leistungserbringung verpflichtet und muss deshalb gewisse Mindestpräsenzen sicherstellen. Er kann aber Filialen, die von der KV genehmigt werden müssen, auch mithilfe von angestellten Ärzten betreiben.
Die Möglichkeit, neben Filialen sogenannte ausgelagerte Praxisräume für eine spezielle Versorgung in räumlicher Nähe zur Stammpraxis zu betreiben, besteht weiterhin. Der erste Kontakt zum Patienten muss hierbei in der Stammpraxis erfolgen.
Die Berufsausübungsgemeinschaften
Die frühere Gemeinschaftspraxis heißt jetzt Berufsausübungsgemeinschaft. Das ist mehr als eine bloße Umbenennung, denn jetzt können Ärztinnen und Ärzte nicht mehr nur an einem Praxissitz ihrem Beruf gemeinsam und partnerschaftlich nachgehen. Wie bei der Filiale spielen auch hier die KV-Grenzen keine Rolle mehr. Partner in einer Berufsausübungsgemeinschaft können alle „zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassenen Leistungserbringer“ sein. Die daraus ableitbaren Konstellationen sind vielfältig: Möglich sind Berufsausübungsgemeinschaften von Ärzten, Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten, Ärzten und Medizinischen Versorgungszentren – und selbst von mehreren MVZ.
Ärzte können sich nun auch unter Beibehaltung ihrer eigenen Praxissitze in (Teil-)Berufsausübungsgemeinschaften organisieren, die sich auf die Erbringung spezieller einzelner Leistungen beschränken. Untersagt ist jedoch eine Berufsausübungsgemeinschaft mit Angehörigen von Arztgruppen, die nur auf Überweisung tätig werden dürfen. Dazu zählen beispielsweise Laborärzte, Nuklearmediziner und Radiologen. Die Mitglieder einer überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaft können ohne Genehmigung an den Sitzen ihrer Partner tätig werden. Die Versorgung der Versicherten am Vertragsarztsitz muss allerdings „im erforderlichen Umfang“ gewährleistet bleiben.
Anstellung von Ärzten
Das Gesetz sieht bei der Anstellung von Ärzten keine Beschränkungen vor. Dennoch wird der Bundesmantelvertrag, in dem die Spitzenverbände der Krankenkassen gemeinsam mit der KBV die näheren Rahmenbedingungen der ambulanten Versorgung regeln, Grenzen setzen müssen. Hierbei spielt die Verpflichtung zur persönlichen Leistungserbringung ebenso eine Rolle wie die verantwortliche Praxisführung. Konkret: Der anstellende Arzt muss in der Lage sein, die Arbeit seiner Angestellten nach Art und Umfang zu kontrollieren.
Dennoch dürfte sich die mögliche Zahl der angestellten Ärzte in einer Praxis deutlich erhöhen. „Wir gehen von bis zu vier Angestellten pro Praxis aus“, sagt der KBV-Vorsitzende Dr. med. Andreas Köhler gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Vier Angestellte mag nach sehr viel klingen, aber die MVZ können ja auch beliebig viele Ärzte einstellen. Deshalb können wir trotz des Gebots der persönlichen Leistungserbringung nicht zu restriktiv sein.“
Köhler betont, dass es sich dabei um eine Richtgröße handelt, die Ausnahmen in Abhängigkeit von den Versorgungsnotwendigkeiten erlauben soll. Unterschieden werden soll auch nach Arztgruppen. „Bei einem Laborarzt, Radiologen oder Pathologen ist das anders zu bewerten als bei einem Hausarzt“, sagt der KBV-Vorsitzende. „Je stärker die technische Leistung im Vordergrund steht, desto eher ist es möglich, Ärzte in größerer Zahl anzustellen. Je intensiver der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt ist, desto weniger angestellte Ärzte kann ich haben.“
Grundsätzlich müssen die anzustellenden Ärzte die Voraussetzungen für die Eintragung ins Arztregister erfüllen und eine Facharztanerkennung haben. Zu beachten sind ferner die Vorgaben der Bedarfsplanung. Ist ein Planungsbereich für bestimmte Arztgruppen gesperrt, kann der Vertragsarzt lediglich Kollegen des eigenen Fachgebiets einstellen. Der Leistungsumfang der Praxis wird auf 103 Prozent beschränkt.
Für Ärztinnen bietet das VÄG deutlich bessere Möglichkeiten, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. Die Anstellung in der Praxis ist ebenso möglich wie eine Teilzulassung. Foto: laif
Für Ärztinnen bietet das VÄG deutlich bessere Möglichkeiten, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. Die Anstellung in der Praxis ist ebenso möglich wie eine Teilzulassung.
