ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007Frauen und Kinder als Opfer häuslicher Gewalt: Kinder sind in erster Linie Opfer

MEDIZIN: Diskussion

Frauen und Kinder als Opfer häuslicher Gewalt: Kinder sind in erster Linie Opfer

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-659 / B-581 / C-557

Mueller, Ulrich

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LNSLNS Gut, dass Hilfe für Gewaltopfer als ärztliche Aufgabe gilt. Leider erwähnen die Autoren des Artikels die am schwersten betroffenen Opfer nur als Anhängsel der Mütter. Während nach dem Frauengesundheitsbericht der Bundesregierung 4 % (Ost) beziehungsweise 6 % (West) der Frauen im Lebensverlauf schwere häusliche Gewalt erleiden, ermittelte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, dass jährlich eines von 6 Kindern unter 12 Jahren Misshandlungen oder schwere Züchtigungen durch Eltern erlebt (1).
Immer noch wird gegen diese Missstände zuwenig getan. Kinderschutz und Jugendhilfe wollen „Hilfe statt Strafe“, was die Kette der Gewalt oft nicht bricht. Frauenpolitikerinnen meiden das Thema, weil Kriminalstatistik und Forschung belegen, dass vor allem Mütter die häusliche Züchtigungspraxis bestimmen, die ebenso häufig oder noch häufiger als Väter zuschlagen, wobei die Mehrheit der Väter auf Initiative oder in Abstimmung mit den Müttern schlägt. Dies geht auch aus der von der Bundesregierung finanzierten Begleitforschung zum neu geschaffenen Kinderrecht auf gewaltfreie Erziehung nach § 1631 Bundesgesetzbuch (2) hervor. Knaben sind häufiger Opfer von leichten bis zu tödlichen Züchtigungsformen als Mädchen.
Und die Ärzte? Jüngst befürchtete der Kinderärzteverband, die Einführung von Pflichtvorsorgeuntersuchungen könnte bei misshandelten Kindern die Ärzte in juristische Zwickmühlen zwischen Schweigegebot und Kindeswohl bringen. Das Thema sollte am besten Hebammen und Sozialpädagogen überlassen werden. Nur 3 500 Misshandlungsfälle jährlich werden angezeigt, viel mehr sehen auch die Jugendämter nicht. Selbst in Berlin als einzigem Bundesland mit einem Kriminalkommissariat für Misshandlungen an Schutzbefohlenen erfahren die Behörden nur von 10 % der Fälle. Die meisten kindlichen Opfer häuslicher Gewalt bleiben ohne Schutz und Hilfe.


Prof. Dr. phil. Dr. med. Ulrich Mueller
Institut für Medizinische Soziologie und Sozialmedizin
Philipps-Universität Marburg
Busenstraße 2
35033 Marburg
1.
Pfeiffer C, Wetzels P, Enzmann D: Innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und ihre Auswirkungen. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Forschungsbericht Nr. 80, Seite 10 http://www.kfn.de/fb80.pdf
2.
Evaluation des Gesetzes zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung. Forschungsreports 2001-2005 an der Universität Halle: http://bussmann.jura.uni-halle.de/forschung/familiengewalt/index.de.php
3.
Zahlen zu Kindesmisshandlung in Berlin: www.welt.de/data/2006/02/16/846723.html.
1. Pfeiffer C, Wetzels P, Enzmann D: Innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und ihre Auswirkungen. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Forschungsbericht Nr. 80, Seite 10 http://www.kfn.de/fb80.pdf
2. Evaluation des Gesetzes zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung. Forschungsreports 2001-2005 an der Universität Halle: http://bussmann.jura.uni-halle.de/forschung/familiengewalt/index.de.php
3. Zahlen zu Kindesmisshandlung in Berlin: www.welt.de/data/2006/02/16/846723.html.

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