ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007Börsebius: Die Börse ist keine Einbahnstraße

GELDANLAGE

Börsebius: Die Börse ist keine Einbahnstraße

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-670 / B-590 / C-566

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Da waren sie wieder, die Lemminge. Ende Februar – die Börsenwelt schien nach wie vor rosa eingestäubt – kam unversehens die Meldung über die Ticker, in China sei die Börse um acht Prozent gefallen. Plötzlich machte sich Panik breit, global versteht sich, erst in Japan, dann in Europa, abends in den USA. Der DAX fiel in nur wenigen Stunden um gut 300 Punkte. Bloß raus aus dem Markt – koste es, was es wolle.
Als Tags darauf der Dow-Jones nochmals in die Knie ging, erwarteten die Marktteilnehmer einen weiteren DAX-Abstieg um 200 Punkte, zum Ende der Börsensitzung betrugen die Verluste am letzten Mittwoch des Februar nur rund 1,5 Prozent, per Saldo aber erlitten viele Anleger in nur ein paar Tagen zum Teil zweistellige Verluste.
An solchen Tagen zeigt sich übrigens die Sinnlosigkeit einer Stop-Loss-Order. Vorweg: Persönlich halte ich eh nichts von solchen Verkaufsmarken. Mathematisch gesehen ist das Setzen eines Stop-Loss ziemlich unsinnig, denn die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Stop-Loss von 11,80 Euro die Aktie genau wieder nach oben dreht, ist exakt so groß wie die Möglichkeit, dass der Wert bei 10,80 oder 12,80 dreht.
Wenn aber bei einem sehr schwachen Börsenauftakt jemand eine Stop-Loss-Order im Markt hat, ist die Gefahr, dass er dann richtig „abrasiert“ wird, riesengroß. Im Vertrauen hat mir ein Banker erzählt, dass am Tag des großen Sturzes Stop-Orders in Massen und weit unter den Marken ausgeführt wurden. Ein Wert mit einem Stop-Kurs von 38 Euro (Vortageskurs 40 Euro) eröffnete beispielsweise mit 32 Euro und wurde auch prompt so verkauft. Hätte der Anleger die Nerven bewahrt und keinen Stop-Kurs gesetzt, wäre er am Ende der Börsensitzung mit einem Kurs von 37 Euro glimpflich davongekommen. Wenn ich von einem Wert wirklich überzeugt bin, brauche ich auch kein Stop-Loss.
Warum zwischen der Entwicklung eines chinesischen Index und dem Marktwert deutscher Aktien, die binnen Stunden etliche Milliarden weniger wert waren, ein ursächlicher Zusammenhang bestehen sollte, mag sich dem kundigen Betrachter von vorneherein nicht ohne Weiteres erschließen. Es gibt ihn auch nicht. Aber danach fragt keiner, wenn Hysterie die Herrschaft über die Vernunft erklommen hat.
Wer aber von vorneherein die Risikofaktoren (Iran, Ölpreis, nicht mehr so stark steigende Unternehmensgewinne, Zinsen) in seine Betrachtung einschließt, wird auch künftig solche Kursrückschläge mit einkalkulieren und direkt ein defensiveres Portfolio mit einem gewichtigen Kassenanteil fahren. Die Börse ist eben keine Einbahnstraße. Sie ist es nie gewesen.
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