Foto: laif
Anders ist das bei Planungsbereichen ohne Zulassungsbeschränkungen. Hier können Praxisinhaber Ärzte aus demselben oder aus einem anderen Fachgebiet anstellen. Der Praxisumfang kann wachsen, die neu angestellten Kollegen zählen bei der Bedarfsplanung mit.
Möglich ist auch, dass ein bereits zugelassener Vertragsarzt in einem offenen oder gesperrten Planungsbereich auf seine Zulassung verzichtet und sich bei einem Kollegen anstellen lässt. Eine solche Konstellation kann beispielsweise dann sinnvoll sein, wenn die eigene Praxis nicht sonderlich gut läuft oder der bis dahin freiberuflich tätige Arzt lieber in ein Angestelltenverhältnis wechseln möchte.
Die Teilzulassung
Was bislang nicht möglich war, nämlich die Vereinbarkeit der Tätigkeit im Krankenhaus und in der Praxis, ist jetzt gestattet. Damit eröffnen sich interessante Perspektiven. So können Vertragsärzte ihren Versorgungsauftrag mit einem Antrag beim Zulassungsausschuss auf die Hälfte reduzieren lassen. Ob später jedoch eine solche Entscheidung zugunsten eines vollen Vertragsarztsitzes wieder rückgängig gemacht werden kann, hängt von der Bedarfsplanung ab. Ist zu diesem Zeitpunkt der Planungsbereich für die betroffene Arztgruppe gesperrt, ist eine Vollzulassung nicht mehr möglich.
Entscheidender ist jedoch, dass Teilzulassungen ebenso Ärztinnen und Ärzten offenstehen, die noch nicht als Vertragsärzte tätig sind. KBV-Chef Köhler sieht hierin ein deutliches Plus vor allem für Ärztinnen, die Familie und Beruf miteinander verbinden möchten: „Bisher war das kaum möglich – nicht im Angestelltendasein, erst recht nicht in der Praxis. Das Gesetz ebnet neue Wege, und wir sind froh darüber.“
Altersgrenzen fallen zum Teil
Am anderen Ende der Skala kommt ebenfalls Bewegung ins System. Die Politik hat offenbar erkannt, dass der zunehmende Arztmangel sich zu einem ernsthaften Problem für die Sicherstellung der ambulanten Versorgung entwickelt. Deshalb erlaubt das VÄG nunmehr in unterversorgten Gebieten die Zulassung von Ärzten, die älter als 55 Jahre sind. Die über 68-Jährigen dürfen weiterarbeiten, solange die Unterversorgung besteht.
Auch diese Regelung könnte zu außergewöhnlichen Konstellationen führen – dann beispielsweise, wenn ein älterer Arzt vor der Vollendung seines 68. Lebensjahres und vor seiner drohenden Zwangspensionierung in ein unterversorgtes Gebiet wechselt und dort weiter in der Praxis tätig ist. An seinem angestammten Praxissitz wäre ihm das verwehrt. Er könnte zudem junge Kollegen anstellen und möglicherweise so eine spätere Praxisübergabe in die Wege leiten. Ältere Ärzte scheinen diese Perspektiven durchaus zu sehen, denn die KV Mecklenburg-Vorpommern notierte bereits rund 50 Anfragen, hauptsächlich aus den alten Bundesländern.
Lokaler Versorgungsbedarf
Bisher unterschied die kassenärztliche Bedarfsplanung bei der Zulassung von neuen Vertragsarztsitzen lediglich zwischen offenen und gesperrten Planungsbereichen. War ein Gebiet beispielsweise für Internisten gesperrt, konnte sich dort kein Internist mehr niederlassen. Eine sinnvolle Verteilung der Ärzte auf den gesamten Planungsbereich war damit allerdings nicht gewährleistet, das heißt: in bestimmten Regionen eines gesperrten Planungsbereiches konnte durchaus ein Mangel an Internisten herrschen.
Das VÄG will künftig eine bessere Feinjustierung ermöglichen und führt deshalb den Begriff des lokalen Versorgungsbedarfs ein. Danach können sich Angehörige einer Arztgruppe in einem gesperrten Planungsbereich dort noch niederlassen, wo ein lokaler Versorgungsbedarf festgestellt worden ist. Auch die Bedingungen für die Anstellung von Ärzten sollen in diesen Gebieten in etwa so gehandhabt werden wie in offenen Planungsbereichen. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss ist vom Gesetzgeber beauftragt, das Nähere dazu zu regeln.
Obwohl noch nicht alle Regelungen im Detail vorliegen, ist das Interesse der Ärztinnen und Ärzte an den neuen Möglichkeiten groß. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes arbeiten die Beratungsstellen der Kassenärztlichen Vereinigungen auf Hochtouren. In Hamburg haben bereits 1 000 von rund 4 000 Ärzten an Informationsveranstaltungen der KV zum VÄG teilgenommen.
