ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007Frauen und Kinder als Opfer häuslicher Gewalt: Niedrigschwellige Angebote auch für Männer

MEDIZIN: Diskussion

Frauen und Kinder als Opfer häuslicher Gewalt: Niedrigschwellige Angebote auch für Männer

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-658 / B-580 / C-556

Mors, Ulrich

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LNSLNS Es mag derzeit dem Mainstream entsprechen, Frauen (schon in der Überschrift) grundsätzlich als Opfer zu definieren. Wenn der Autor des Artikels als Beleg für die 90 % Opferrolle der Frauen eine Arbeit zitiert, die sich explizit mit Gewalt gegen Frauen beschäftigt, lässt er jedoch wissenschaftliche Objektivität vermissen.
Mindestens ein Dutzend Untersuchungen belegen übereinstimmend ein fast ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern, zum Beispiel 103 185 durch Männer verübte häusliche Gewalttaten und 116 122 häusliche Gewalttaten, die von Frauen begangen wurden (1, 2).
Wie der Autor zu Recht erwähnt, sind die meisten Gewalttäter selbst Opfer von Misshandlungen in der Kinder- und Jugendzeit gewesen. Während es ein dichtes Netz frauenspezifischer Hilfsangebote gibt (Frauenhäuser, Kompass), sind Jungen von einer Hilfe weitgehend ausgeschlossen, zumal sie sich ungleich schwerer tun, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Selbst Patienten, die von ihren Ehefrauen mit Messern angegriffen worden sind oder mit kochendem Wasser übergossen wurden, scheuen den Gang zur Polizei aus der realistischen Angst heraus, dort ausgelacht zu werden. Hier muss dringend ein niederschwelliges Angebot für Jungen und Männer überhaupt erst aufgebaut werden, gerade auch zur künftigen Gewaltprävention.
Eine einseitige Abstempelung als 100 % Opfer und 100 % Täter mag bequem sein. Sie widerspricht aber sämtlichen Konflikttheorien und wird der Konfliktdynamik gerade im vielschichtigen häuslichen Umfeld selten gerecht.
Nur eine Betrachtung des Gesamtsystems, das auch psychische Gewalt mit einschließt, bietet eine Chance auf Deeskalation und Befriedung.

Dr. med. Ulrich Mors
Bahnhofstraße 11
73235 Weilheim/Taunus

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Archer J: Sex differences in physically aggressive acts. Aggression und Behaviour 2002; 7: 313–51.
2.
Bock: Sicherheit und Kriminalität LZ für politische Bildung BW 2003; Heft 1.
1. Archer J: Sex differences in physically aggressive acts. Aggression und Behaviour 2002; 7: 313–51.
2. Bock: Sicherheit und Kriminalität LZ für politische Bildung BW 2003; Heft 1.

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