SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Der Verlust meines Hausarztes

Dtsch Arztebl 2007; 104(10): [96]

Schimmel, Knut

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„Alle Beschwerden waren nach dem therapeutischen Gespräch mit meinem Doktor weg.“

Alles ist anders. Schon der Geruch, die Beleuchtung, die Atmosphäre, und natürlich die bekannten Menschen fehlen. Kein rotgelipptes, einladendes Begrüßungslächeln von Frau H., kein Schwätzchen zum Auftakt, kein weltverbesserndes Wichtigtun am Empfangstresen. Und es wird nicht gefragt: Wie geht es denn Ihrer Frau?
Das Wartezimmer: hell ist es, unpersönlich. Nicht dass ich etwas gegen Helligkeit oder Licht hätte, ganz im Gegenteil. Aber diese abweisende, sterile Helligkeit. Und dieser viel zu kleine runde Tisch, genau in der Mitte, exakt. Aber ein kleiner Blumentopf – mit Erde und echten Blumen stehen darauf; immerhin.
Nein, nein das ist es nicht mehr, das mir vertraute Wartezimmer, in dem ich übrigens nie lange warten musste. Und nun sind auch noch alle Autozeitungen weg. Die verbliebenen stecken entsetzlich geordnet in einem Wandhalter. Natürlich kennen die „Neuen“ mich nicht. Deswegen geht es ja auch sachlich zu. Viel jünger sind sie auch noch. Das wiederum ist nun auch nicht ihre Schuld. Der heutigen Generation entsprechend gibt es nun die nüchternen Computer, Drucker und Faxgerät und all die zeitgemäßen, professionellen Büroeinrichtungen.
Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
Ja, ja, wie war das doch eine „Augenweide“, die große Tasse des alten Herrn Doktor inmitten der Aktenstapel stehen zu sehen.
Es feht die vertraute Stimme von Dr. H., die einen begrüßte, der einem die Hand reichte, und das einmalige Erscheinungsbild des Arztes, mit dem heraushängenden Hemd und der fast verloren gehen wollenden Hose.
Schließlich das Arzt-Patienten-Gespräch, die bewegenden Erzählungen von der imponierenden Kultur Italiens, die Unfähigkeit der deutschen Winzer, ordentliche Weine herzustellen, der Untergang der deutschen Zivilisation. Aber auch die Ablehnung der viel zu teuren deutschen Autos. Wer kann denn schon so weltverloren und nebensächlich miteinander plaudern? Aus und vorbei.
Wenn ich also dann mal krank war an Körper und Seele, kam ich in das Arzt-Büro, dieses kleine Zimmer, wo Dr. H. mit mir sprach, behandelte und heilte. In diesem Sprechzimmer, in dem die Schranktüren sich nicht schließen ließen, weil die immens vielen Medikamentenmuster dort reingezwängt waren. Genauso stapelten sich auf den Schränken ebenfalls Hunderte kleiner Päckchen heilender Tabletten und Tropfen.Und wie nett war der Schreibtisch gedeckt mit Akten und nochmals Akten. Es blieb nur noch ein kleines Plätzchen zum Ausfüllen eines Rezeptes oder der Krankschreibung.
Ja, dort saßen wir und frotzelten, schimpften, lachten und ernsteten. Es war immer sehr locker und Leben in der Bude, denn sie war so herrlich menschlich, sie war unaufgeräumt, chaotisch, sie war von einer richtig warmen Atmosphäre geprägt. Mein Blutdruck wurde übrigens bei jedem Besuch gemessen – immer 130/80, immer der gleiche. Und was hatte ich noch für Krankheiten? Keine mehr. Alle Beschwerden waren nach dem therapeutischen Gespräch mit meinem Doktor weg. Ich kam heim und war einfach wieder gesund. So etwas nenne ich einen guten Arzt, einen der nichts macht, aber alles tut, um seinen Patienten wieder gesund werden zu lassen – nur mit Anwesenheit und Worten. Ich glaube heute, er hat es nicht einmal gemerkt.
Ich werde den Anblick vermissen, wie er mit gebeugtem Haupt durch den Praxisgang lief und offenbar sehr nachdenklich war, sich vielleicht schon innerlich von seinem Arbeitsort verabschiedete. Ich darf nicht klagen, weil er jetzt nicht mehr mein ärztlicher Berater ist und mir als väterlicher „Ratschläger“ nicht mehr zur Verfügung steht. Ich konnte und durfte ihn als Arzt gewinnen, visitieren und mir helfen lassen. Darüber bin ich froh und sehr dankbar.
Und um nun die Veränderung in dem ehemaligen Etablissement klipp und klar zu beschreiben: Nach meinem ersten Besuch bei seinem Nachfolger war ich kränker, als ich zuvor die Praxis betrat. Ich war depressiv, unermesslich traurig und den Tränen nahe. Ich wusste nicht, warum. Erst daheim sagte mir meine Frau: Dir fehlt der Dr. H. – jawohl, er fehlt mir.
Knut Schimmel
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