ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007Bekanntmachungen: Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes – Prävention und Therapie von Fußkomplikationen (Klinisch relevante Auszüge aus der Leitlinie)

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Kassenärztliche Bundesvereinigung - Bundes­ärzte­kammer

Bekanntmachungen: Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes – Prävention und Therapie von Fußkomplikationen (Klinisch relevante Auszüge aus der Leitlinie)

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-671 / B-591 / C-567

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LNSLNS
Herausgeber:
Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV)

sowie
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ)
Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
Deutsche Gesellschaft für Angiologie – Gesellschaft für Gefäßmedizin (DGA)
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCh)
Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie (DGG)
Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM)
Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven & Ästhetischen Chirurgen (DGPRAEC)
Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung (DGfW)
Deutsche Röntgengesellschaft (DRG)
Fachkommission Diabetes Sachsen


Vorwort

Die Prävalenz des Fußulkus beträgt in der diabetischen Bevölkerung in verschiedenen Ländern zwischen zwei und zehn Prozent. Eine entsprechende jährliche Inzidenz von zwei bis sechs Prozent wurde berichtet. In Deutschland werden ca. 70 Prozent aller Amputationen bei Diabetikern durchgeführt. Nach Zahlen der AOK aus dem Jahr 2001 sind dies mehr als 29 000 Major- und Minoramputationen bei Diabetikern im Jahr. Im Vergleich zu einigen europäischen Ländern sind diese Zahlen hoch, und es kam in Deutschland auch nicht zu einer Verringerung der Amputationen in den vergangenen Jahren. Neuere Publikationen lassen noch höhere Amputationszahlen vermuten.
Die hohe Prävalenz und Inzidenz von Fußkomplikationen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes sowie eine große Variationsbreite in der Versorgungsqualität verlangen verstärkte Bemühungen um die Optimierung der Versorgung von Diabetikern mit möglichen bzw. existierenden Fußkomplikationen. Hierzu gehören verlässliche Definitionen des Notwendigen und Angemessenen in Prävention, Diagnostik und Therapie. Zu diesem Zweck haben sich die mit der Problematik befassten Fachgesellschaften im Rahmen des Programms für Nationale Versorgungsleitlinien von BÄK, AWMF und KBV unter Berücksichtigung der Strategien und Methoden der evidenzbasierten Medizin auf einheitliche, wissenschaftlich begründete und praktikable Empfehlungen geeinigt.
In der vorliegenden Bekanntmachung sind die wichtigsten, für die Arbeit in Klinik und Praxis relevanten Empfehlungen und Ausführungen der Nationalen VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes – Prävention und Therapie von Fußkomplikationen zusammengestellt. Die vollständige Fassung sowie Hintergrundinformationen zu Quellen und Methodik der Erstellung der vorliegenden Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) sind über die Internetseite http://www.versorgungsleitlinien.de zugänglich.

Berlin, Düsseldorf im Januar 2007

Prof. Dr. Dr. h. c. J.-D. Hoppe, Dr. A. Köhler, Prof. Dr. Dr. G. Ollenschläger – Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin (äzq)*, Gemeinsames Institut von Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung

