ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Birgit Kahle: Nicht das Ende

KUNST + PSYCHE

Birgit Kahle: Nicht das Ende

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 98

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert haben Künstler das Thema „Totentanz“ gestaltet. Der um 1463 von Bernd Notke gemalte Totentanz in der Marienkirche zu Lübeck gehörte zu den eindrucksvollsten Beispielen. Das Bild verbrannte in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 beim Bombenangriff auf Lübeck. Die Kölner Künstlerin Birgit Kahle ist nun mitten hineingesprungen in diesen Reigen der Lebenden und tanzenden Toten. Das großformatige Foto (200 mal 300 cm) entstand unter Verwendung einer Abbildung des letzten Teils des zerstörten Lübecker Totentanzes, dort, wo Junggesell, Jungfrau und Wiegenkind den Abschluss der Tanzpaare bilden. Hier tanzen die potenziellen Eltern, hier werden die Kinder geboren. Es ist auffällig und ungewöhnlich, dass der lachende Tod die Jungfrau gar nicht am Körper, sondern nur an ihrem Federbusch berührt. Hier nun tanzt die Künstlerin vor der Jungfrau: Auf ihren nackten Körper wird mittels eines Diapositivs das Bild der rot gekleideten Jungfrau projiziert, beide Figuren verschmelzen miteinander. In diesem Moment entstand das vorliegende Foto. Auf eine verblüffend direkte Weise holt die Foto-Künstlerin damit das alte Bildmotiv in die Jetztzeit und dokumentiert somit seine Aktualität und Gültigkeit. Die lebensbejahende Tanzhaltung der Jungfrau wird akzentuiert und ihr gar nicht erschreckt wirkender Gesichtsausdruck wird zu einem Lächeln gesteigert. Totentanz hin oder Totentanz her – diese junge Frau mag vom Tode wissen, aber sie tanzt doch ganz im Hier und Jetzt des Lebens. Das Kind in der Wiege (am rechten Bildrand angeschnitten) wird vom Tod überhaupt nicht berührt. Es zeigt den Fortgang des Lebens mitten in aller Sterblichkeit: Zerstörung und Tod sind nicht das Ende. Hartmut Kraft


Biografie Birgit Kahle
Geboren 1957 in Köln. Als Fotokünstlerin Autodidaktin. Mitbegründerin des Projekts „Lo Spirito del Lago“ auf der Isola Bella/Stresa am Lago Maggiore. Lebt in Köln und Stresa (Italien).

Literatur:
Kahle B: Zwielicht. Niederrheinischer Kunstverein, Wesel 1989.
Kahle B: Licht. Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen 1995.
Kahle B: Nel profondo – In der Tiefe (zusammen mit P. Gilles, F. Greco,
F. Simonelli), Sylvana Editoriale, Mailand 2005.
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