„Das Gesetz wird die Strukturen in Großstädten wie Hamburg nachhaltig verändern“, glaubt KV-Vorstand Plassmann. „Der Druck zu Filialbildungen ist besonders bei den Fachärzten groß. Finanzstarke Praxen denken zudem unternehmerischer, auch im Hinblick auf Anstellungen von Kollegen.“
In Westfalen-Lippe gab es bislang 50 Informationsveranstaltungen, an denen rund 5 000 Ärzte (etwa die Hälfte aller dort niedergelassenen Ärzte) teilgenommen haben. KV-Sprecher Andreas Daniel: „Uns liegen circa 200 konkrete Anträge vor. Allein 50 betreffen die Bildung von Filialen.“ Immerhin 20 Prozent der Ratsuchenden fragen nach den Möglichkeiten, eine Tätigkeit im Krankenhaus und der Praxis miteinander zu verbinden. „Bei sehr vielen Ärzten“, sagt KV-Vorsitzender Thamer, „überwiegt aber noch das Bedürfnis, vor den Auswirkungen des Gesetzes geschützt zu werden.“
Auch bei den bayerischen Ärzten steht offenbar das Interesse an der Filialbildung im Vordergrund. Rund 250 Anträge sind dazu bei der KV eingegangen. Ein weiterer Schwerpunkt: die überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaften. Mehrere Hundert Anfragen zählte die KV insgesamt, und die Nachfrage nach Beratung steige weiter, sagt KV-Sprecher Martin Eulitz. KV-Chef Dr. med. Axel Munte findet das positiv: „Wir alle müssen jetzt dafür sorgen, dass das VÄG nicht zum ,Gesetz der veschenkten Möglichkeiten‘ wird.“ Munte meint damit die „untergesetzlichen Normen“, die von der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen, aber auch von der ärztlichen Berufsordnung vorgegeben werden.
In diesem Zusammenhang sind schwierige Fragen zu klären, die das Gesetz nicht regelt. „Wir hatten bisher eine klare Verortung: ein Arzt mit dauerhaftem Praxissitz an einem Ort. Darauf waren alle unsere Normen abgestellt“, erläutert KBV-Chef Köhler. „Das ist jetzt aufgehoben.“
In Zukunft können Ärzte an verschiedenen Orten, in verschiedenen KV-Bereichen und in mehreren Berufsausübungsgemeinschaften tätig werden. Köhler: „Hier muss zum Beispiel geklärt werden, wer bei wem abrechnet. Deshalb führen wir ein System mit zwei Nummern ein: Neben der schon bekannten Arztnummer wird es noch eine Betriebsstättennummer geben müssen, damit wir erkennen können, welcher Arzt an welchem Ort welchen Versicherten einer Krankenkasse behandelt hat.“
Ebenso klärungsbedürftig sind Fragen nach den Arbeitsstunden, die Ärzte mit mehreren Praxissitzen oder Teilzulassungen an mehreren Orten ableisten müssen. Wie hoch sind die Zeiten einer Mindestpräsenz anzusetzen?
"Ärztinnen und Ärzte müssen bereits heute ihre wirtschaftliche Existenz sichern." Andreas Köhler, KBV-Vorstandsvorsitzender. Foto: Jürgen Gebhardt
"Ärztinnen und Ärzte müssen bereits heute ihre wirtschaftliche Existenz sichern." Andreas Köhler, KBV-Vorstandsvorsitzender. Foto: Jürgen Gebhardt
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All dies kann den anfragenden Ärzten derzeit noch nicht mitgeteilt werden, aber die Zeiten der Unsicherheiten dürften bald vorbei sein. Wie Köhler gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt erklärte, sind die notwendigen Arbeiten zur untergesetzlichen Normengestaltung bei der KBV abgeschlossen und die Verhandlungen mit den Krankenkassen angelaufen. Anfang April will die Kassenärztliche Bundesvereinigung die niedergelassenen Ärzte mit einer Broschüre, die dem Deutschen Ärzteblatt beigelegt wird, über das VÄG und die entsprechenden Detailregelungen informieren. Erst dann wird man genauer wissen, wie viele Freiheiten tatsächlich möglich und wie viele Einschränkungen (noch) notwendig sind.