Prof. Dr. A. Encke, PD Dr. I. Kopp, Prof. Dr. H.-K. Selbmann – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Ziele und Inhalte der NVL Typ-2-Diabetes – Fußkomplikationen
Die NVL zielt nach Vorstellung der Autoren und Herausgeber insbesondere ab auf:
- Steigerung der Rate von regelmäßigen Untersuchungen der Füße und Extremitäten sowie die damit verbundene Erfassung von Risikofaktoren, die zu Fußkomplikationen führen können;
- Ausschöpfung präventiver und therapeutischer Möglichkeiten, die den Heilungsverlauf von Fußläsionen optimieren können;
- Ausschöpfung diagnostischer Möglichkeiten in ggf. auch bereichsübergreifenden Behandlungsteams, um alle Behandlungsmöglichkeiten insbesondere vor Minor- oder Majoramputationen sorgfältig abgewogen zu haben;
- Optimierung des Informationsflusses zwischen den Versorgungsbereichen und an den Schnittstellen der Versorgung durch optimierte Befundübermittlungen;
- Erhöhung des Risikobewusstseins von Diabetikern für Fußkomplikationen.
Dabei nimmt die NVL unter anderem zu folgenden Fragen Stellung:
- Wie kann der Patient für eine möglichst frühe Entdeckung vorhandener Risikofaktoren sorgen?
- In welchen Abständen sollte der Patient hausärztlich untersucht werden?
- Welche effektiven Untersuchungsmethoden gibt es, um zuverlässig, schnell und kostengünstig zu Risikoeinschätzungen zu kommen?
- Welche Risikofaktoren kann der Patient selber beeinflussen, auf die Beseitigung welcher Risikofaktoren sollten die betreuenden Ärzte hinweisen?
- Welche Möglichkeiten der Diagnoseoptimierung gibt es?
- Welche Behandlungsoptionen stehen zur Verfügung?
- Wie lässt sich das Management zwischen den Versorgungsebenen und -bereichen optimieren?
Hintergrund und Definition
Unter dem Begriff des diabetischen Fußsyndroms werden verschiedene Krankheitsbilder zusammengefasst, die durch unterschiedliche Ätiologie und Pathomechanismen gekennzeichnet sind. Allen gemeinsam ist, dass Läsionen am Fuß des Patienten mit Diabetes mellitus zu Komplikationen führen können, die bei verzögerter oder ineffektiver Behandlung die Amputation der gesamten Extremität zur Folge haben können.
Die Fußkomplikationen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes werden insbesondere durch die Schädigungen der Gefäße (Makroangiopathie) und der Nerven (Neuropathie) verursacht. Sowohl die schlechtere Wahrnehmung von krankhaften Veränderungen an den Füßen als auch die höhere Wahrscheinlichkeit der Entstehung aufgrund von Durchblutungsstörungen führen in einen Circulus vitiosus, an dessen Ende Amputationen an den Extremitäten stehen können, die massive Einschränkungen für den Patienten mit deutlich herabgesetzter Lebensqualität bedeuten.
Das erhöhte Risiko für solche abwendbar ungünstigen Verläufe, wie manifeste Fußläsionen und Extremitätenamputationen, verlangt neben dem zielgerichteten Einsatz der vorhandenen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten bei manifesten Fußläsionen auch eine optimale Organisation von Präventionsstrategien. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Koordination zwischen den verschiedenen Versorgungsebenen.
Therapieziele
Spezifische Ziele im Zusammenhang mit Fußproblemen bei Diabetikern sind:
- die Identifikation von Personen mit erhöhtem Risiko für Fußkomplikationen;
- die Vermeidung diabetesassoziierter Fußläsionen (z. B. Ulkusvermeidung);
- im Läsions- oder Verletzungsfall die Vermeidung weiterer Zeitverluste bis zur Einleitung einer Behandlung mit dem Ziel des Erhalts einer gebrauchsfähigen Extremität (Amputationsvermeidung bzw. Einhaltung eines möglichst distalen Amputationsniveaus).
Risikofaktoren
Hauptrisikofaktoren für diabetesassoziierte Ulzerationen und schließlich Extremitätenamputationen sind Diabetes (Dauer, Verlauf, schlechte Stoffwechseleinstellung), Neuropathie (sensorisch, motorisch, autonom), arterielle Verschlusskrankheit und deren Folgeerkrankungen (z. B. Niereninsuffizienz, Schlaganfall) und Alter des Patienten.
