ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007Krankenhäuser: Künftig mehr Kompetenz in Prävention

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Krankenhäuser: Künftig mehr Kompetenz in Prävention

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-628 / B-551 / C-530

Weis, Michael; Schöffski, Oliver

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Foto: dpa
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Präventionsmaßnahmen werden bei der Versorgung der Patienten einen immer größeren Stellenwert haben. Krankenhäuser sind für diese Art der gesundheitlichen Vorsorge besonders gut geeignet.

Ein beachtlicher Teil der Verbesserung des Gesundheitszustands und der Verlängerung der Lebenserwartung seit dem 19. Jahrhundert gehen weniger auf medizinisch-kurative Innovationen als auf wirtschaftliche und soziale Entwicklungen sowie Ernährungs-, Hygiene- und Bildungsfortschritte zurück. Der Beitrag der medizinisch-kurativen Versorgung zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation beläuft sich, je nach Modellansatz, methodischem Vorgehen und in Abhängigkeit vom Geschlecht, auf etwa 10 bis 40 Prozent.
Bei konsequenter Umsetzung der Präventionsempfehlungen zu Ta-bakkonsum, Ernährung, Körpergewicht und körperlicher Aktivität könnte bereits etwa die Hälfte der atherosklerotischen Erkrankungen in Deutschland vermieden werden.
Krankheits- und Krebsfrüherkennung gehören schon seit den 70er-Jahren zum Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung und haben eine große Bedeutung im Rahmen der Prävention. Die Zahl derer, die solche Untersuchungen in Anspruch nehmen, ist jedoch sehr gering: Nur knapp 50 Prozent aller anspruchsberechtigten Frauen (ab 20 Jahre) gehen regelmäßig zur Krebsfrüherkennung, bei den anspruchsberechtigten Männern (ab 45) sind es noch nicht einmal 20 Prozent. Die Möglichkeit zum Gesundheits-„Check-up“ alle zwei Jahre ab dem 35. Lebensjahr nutzen sogar nur 17 Prozent aller Frauen und Männer. Das individuelle Bewusstsein für Prävention ist aus vielfältigen Gründen – zum Beispiel Unkenntnis, Angst vor Erkrankung, Zeitmangel und fehlendem Angebot – noch nicht hinreichend ausgeprägt. Gesundheit wird gleichwohl immer mehr als ein wesentliches Element von Lebensqualität verstanden. Zudem hat sich in den letzten Jahren das Selbstverständnis der Patienten und deren Erwartungshaltung insbesondere gegenüber medizinischen Dienstleistungen stark verändert.
Gesund­heits­förder­ung, Prävention und Kuration sind wichtige Bestandteile einer umfassenden Versorgung von Patienten. Das Krankenhaus ist der ideale Ort für eine gesundheitliche Aufklärung und die Einleitung, Begleitung und Qualitätssicherung gesundheitsfördernder und krankheitsvorbeugender Maßnahmen. Eine Beratung, die zur Verhütung und Früherkennung von Krankheiten beiträgt, ist neben der Behandlung und der Rehabilitation Erkrankter eine zentrale Aufgabe des modernen Krankenhauses. 80 Prozent der Gesundheitsausgaben werden derzeit durch chronische Erkrankungen und ihre Folgen verursacht. Aufgrund der demografischen Entwicklung muss die krankenhausgestützte Tertiärprophylaxe ein Schwerpunkt zukünftiger vernetzter stationärer Einheiten werden. Durch innovative Angebote und verbesserte Marketingstrategien müssen Krankenhäuser erreichen, dass die bisher wenig ausgeprägten Bedürfnisse der Bevölkerung nach gezielter Prävention in eine konkrete Inanspruchnahme umgewandelt werden.
Das Ziel wird sein, durch optimierte Koordination und Kooperation von Gesund­heits­förder­ung, Prävention, Kuration, Rehabilitation und Pflege im Krankenhaus zu einem effektiveren und effizienteren Gesundheitssystem zu kommen. Qualifizierte „Spezialisten für Prävention und Gesund­heits­förder­ung“ müssen ausgebildet werden, um adäquate, wissenschaftlich gesicherte Konzepte entwickeln, umsetzen und evaluieren zu können. Von politischer Seite sollte die Prävention zu einer eigenständigen Säule der gesundheitlichen Versorgung ausgebaut werden. Die Ärzteschaft muss an den Entscheidungen über Präventionsziele beziehungsweise -programme zentral beteiligt sein. Neben individuenbezogenen Angeboten sollten insbesondere auch regionale, kontextbezogene Maßnahmen erarbeitet werden. Dabei ist es zwingend erforderlich, weitaus mehr als die derzeit etwa vier Prozent der Gesundheitskosten für Prävention zur Verfügung zu stellen. Um dem damit wachsenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften im präventiven Gesundheitssektor Rechnung zu tragen, sollten Universitäten zunehmend entsprechende Weiterbildungen und Studiengänge anbieten. Die Identifizierung epigenetischer Faktoren sowie Untersuchungen zur Relevanz von Präventionsmaßnahmen sollten zu einem Schwerpunkt der medizinischen Forschung ausgebaut und entsprechend gefördert werden.
Nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young (2005) werden die heutigen Krankenhäuser in den kommenden Jahren vernetzte Einheiten bilden, die einerseits aus den einzelnen Abteilungen des traditionellen Krankenhauses und andererseits aus ambulanten und weiteren gesundheitlichen Dienstleistungsbereichen entstehen. Diese Unternehmen bieten dem Patienten unter einem Dach von der ambulanten über die stationäre bis hin zur präventiven Versorgung ein komplettes Gesundheits- und Wellnesspaket an. Schon um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Krankenhäuser eine umfassende präventive und kurative Versorgung anbieten. In der Zukunft werden die Gren-zen zwischen Medizin und Lifestyle im Krankenhaussektor zunehmend verwischen.
PD Dr. med. Michael Weis
Medizinische Klinik und Poliklinik I
Universitätsklinikum Großhadern
Ludwig-Maximilians-Universität München

Prof. Dr. Oliver Schöffski
Lehrstuhl für Gesundheitsmanagement
Universität Erlangen-Nürnberg
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