ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007Biografieforschung: Ein lebendiges Archiv

KULTUR

Biografieforschung: Ein lebendiges Archiv

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-665 / B-587 / C-563

Bettge, Ulla

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LNSLNS Circa 4 500 persönliche Lebensaufzeichnungen, Briefwechsel und Memoiren werden im Deutschen Tagebucharchiv gesammelt.

Wenn Frauke von Troschke sich die weißen Handschuhe überstreift, geht es um Dokumente, Originaldokumente des vor acht Jahren von ihr gegründeten Deutschen Tagebucharchivs (DTA), die es vor Fett- und Säureangriffen zu schützen gilt. Dokumente, die sich zum Beispiel so lesen: „Heute ist mir etwas Schreckliches eingefallen. Am 3. Nov. ist die Backfischzeit aus. Denn ich werde doch am 12. Okt. 17 Jahre, und es heißt doch: 17 Jahr, der Wochen 3, ist die Backfischzeit vorbei.“
150 bis 200 Einsendungen
Die bestürzende Erkenntnis überkam Eva-Barbara H. an einem Juli-Freitag im Jahr 1959, von dem der denkwürdige Tagebucheintrag stammt. Das Teenager-Dokument ist eines von circa 4 500 in der Sammlung des einzigen Deutschen Tagebucharchivs in der südbadischen Kreisstadt Emmendingen.
Private Tagebücher, Erinnerungen und Briefwechsel werden dort abgegeben, dokumentiert, kopiert, gelesen und systematisch erfasst. Rund 150 bis 200 Einsendungen von lebenden und verstorbenen Alltags-Beschreibern kommen pro Jahr dazu. Vom Unikat bis zu gesammelten Werken ist alles dabei, aber die 14 Umzugskartons mit Tagebüchern eines alten Herrn aus 60 Lebensjahren sind bisher Rekord. Für Frauke von Troschke war und ist es wichtig, dass persönliche Aufzeichnungen und autobiografische Lebensbeichten als Zeugnisse der Alltags- und Zeitgeschichte nicht im Keller oder auf dem Müll in Vergessenheit geraten.
Weitere Informationen: Deutsches Tagebucharchiv, Marktplatz 1, 79312 Emmendingen, Telefon: 0 76 41/ 57 46 59, Internet: www.tage bucharchiv.de. Fotos: Deutsches Tagebucharchiv
Weitere Informationen: Deutsches Tagebucharchiv, Marktplatz 1, 79312 Emmendingen, Telefon: 0 76 41/ 57 46 59, Internet: www.tage bucharchiv.de. Fotos: Deutsches Tagebucharchiv
Die Idee, Lebensprotokolle von Privatpersonen zu sammeln und aufzubewahren, um sie für Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich zu machen, kam der engagierten Kommunalpolitikerin bei einer Toskana-Reise. In dem kleinen Ort Pieve di San Stefano lernte sie den italienischen Journalisten Saverio Tutino und sein Archivio Diaristico Nazionale kennen und wurde sich der einschlägigen deutschen Marktlücke bewusst.
Auch vor Ort, in der südbadischen Kleinstadt, traf von Troschke mit ihrer Idee auf offene Ohren. Oberbürgermeister Stefan Schlatterer stellte spontan und unentgeltlich Räumlichkeiten im alten Rathaus zur Verfügung und übernahm die Schirmherrschaft über den gemeinnützigen Verein, der inzwischen 400 zahlende Mitglieder und einen inner circle von 80 ehrenamtlichen Mitarbeitern für den Archivalltag hat. Schwerpunkt und Sisyphus-Syndrom beim Tagebucherfassen ist das Lesen. 65 Freiwillige – darunter viele Bibliothekare und Lehrer im Ruhestand – aus der Umgebung, aber auch in ganz Deutschland und auch in Paris, lesen regelmäßig die Dokumente gelebten Lebens, mit allem, was darin so vorkommt: Liebe, Frust, Ängste, Krankheit, Tod…
Büroleiter Gerhard Seitz: „Ein Großteil der Briefe, Tagebücher und Erinnerungen beschäftigt sich mit der Zeit der beiden Weltkriege, insbesondere des Zweiten.“ Wie das Pflichttagebuch eines Soldaten über seine Ausbildung zum Marineoffizier von 1943 bis 1945, die selbstgebastelte Agenda aus einem Stück Uniform und Zigarettenpapier oder auch Feld-post an die Mutter auf hauchdünner Toilettenhygiene.
Eines der spektakulärsten Exponate hinter Glas ist die fast 80 Meter lange Papierrolle mit gezeichnetem Alltagsgrauen aus dem Ersten Weltkrieg. Die Originale – das älteste 200 Jahre alt – werden nach Registrierung und Kopie auf säurearmem Spezialpapier schonend in Metallspinden gelagert und nur ausnahmsweise ausgepackt. Die Lesegruppen und Besucher arbeiten in der Regel mit Kopien. Von Troschke: „Die Leseleistung im DTA ist einmalig und wird umsonst eingebracht – das könnte man auch gar nicht bezahlen.“
Von Oxford und Cambridge
Besucher und Anfragen kommen von weither, viele, die Kriege betreffend, von den englischen Elite-Universitäten Oxford und Cambridge. Der Wissenschaftliche Beirat von Professoren der Universität Freiburg gibt Auskunft zu sämtlichen Fragen der Auswertung archivierter Dokumente auf dem Gebiet der Biografieforschung.
Für Krankheiten im Tagebuch interessieren sich Ärzte, für die 50er-Jahre eine ARD-Dokumentation, für Männergesundheit eine Doktorandin, für Weihnachten 1944 die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, um nur einige zu nennen. Wie die Hausherrin es sagt: „Wir sind kein Museum, sondern ein lebendiges Archiv, in dem viel gearbeitet wird, und wo jeder das Recht hat, gehört – oder gelesen – zu werden.“ Ulla Bettge
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