Weitere Risikofaktoren für das Entstehen von Fußläsionen sind (in alphabetischer Reihenfolge, Aufzählung beispielhaft): Adipositas Grad 2 (BMI > 35); Arthropathie (Hüfte/Knie/OSG) oder Gelenkimplantat mit Funktionsbeeinträchtigung/Kontraktur; Barfußlaufen; eingeschränkte Gelenkmobilität (limited joint mobility, LJM), z. B. Fußdeformitäten; (erhebliche) Visuseinschränkung; Hornhautschwielen; Immunsuppression einschließlich Glukokortikoide; mangelnde/falsche Fußpflege; motorische Funktionseinschränkung/Parese eines oder beider Beine; psychosoziale Faktoren; Suchtkrankheiten (z. B. Rauchen, Alkoholismus); ungeeignetes Schuhwerk; vorangegangene Amputationen.
Allgemeine Behandlungsstrategie und Prävention
von Fußläsionen
Folgende Maßnahmen dienen der Vorbeugung möglicher diabetischer Fußkomplikationen: die tägliche Reinigung mit lauwarmem Wasser; das Einreiben mit Feuchtigkeitscreme; die sachgerechte stumpfe Nagelpflege sowie die Beseitigung von Schwielen und die Versorgung mit geeignetem Schuhwerk.
- Bei Diabetikern sind regelmäßige Untersuchungen – mindestens einmal jährlich – der Füße, Strümpfe* und Schuhe* durchzuführen.
- Durch die Diabetiker selber sind regelmäßige Selbstuntersuchungen der Füße und Schuhe durchzuführen.
- Die Einhaltung der regelmäßigen Kontrolluntersuchungen kann durch explizite Kontaktaufnahme mit dem Patienten (Recall-System) sichergestellt werden.
- Anhand der erhobenen Befunde sollen die Patienten gemäß dem unten angeführten Schema (s. Tabelle 1) Risikoklassen zugeordnet werden.
- Die Intervalle der Kontrolluntersuchungen, ggf. erforderliche weiterführende Diagnostik und spezielle Präventionsmaßnahmen richten sich nach dem individuellen Risiko.
- Es sollte eine Schulung von Patienten, Familienengehörigen und der an der Behandlung Beteiligten in Bezug auf die durchzuführenden Maßnahmen und angepasst an das individuelle Risiko und das definierte Behandlungsziel erfolgen.
- Zur Prävention von Fußläsionen sollte bei Diabetikern mit erhöhtem Risiko für Fußkomplikationen eine regelmäßige podologische Untersuchung und ggf. Behandlung erwogen werden.
- Geeignetes Schuhwerk (Hausschuhe und Straßenschuhe) sollte, dem individuellen Risikostatus des Patienten entsprechend, gemäß Tabelle 2 verordnet werden.
- Bei mit stadiengerechtem protektivem Schuhwerk versorgten Patienten ist eine regelmäßige Kontrolle der Schuhe und Füße unerlässlich.
Anamnese und allgemeine Diagnostik
Bei jedem Patientenkontakt zur Diabeteskontrolle bzw. mindestens einmal jährlich soll eine fußspezifische Anamnese erhoben werden.
Die bei der Anamnese zu erfassenden Parameter ermöglichen eine Risikoeinschätzung und sollen mindestens folgende Aspekte umfassen: Häufigkeit der Selbstkontrolle und Pflege der Füße durch den Patienten; Operationen (insbesondere mit Bezug zu Angiopathien); neue oder veränderte Fußläsionen (floride oder abgeheilt); Neuropathiesymptome, Symptome einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit; Fußfehlstellungen; Gelenkbeschwerden.
Die klinische Untersuchung der Beine und Füße soll beidseits und seitenvergleichend erfolgen.
Hauptaufgabe der Untersuchung ist die Erfassung des peripheren Pulsstatus und die Untersuchung der Berührungssensibilität mittels 10 g Monofilament oder alternativ des Vibrationsempfindens mit dem Stimmgabeltest. Temperaturunterschiede der Extremitäten, Hautturgor und Schweißbildung sollten ebenfalls erfasst werden.
Die Symptome der Neuropathie lassen sich mithilfe des Neuropathie-Symptomen-Score (NSS) erfassen und dokumentieren.
Bei der Inspektion sollte der Hautstatus (Integrität, trophische Störungen, Farbe) erfasst werden. Orientierend sollten bei der Untersuchung die Muskelfunktion und die Gelenkfunktion erfasst werden. Nach Hyperkeratosen, Nagelerkrankungen und Fußdeformitäten sollte gesucht werden. Die Befunderhebung sollte dokumentiert werden.
Die Klassifikation nach Wagner ermöglicht eine Einteilung der Untersuchungsbefunde in die Grade 0 bis 5 und eine an den Graden orientierte Therapie (siehe Tabelle 3).
- Akute Veränderungen an Haut, Weichteilen oder Gelenken mit oder ohne Trauma sind hinweisend für eine schwere Komplikation. Daher soll in solchen Fällen eine Infektion oder eine diabetische Neuroosteoarthropathie (DNOAP) ausgeschlossen werden.
- Hinweisend auf eine Infektion ist das Vorliegen einer Hautläsion (Eintrittspforte), nach der gesucht werden muss.
