ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007University of Maryland: Vom eigenen Mikroskop zum eigenen Laptop

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University of Maryland: Vom eigenen Mikroskop zum eigenen Laptop

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-636 / B-557 / C-536

Gerste, Ronald D.

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LNSLNS Das 200-jährige Jubiläum der Universität von Maryland ist für die amerikanische Medizin Anlass zum Feiern.

Am Anfang stand ein gewalttätiger Akt von Ärztefeindlichkeit. Ein tobender Mob verschaffte sich Zugang zu dem Gebäude, in dem der Chirurg Dr. John B. Davidge Anatomie unterrichtete und dabei sich auch der körperlichen Hüllen verstorbener Mitbürger als Objekte zur Anschauung und Präparation bediente. Letzterer Umstand der Tätigkeit Davidges versetzte einige seiner Mitbürger in Rage, und so riss man ihm kurzerhand das Haus seiner Lehrtätigkeit ein.
Die Regierung des amerikanischen Bundesstaates schlussfolgerte, dass medizinische Ausbildung auf Privatebene nicht nur eine für den Lehrer gefährliche Tätigkeit zu sein schien, sondern auch staatlicher Förderung bedurfte. So beschloss man, eine öffentliche Medizinische Hochschule zu gründen. Es war ein Pionierakt: Die in Baltimore ins Leben gerufene Public Medical School war die erste ihrer Art in den USA. So geschah es anno 1807, als der Hobby-Wissenschaftler und Gründervater Thomas Jefferson Präsident des Landes war.
Das 200-jährige Jubiläum der University of Maryland Medical School of Medicine, gelegen im Herzen von Baltimore, ist für die amerikanische Medizin ein würdiger Anlass zum Feiern. Das Journal of the American Medical Association (JAMA) würdigte die Hochschule gleich in der ersten Ausgabe des Jubiläumsjahres, obwohl der eigentliche Gründungsakt erst im Dezember 1807 stattfand. Eine öffentliche Medical School – das war damals Neuland. Vier Universitäten gab es in der noch jungen Nation, an denen man Medizin studieren konnte, doch diese befanden sich alle in privater Trägerschaft: Harvard, Columbia, Dartmouth und die University of Pennsylvania. Man ernannte damals den mit dem Schrecken davongekommenen Davidge zum ersten Dekan; die Fächer, die er und seine ausschließlich männlichen Kollegen unterrichteten, waren Anatomie und Chirurgie, Chemie und Physiologie, Geburtshilfe und Materia medica, wie man die Pharmakologie damals nannte. Ein Budget oder auch nur die Versprechung von finanziellen Zuwendungen legten die Politiker der neuen Alma Mater nicht mit in die Wiege.
Das hat sich drastisch geändert: Das derzeitige Budget der Hochschule liegt bei 632 Millionen Dollar, die überwiegend aus Forschungsfonds kommen. Die Studiengebühren, die die Studenten bezahlen müssen – knapp 20 000 Dollar pro Jahr für Marylander, 36 000 Dollar für Studenten aus anderen Bundesstaaten – machen weniger als drei Prozent des Budgets aus. Restlos verschwunden ist auch die maskuline Dominanz aus Davidges Zeiten. Seit 1999 sind die Frauen in jedem examinierten Abschlussjahrgang in der Überzahl; von den 160 Studenten, die jüngst ihr Studium in Baltimore begonnen haben, sind 62 Prozent angehende Ärztinnen.
Wahrzeichen der Hochschule ist das 1812 fertiggestellte einstige zentrale Lehrgebäude, das nach dem Gründerdekan Davidge Hall benannt wurde. Es beherbergt zwei schöne klassische, an Amphitheater erinnernde Hörsäle, der untere der Chemie, der obere der Anatomie und damit der öffentlichen Sektion gewidmet. Letztere fanden übrigens nur in den Monaten November bis Mai statt – die hochsommerlichen Temperaturen in Baltimore sprachen damals nachdrücklich gegen jede akademische Arbeit an der Leiche. In jenem Jahr 1812 wurde aus dem College of Medicine of Maryland die University of Maryland – die erste amerikanische Universität, die aus einer medizinischen Einrichtung hervorging – eine Genese, die auch einige deutsche Universitäten, wie zum Beispiel Düsseldorf, aufweisen.
Von 1807 bis heute hat die Hochschule 17 000 Ärzte ausgebildet. Das Curriculum ist gerade in den letzten Jahren umgehend modernisiert worden. Die aus den Gründertagen stammende Bestimmung, dass jeder Student sein eigenes Mikroskop haben müsse, wurde den Zeitläufen angeglichen: Heute muss jeder Student, jede Studentin einen eigenen Laptop besitzen. Informatik, nicht Anatomie, ist denn auch der erste Pflichtkurs der Studienanfänger.
Seit 2000 wird unter der Leitung des Psychiatrieprofessors John Talbott ein in kleinen Gruppen abgehaltener Kurs in „Medical Professionalism“ angeboten, in dem die angehenden Mediziner auf die Tücken der Berufsausübung im 21. Jahrhundert vorbereitet werden. Gegenstand des Kurses ist unter anderem der Umgang mit ethischen Problemen: wie man Angehörigen schlechte Nachrichten überbringt, wie mit dem Vorwurf sexueller Belästigung umgegangen werden sollte und auch, was der Arzt wissen muss, um seine eigene Familie unter den Belastungen seines Wirkens nicht zu vernachlässigen. An diese Problematik mag einst auch John Davidge gedacht haben, als ihm der Mob das Haus ruinierte.
Dr. med. Ronald D. Gerste

Weitere Informationen: Lamberg, Lynn: University of Maryland School of Medicine. 200 Years for Nation's First Public Medical School. JAMA 2007; 297: 25–7. Alles über die Hochschule und das Jubiläum: www.sombicentennial.umaryland.edu
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