„Das Gesetz war überfällig, aber ich habe die Sorge, dass es lokal ausgebremst werden könnte“, meint Stephan Schreiber (44), ein auf die Behandlung von Diabetes spezialisierter Hausarzt in Quickborn. Schreiber unterhält bereits seit zwei Jahren eine Zweigpraxis in Itzehoe, weil dort Versorgungsengpässe bestehen. Er möchte gerne in dieser Zweigpraxis einen Kollegen anstellen. Seine weiteren Pläne gehen allerdings noch über die Möglichkeiten des VÄG hinaus: Schreiber könnte sich den Aufbau von vernetzten Praxen für Diabetologen in Form von Franchise-Ketten vorstellen.
Bereits zum 1. März kann Dr. med. Reinhard Lüer (61), Gynäkologe in Niedersachsen, Filialen in Schöppenstedt und Cremlingen-Derstedt eröffnen. Er möchte dort jeweils acht Stunden in den Praxisräumen von hausärztlichen Kollegen tätig werden, da er in dem ländlichen Gebiet einen Versorgungsbedarf für gynäkologische Leistungen sieht. Er sagt: „Die Frauen kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr so gut in die Praxis. Daher mache ich den Schritt nach vorne.“ Lüer will sich zudem bereits jetzt gegenüber Medizinischen Versorgungszentren positionieren und einen engeren Austausch mit den hausärztlichen Kollegen pflegen.
Eine Filiale in Schöning plant Dr. med. Wolfgang Schwartz (47). Der HNO-Arzt hat seine Praxis in Braunschweig und sagt mit Blick auf seinen potenziellen Filialort: „Da ist absolute Wüste, was die HNO-Versorgung angeht.“ Der Anstoß zur Filialgründung kam aus Schöning selbst. Schwartz ist über die Einzelheiten des VÄG nach eigenen Worten nicht im Detail informiert. Gleichwohl ist er sich sicher: „Das bisherige System war zu starr. Das neue Gesetz sagt uns: ,Lasst uns mal etwas Neues probieren‘.“
Etwas Neues probieren, wenngleich im fortgeschrittenen Alter, das will auch Dr. med. Dietrich Hahn aus Bielefeld. Der 65-jährige Internist und Pneumologe muss in zweieinhalb Jahren seine Stammpraxis aufgeben, weil er dann die Altersgrenze erreicht. Hahn ist einer der rund 50 älteren Ärzte, die in Mecklenburg-Vorpommern wegen einer Praxisgründung angefragt haben. Sein Plan: In seiner Bielefelder Praxis will er seinen Nachfolger im Wege des Job-Sharings einarbeiten und zugleich eine Hausarztpraxis in den neuen Bundesländern gründen. Drei bis vier Tage in der Woche würde er dort gerne arbeiten – und wenn es gut läuft, auch über die Vollendung seines 68. Lebensjahres hinaus. „Ich fühle mich durchaus noch in der Lage weiterzumachen“, sagt er. Er sagt aber auch: „Trotz des Ärztemangels hatte ich bei den KVen nicht das Gefühl, dass man dort wirklich Interesse hat.“
Dass das VÄG überhaupt einen wirksamen Beitrag gegen den Ärztemangel leisten kann, wird unterdessen von vielen bezweifelt. Bei der KV Sachsen-Anhalt ist man der Meinung, dass die Unterschiede in der Honorierung nach wie vor Ärzte von einer Praxisgründung in den neuen Ländern abhielten. Eberhard Gramsch, KV-Vorsitzender in Niedersachsen, sagt: „Eines kann das Gesetz nicht: Neue Ärzte herbeizaubern, die unser Land in absehbarer Zeit dringend benötigen wird. Zeit und Arbeitskraft des einzelnen Vertragsarztes sind endlich, mag er sie auch auf noch so viele Filialen und Praxisräume verteilen. Solange der Arztberuf durch unsichere Honorierung und ständig wachsende Reglementierung weiter an Attraktivität verliert, wird der Ärztemangel nicht zu beheben sein.“
Was schließlich die neuen Freiheiten erheblich einengt, sind die fortdauernde Budgetierung der Honorare und die starre Bedarfsplanung. Die Budgets sollen – jedenfalls weitgehend – ab dem Jahr 2009 fallen. Erst dann kann allmählich morbiditätsorientiert mehr Geld ins System fließen. Die Bedarfsplanung soll dann im Jahr 2011 auf den Prüfstand kommen.
Dennoch rät KBV-Chef Andreas Köhler: „Die niedergelassenen Ärzte müssen sich heute in ihrer wirtschaftlichen Existenz absichern. Das VÄG bietet Möglichkeiten, den Wert der eigenen Praxis zu stabilisieren und das eigene Tätigkeitsfeld auszudehnen. Und wenn ab 2009 die neuen Honorierungsformen greifen, dann wird sich das auch finanziell niederschlagen können. Das VÄG ist ein Gesetz für die Zukunft.“
Josef Maus, Sunna Gieseke

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