ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2007Familienfreundliche Krankenhäuser: Geht nicht, gibt`s nicht

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Familienfreundliche Krankenhäuser: Geht nicht, gibt`s nicht

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): A-679 / B-599 / C-575

Rieser, Sabine

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Fotos: Klinikum Nürnberg
Fotos: Klinikum Nürnberg
Teilzeit für Oberärztinnen, Kita-Öffnungszeiten bis 22 Uhr, Wiedereinarbeitungskonzepte – manche Kliniken bieten an, was für andere unvorstellbar ist. Der Marburger Bund findet: Das muss es öfter geben.

Klaus Wambach muss keiner mehr überzeugen. „Eine familienorientierte Personalpolitik ist ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor“, weiß der Vorstand des Klinikums Nürnberg. Wem es gelingt, familiäre Belastungen durch Schichtarbeit zu reduzieren, Wünschen nach flexiblen Arbeitszeiten oder Teilzeit nachzukommen und eine gute Kinderbetreuung zu organisieren, der profitiert. Die 850 Arztstellen im Klinikum seien alle besetzt, berichtet Wambach: „Familienfreundliche Angebote zahlen sich aus.“
Wenn Wambach auflistet, was bei rund 6 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alles dazugehört, dann führt er nicht nur den Betriebskindergarten an und den Neubau einer zweiten Krippe, Ferienbetreuung und Hausaufgabenhilfe. An den zwei Standorten gehören vielfältige Arbeitszeitmodelle und eine Arbeitsgruppe, die sie regelmäßig bewertet, ebenso zum Alltag des Unternehmens wie Einarbeitungskonzepte für Ärztinnen und Ärzte nach einer Familienpause. Kein Wunder, dass 20 Prozent der Ärztinnen und sechs Prozent der Ärzte Teilzeit arbeiten.
Der Marburger Bund (MB) hatte Wambach und andere Fachleute Mitte Februar nach Berlin eingeladen, um seine Kampagne „Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Krankenhäusern“ zu starten. Vor allem die stellvertretende MB-Hauptgeschäftsführerin Dr. Magdalena Benemann habe sich dafür eingesetzt, lobte MB-Vorsitzender Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. „Wir müssen dieses Thema an die oberste Stelle der Agenda setzen, denn mit der Familienfreundlichkeit in deutschen Kliniken liegt es immer noch sehr im Argen“, betonte er. Unterstützt wird der MB von Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Dr. med. Ursula von der Leyen (CDU). Sie hat die Schirmherrschaft über die Kampagne übernommen, denn sie findet: „Der Marburger Bund setzt die richtigen Signale gegen den in der Medizin bereits deutlich spürbaren Fachkräftemangel und die Abwanderung junger Ärzte ins Ausland.“
Zu den Häusern, die sich ausdrücklich zu einer familienfreundlichen Personalpolitik bekennen, gehört das Allgemeine Krankenhaus Celle mit 630 Betten und 1 400 Mitarbeitern. „Als Unternehmen, in dem mehr als 80 Prozent Frauen beschäftigt sind, über 120 Mitarbeiterinnen Elternzeit in Anspruch nehmen und jährlich etwa 60 ein Kind bekommen, sind wir mit den Fragen rund um Beruf und Familie tagtäglich konfrontiert“, stellt Verwaltungsdirektor Norbert Mischer klar. Diese Fragen werden in Celle vielfältig beantwortet. Zum einen werden Arbeitszeitmodelle so zugeschnitten, dass sie den Bedürfnissen der Mitarbeiterinnen entgegenkommen. Ein Betriebskindergarten rechnet sich zwar nicht, doch Mischer hat Kontakt zu den umliegenden Kindergärten aufgenommen, um dort flexiblere Betreuungsangebote für das eigene Personal auszuhandeln.
Die Klinik prüft darüber hinaus, ob in Zukunft Tagesmütter vor Ort Mitarbeiterkinder betreuen könnten. Dies sei durch eine gesetzliche Änderung seit Kurzem möglich, erläutert Personalreferentin Christa Förster. Sie geht davon aus, dass auch an der Klinik der Bedarf an Angeboten für Ein- bis Zweijährige zunehmen wird, weil in Zukunft mehr Frauen und Männer nach maximal 14 Monaten Elterngeldbezug zurückkehren und damit früher als bisher wieder arbeiten.
Neben den großen sind es viele kleine Angebote, die berufstätigen Eltern den Alltag erleichtern sollen. Im Krankenhaus Celle ist etwa die Kantine mittlerweile auch für Familienangehörige geöffnet, und sie bietet Kinderteller an. „Man kommt einfach immer mehr in das Thema hinein“, stellt Förster rückblickend fest. Sicher habe es anfangs Bedenken gegen manche Maßnahme gegeben, aber: „Wir haben zahlreiche Mitarbeiter in Führungspositionen, die wissen, wovon sie sprechen, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht.“
Unternehmen wie das Klinikum Nürnberg oder das Krankenhaus in Celle agieren gleichwohl nicht planlos. Beide haben sich von der Hertie-Stiftung zertifizieren lassen, die seit zehn Jahren das „audit berufundfamilie“ anbietet. Dabei geht es darum, über mehrere Jahre hinweg Firmen pragmatisch bei der Umsetzung einer familienbewussten Personalpolitik zu unterstützen. Zertifiziert sind im Klinikbereich unter anderem bereits das Harz-Klinikum Wernigerode-Blankenburg, das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier, das Städtische Klinikum Dessau, die Medizinische Hochschule Hannover sowie die Klinika Bremen-Ost, Links der Weser und das der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. Das Evangelische Lutherkrankenhaus in Essen war sogar eines der ersten Unternehmen, die sich am Audit beteiligten.
Gottfried Müller, Projektleiter für den Bereich Krankenhaus bei der Unternehmensberatung Fauth-Herkner und Partner, hält das Audit für ein gutes Mittel, sich auf den Weg zu machen, denn: „Es verlangt nicht, dass gleich alles perfekt sein muss. Es geht darum, Ziele zu vereinbaren und eine klare Strategie zu entwickeln.“ Aus seiner Sicht gibt es zur Umstellung auf eine familienfreundliche Unternehmenspolitik keine Alternative, wenn man sich den Arbeitsmarkt für Ärzte und Pflegekräfte ansieht: „Gerade kleine und mittlere Häuser sind darauf angewiesen, auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit familiären Aufgaben gut zu integrieren.“ Vielerorts setze sich deshalb die Einsicht durch, „das Thema lieber aktiv anzugehen“.
Ob Arbeitszeitkonten, Kinderbetreuung, intelligenter Umgang mit Bereitschaftsdiensten: „Selbst in kleinen Teams kann man viel regeln“, hat Müller festgestellt. „Wenn eine Aufgeschlossenheit da ist, findet sich eine Fülle von Wegen.“
Sabine Rieser


Weitere Informationen im Internet:
www.beruf-und-familie.de; www.arbeitswelt.de; www.familienfreundliches-krankenhaus.de
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