- Bei Verdacht auf eine diabetische Neuroosteoarthropathie soll umgehend eine Immobilisierung und weiterführende Diagnostik veranlasst werden.
- Verdachtsmomente für eine DNOAP sind:
  – (schmerzlose) Rötung;
  – Schwellung;
  – Überwärmung;
  – evtl. Deformität.
- Die Befunde sollten standardisiert dokumentiert werden (Beispiel für einen Dokumentationsbogen (siehe Abbildung 1).
Weiterführende Diagnostik (Gefäßdiagnostik und Diagnose der diabetischen Neuroosteoarthropathie)
Die Überprüfung der Beinarterien ist bei Diabetikern mit Fußproblemen von höchster Bedeutung, da die arterielle Minderdurchblutung der Hauptrisikofaktor für die Majoramputation der Beine ist. Die Gefäßdiagnostik sollte einem Algorithmus folgen, an dessen Ende die invasiven bildgebenden Verfahren stehen (siehe Abbildung 2).
Es sollte stets das gesamte arterielle Gefäßsystem der betroffenen Extremität, möglichst auch das der Gegenseite, dargestellt werden. Dadurch kann die Therapie besser geplant werden, insbesondere bei komplexen, mehrere Gefäßetagen betreffenden Verschlussprozessen. Ist ein Verfahren nicht oder mit nicht ausreichender Qualität verfügbar, werden vom Algorithmus abweichende Entscheidungen notwendig. Dies trifft bei Verschlussprozessen der Unterschenkelarterien häufig für die Duplexsonographie und die Magnetresonanz-Angiographie (MRA) zu.
Als orientierende Untersuchung zur Feststellung des Gefäßzustandes soll der Knöchel-Arm-Index (ABI, „Ankle-Brachial-Index“) gemessen werden.
Aufgrund der Verfälschungsmöglichkeit der Dopplerdruck-Messung durch Mediasklerose kann durch die zusätzliche Beurteilung des Dopplerfrequenzspektrums sowie ggf. durch eine zusätzliche hydrostatische Zehendruckmessung (Pole-Test) oder eine transkutane Sauerstoffpartialdruckmessung (tcPO2) eine Absicherung der Diagnose erreicht werden.
- Der klinische Verdacht auf Erkrankungen des Gefäßsystems bzw. Progression einer Gefäßerkrankung indiziert eine weiterführende Abklärung.
- Zur Feststellung von Ausmaß und Verteilungsmuster der pAVK sollte als Erstuntersuchung die Duplexsonographie durchgeführt werden.
- Bei Verfügbarkeit kann eine Duplexsonographie auch der Unterschenkelarterien durchgeführt werden.
- Bei nicht aussagekräftigem Befund und/oder Stadium > II sollte gemäß dem Algorithmus (Abbildung 2) verfahren werden. Hierzu kommen die kontrastmittelverstärkte MR-Angiographie (MRA) und die intraarterielle digitale Subtraktionsangiographie (DSA) in Betracht.
- Bei Verdacht auf eine diabetische Neuroosteoarthropathie (DNOAP) sollten Röntgenaufnahmen des betroffenen Fußes in zwei Ebenen angefertigt werden. Dabei ist zu beachten, dass der Befund im Frühstadium negativ sein kann.
Die Röntgenaufnahme des Fußes in zwei Ebenen ist neben der klinischen Untersuchung sowie der Bestimmung der Oberflächentemperatur im Seitenvergleich die entscheidende Methode zur Diagnostik der Erkrankung. In Einzelfällen kann ein MRT differenzialdiagnostisch weiterhelfen, insbesondere zur Erkennung von Frühstadien der DNOAP und von Komplikationen fortgeschrittener bakterieller Entzündungen.
Die diagnostische Kaskade bei der Abklärung der DNOAP ist folgende:
1. Klinik oder klinischer Verdacht;
2. Nativ-Röntgen;
3. MRT bei unauffälligem Nativ-Röntgen und/oder V. a. Abszess;
4. Punktion nur selektiv bei besonderen Fragestellungen und unter besonderen Bedingungen, da Gefahr des Übergangs in einen offenen Charcot-Fuß.
Die Bestimmung der Verlaufsstadien bei der DNOAP erfolgt anhand der Einteilung der Tabelle 4, die Beschreibung der Befallsmuster erfolgt anhand der Einteilung der Tabelle 5.
Therapie
Die Therapie erstreckt sich auf die Behandlung der zugrunde liegenden krankhaften Veränderungen und sollte die nachstehend beschriebenen Maßnahmen umfassen:
- Behandlung von Druckstellen und Ulzera und Behandlung von Infektionen: Druckentlastung, Debridement, Wundbehandlung, Infektionsbehandlung
- Behandlung der pAVK: konservative Maßnahmen , interventionelle und gefäßchirurgische Maßnahmen
- Behandlung der diabetischen Neuroosteoarthropathie (DNOAP)
- Rehabilitationsmaßnahmen/Physikalische Therapie
- Podologie und Schuhversorgung
- Behandlung der Polyneuropathie

