ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007Klinikarzt der Zukunft: Keine Aufgabe für Diplom-Kaufleute
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„Die Arztorientierung im Krankenhaus müsse einer Patientenorientierung weichen“, meint Wolfgang Pföhler, der Vorstandschef der Rhön-Klinikum AG . . . Für die meisten Klinikärzte ist der Patient immer der bestimmende Faktor der Behandlungsprozesse, d. h., seine Erkrankungen und die damit verbundenen Bedürfnisse bestimmen tagtäglich ärztliches Handeln. Diagnosen bestimmen Therapien, und die 24-stündige Betreuung an sieben Tagen pro Woche kennzeichnet den Klinikalltag . . . Herr Pföhler schlägt im Sinne ärztlicher Arbeitsteilung vier Arzttypen vor. Der „personenbezogene Berater . . . trifft Entscheidungen über Diagnostik und Therapie, die er auch gegen andere Ärzte durchsetzen kann“. Kein Arzt kann einem anderen Arzt eine Diagnostik und/oder Therapie vorschreiben bzw. diese ihm gegenüber „durchsetzen“. Kein Internist kann einen operativen Eingriff bei einem Chirurgen „durchsetzen“. Wer schneidet, entscheidet folgerichtig auch, ob dies indiziert ist und er dies verantworten kann. Gleiches gilt für einen Kardiologen, der letztendlich entscheiden muss, ob eine von Kollegen erwünschte Herzkatheteruntersuchung indiziert und verantwortbar ist. Diese Vorgehensweise ist die weltweit alltägliche und erfahrungsgemäß auch im Sinne des Patienten bewährte Praxis. Die Ausnahme bildet der fachvorgesetzte Arzt, der Diagnostik und Therapie bei ihm fachlich untergeordneten Ärzten sachlich begründet und, weil letztlich verantwortlich, „durchsetzen“ kann. „Ein Spezialist für hoch differenzierte Einzelfunktionen ist für die eigentliche Behandlung des Patienten zuständig.“ Jeder „Spezialist“ (in Deutschland) hat zunächst einmal ein Medizinstudium in seiner ganzen Breite absolviert, ehe er eine Weiterbildung in einem Gebiet durchläuft und danach gegebenenfalls einen Schwerpunkt und fakultativ noch eine Zusatzbezeichnung, Fachkunde und/oder Zusatz-Weiterbildung erwirbt. Wie ich während einer mehrjährigen Weiterbildung in den USA erfahren konnte, wird diese vergleichsweise sehr breit angelegte Ausbildung (Studium) und die anschließende Weiterbildung gerade in den USA sehr geschätzt . . . Ärzte sind eben keine ausschließlichen „Spezialisten“. Jeder Schwerpunkt basiert immer auf einem Gebiet. Differenzierte Einzelfunktionen machen nur einen mehr oder minder großen Teil der Arbeit eines Klinik-(Fach-) Arztes aus. Wer mit dem Klinikalltag vertraut ist, versteht recht bald, dass der menschliche Organismus keine einfache Ansammlung isoliert voneinander funktionierender und gegebenenfalls reparaturbedürftiger Organsysteme ist. Ein Patient ist vielmehr ein äußerst komplexes, durch miteinander verwobene (patho)physiologische und (patho)psychische Prozesse bestimmtes „Gesamtprodukt“, dem ein „arbeitsgeteilter“ Arzt im Sinne von Wolfgang Pföhler nicht mehr gerecht werden könnte . . . Wie kann der ehemalige Geschäftsführer eines Universitätsklinikums, ehemalige Präsident der DKG und jetzige Vorstandschef eines privaten Klinikbetreibers die Behauptung von einer „bisherigen Arztorientierung im Krankenhaus“ aufstellen, die auf jeden, der mit dem Klinikalltag vertraut ist, äußerst befremdlich wirken muss. Klinikärzte jedenfalls sollten Wolfgang Pföhlers Behauptung nicht unwidersprochen hinnehmen . . . Die Aufgabe, ein („neues“) „ärztliches Berufsbild“ zu implementieren, sollte nicht Diplom-Kaufleuten überlassen werden, sondern ausschließlich ärztlichen Gremien, wie z. B. Ärztekammern, Fachgesellschaften u. ä., vorbehalten bleiben. Sei es auch nur, weil sie hoffentlich Patienten nicht als „Kunden“, Gesundheit nicht als „Ware“, das Ergebnis ärztlicher wie auch pflegerischer Leistung nicht als „Gesamtprodukt“ sehen und die Gesundheit der Patienten und nicht etwa deren Wirtschaftlichkeit als oberstes Gebot ihres Handelns sehen . . .
Hans-Paul Brauer, Kinkelsmaarweg 21,
51143 Köln
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