1. Behandlung von Druckstellen und Ulzera und Behandlung von Infektionen
Eine vollständige Entlastung jeder Läsion soll gewährleistet werden. Dabei kommen die Verordnung und Anwendung von
- protektivem Schuhwerk (z. B. Entlastungsschuhe, Interimsschuhe, ggf. mit diabetesadaptierter Fußbettung (DAF) und orthopädischen Zurichtungen oder
- Vollkontakt-Gips (Total Contact Cast) oder
- konfektionierten bzw. maßgefertigten Orthesen,
ggf. unterstützt durch
– Gehstützen, Rollstuhl oder durch
– initiale Bettruhe
zum Einsatz.
- Primär soll beim diabetischen Fußulkus ein Debridement avitaler Gewebeanteile erfolgen.
- Vorhandene Taschenbildungen und Unterminierungen sollen entfernt werden.
- Außer bei Vorliegen einer trockenen Nekrose sollte eine lokale Wundbehandlung durchgeführt werden. Die Wundoberfläche ist bei jedem Verbandswechsel zu reinigen.
- Eine klinisch nicht infizierte Wunde sollte nicht mit Antibiotika behandelt werden.
- Bei Patienten mit milden Infektionen sollte eine Antibiotikabehandlung unter Berücksichtigung individueller Risiken erwogen werden.
- Bei Patienten mit moderater oder schwerer Infektion soll eine Antibiotikabehandlung erfolgen.
- Bei Verdacht auf eine schwere Infektion soll die Antibiotikabehandlung intravenös begonnen werden.
- Bei konservativ nicht zur Abheilung zu bringenden Ulzera sollte der Einsatz plastisch-rekonstruktiver Verfahren erwogen werden.

2. Behandlung der pAVK
- Die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit einer Revaskularisation soll bei Vorliegen einer relevanten pAVK konsequent überprüft werden. Dabei sind das Stadium der AVK sowie individuelle Risiken und persönliche Präferenzen des Patienten zu berücksichtigen.

3. Behandlung der diabetischen Neuroosteopathie (DNOAP)
- Bei DNOAP soll die Behandlung durch vollständige Druckentlastung und Ruhigstellung des betroffenen Fußes eingeleitet werden.
- Eine Belastung sollte erst erfolgen, wenn sich die klinischen Zeichen normalisiert haben und eine knöcherne Stabilisierung nachzuweisen ist.

4. Rehabilitationsmaßnahmen/Physikalische Therapie
- Rehabilitationsmaßnahmen können bei Patienten mit diabetischem Fußsyndrom im Rahmen einer Anschlussrehabilitation („AHB“) sinnvoll sein.
- Die Einordnung der Rehabilitationsmaßnahmen in integrierte Behandlungskonzepte kann für die Sicherung des Übergangs von der akutstationären über die rehabilitative Behandlung hin zur Betreuung im ambulanten Bereich sinnvoll sein.
- Ein Gehtraining sollte bei angioneuropathischem diabetischen Fuß mit Ulzera nicht bzw. nur mit äußerster Vorsicht durchgeführt werden, da das wichtigste Therapieprinzip die Entlastung des Fußes ist.
Amputationen
Amputationen können durch die konsequente Anwendung von Maßnahmen der Basistherapie und insbesondere durch die Prophylaxe und adäquate Therapie von Infektionen vermieden werden.
- Vor einer Amputation sollten plastisch-rekonstruktive Maßnahmen erwogen werden, die einen Erhalt der betroffenen Extremität ermöglichen.
- Vor einer Amputation soll der Gefäßstatus der betreffenden Extremität abgeklärt werden.
- Amputationen sind nicht als primäre Behandlungsmaßnahmen bei schlecht heilenden Ulzera in Betracht zu ziehen.
Versorgungsmanagement und Schnittstellen
Aufgrund der komplexen Zusammenhänge der Entstehung, der Therapie und der Prävention von Fußkomplikationen bei Diabetikern erscheint die Notwendigkeit einer Teambetreuung sinnvoll. Dabei soll die Vernetzung aller, die an der Behandlung von Fußkomplikationen beteiligt sind, gewährleistet sein (s. Abbildung 3).
Definition NVL
Nationale VersorgungsLeitlinien (NVL) sind „ärztliche Entscheidungshilfen für die strukturierte medizinische Versorgung“ (sogenanntes Disease Management) auf der Grundlage der besten verfügbaren Evidenz. Bei einer NVL handelt es sich – ebenso wie bei jeder anderen medizinischen Leitlinie – explizit nicht um eine Richtlinie im Sinne einer Regelung des Handelns oder Unterlassens, die von einer rechtlich legitimierten Institution konsentiert, schriftlich fixiert und veröffentlicht wurde, für den Rechtsraum dieser Institution verbindlich ist und deren Nichtbeachtung definierte Sanktionen nach sich zieht. Die Entscheidung darüber, ob einer bestimmten Empfehlung gefolgt werden soll, muss vom Arzt unter Berücksichtigung der beim individuellen Patienten vorliegenden Gegebenheiten und der verfügbaren Ressourcen getroffen werden.
Adressaten und Anwendungsbereich der NVL
Die Empfehlungen Nationaler VersorgungsLeitlinien richten sich vorrangig an Ärztinnen und Ärzte aller Versorgungsbereiche; an die Kooperationspartner der Ärzteschaft (z. B. Fachberufe im Gesundheitswesen, Kostenträger); an betroffene Patienten und ihr persönliches Umfeld (z. B. Partner), und zwar unter Nutzung von speziellen Patienteninformationen; an die Öffentlichkeit zur Information über gute medizinische Vorgehensweise.
NVL richten sich weiterhin explizit an die Herausgeber von „Strukturierten Behandlungsprogrammen“, da sie als deren Grundlage bei der Erstellung von künftigen „Strukturierten Behandlungsprogrammen“ dienen, sowie an die medizinischen wissenschaftlichen Fachgesellschaften und andere Herausgeber von Leitlinien, deren Leitlinien ihrerseits die Grundlage für die NVL bilden.
Komponenten der Nationalen VersorgungsLeitlinien
Alle NVL bestehen aus folgenden Komponenten: Langfassung (enthält die graduierten Empfehlungen, erläuternden Hintergrundtext, Quellenangaben und -darlegungen), Kurzfassung (enthält die graduierten Empfehlungen und kurze begleitende Statements), Leitlinienreport (Darlegung des methodischen Vorgehens), PatientenLeitlinie (durch Patienten erstellte Leitlinie zum Thema, inhaltlich auf der jeweiligen NVL basierend), Praxishilfen (Kurzdarstellungen der wesentlichen Aussagen der NVL zur schnellen Orientierung), zusätzliche Hintergrundmaterialien (z. B. Evidenztabellen, Leitliniensynopsen).
Alle Komponenten der NVL Typ-2-Diabetes – Prävention und Therapie von Fußkomplikationen – steht im Internet frei zur Verfügung unter http://www.diabetes.versorgungsleitlinien.de.
Ein Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen finden Sie in der Langfassung der NVL unter http://www.diabetes.versor
gungsleitlinien.de.
Autoren der NVL, Beteiligte
Autoren: Prof. Dr. Hartwig Bauer (DGCh), Prof. Dr. Günter Germann (DGPRAEC), Prof. Dr. F. Arnold Gries (AkdÄ), Prof. Dr. Herbert Imig (DDG), Dr. Stephan Morbach (DDG/DGIM), PD Dr. Gunnar Riepe (DGfW), Dr. Ulrike Rothe (FkDS), Prof. Dr. Gerhard Rümenapf (DGG), Dr. Hubert Stiegler (DGA), PD Dr. Gunnar Tepe (DRG), Dr. Til Uebel (DEGAM), PD Dr. Matthias Weck (FkDS), PD Dr. Maria Witte (DGfW)

Beteiligte:

Koordination der Nationalen Versorgungsleitlinien zum Diabetes: Prof. Dr. H. H. Abholz (DEGAM), Prof. em. Dr. F. A. Gries (AkdÄ), Frau Dr. N. Haller (VDBD), Prof. Dr. R. Landgraf (DDG/DGIM)
Moderation und Redaktion: PD Dr. Ina Kopp (AWMF), Moderation; Redaktion: Henning Thole, HMA, Monika Lelgemann MSc, Prof. Dr. Günter Ollenschläger, ÄZQ.
Gültigkeitsdauer und Fortschreibung
Diese Leitlinie wurde am 21. November 2006 verabschiedet und ist bis zur nächsten Überarbeitung beziehungsweise bis spätestens 31. Oktober 2008 gültig. Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer hat die NVL Typ-2-Diabetes – Prävention und Therapie von Fußhautkomplikationen am 19. Januar 2006 als „Leitlinie der Bundes­ärzte­kammer“ beschlossen.
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