ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Interview mit Dipl.-Psych. Dieter Best: „Halbe Praxissitze dürfen nicht einfach entzogen werden“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dipl.-Psych. Dieter Best: „Halbe Praxissitze dürfen nicht einfach entzogen werden“

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 108

Bühring, Petra

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Dieter Best, Dipl.-Psych., ist stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung, Mitglied im Beratenden Fachausschuss Psychotherapie der KBV und in freier Praxis tätig. Foto: privat
Dieter Best, Dipl.-Psych., ist stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung, Mitglied im Beratenden Fachausschuss Psychotherapie der KBV und in freier Praxis tätig. Foto: privat
Das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz ist zum 1. Januar in Kraft getreten. Dieter Best von der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung über die Auswirkungen speziell für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten


PP: Herr Best, Sie haben das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VÄG) aus psychotherapeutischer Sicht unter die Lupe genommen.* Birgt es mehr Chancen oder mehr Risiken?
Dieter Best: Beides, Chancen und Risiken. Die Auflocke-rung der Niederlassungsbedingungen bieten Psychotherapeuten zum einen flexiblere Arbeitsmöglichkeiten, beispielsweise an verschiedenen Orten, oder in Kooperation mit Ärzten zusammenzuarbeiten oder die kombinierte Tätigkeit in einer Praxis und einer Institution.
Risiken sehe ich vor allem in den „Teilzulassungen“, das heißt der Möglichkeit einer Beschränkung der Zulassung auf einen halben Versorgungsauftrag. Dies hat Implikationen, die derzeit wegen fehlender Konkretisierung nur schwer vorauszusehen sind.

Die Forderung nach Teilzulassungen wurde ursprünglich mit mehr Flexibilität für Beruf und Familie begründet.
Best: Ich denke, es gibt andere Instrumente, dies zu verwirklichen: zum Beispiel sich anstellen zu lassen oder auf freiberuflicher Basis Berufsausübungsgemeinschaften zu bilden. Die Halbtagspraxis schafft jetzt mehr Probleme, weil nun nach einem Vorschlag des Bundesrates im Gesetz steht, dass Praxissitze von den Zulassungsausschüssen auch hälftig entzogen werden können, wenn jemand der Versorgung nicht vollzeit zur Verfügung steht. Die Frage ist, was als halber Versorgungsauftrag gelten wird. Das ist noch nicht definiert. Es ist wichtig festzuhalten, dass es nicht einfach nur die Hälfte einer vollen Praxisauslastung sein kann, wie es das Bundessozialgericht festgelegt hat, nämlich 36 Stunden genehmigungspflichtige Psychotherapie. Das ist eine Leistungsgrenze, die sowieso nur ganz wenige erreichen, nämlich etwa sieben Prozent. Wenn man das halbieren würde, wäre es zu hoch angesetzt.
Möglicherweise wird man sich danach ausrichten – nach einem Urteil des Landessozialgerichts Baden-Württemberg –, dass 20 Stunden Anwesenheit in der Praxis genügen, um eine Zulassung zu rechtfertigen. Die Zulassungsausschüsse sollten mit diesen Fragen sehr individuell umgehen und auf die Gründe schauen, warum jemand wenig arbeitet. Es kann ja auch eine längere Krankheit vorliegen oder besondere familiäre Umstände oder auch eine begrenzte Leistungsfähigkeit aufgrund des Alters.

Kann die eventuell abgegebene Hälfte einer Zulassung später wieder eingefordert werden?
Best: Wer eine halbe Praxis zurückgibt, wird kaum eine Chance haben, nochmal wieder aufzustocken. Er müsste sich über das ganz normale Zulassungsverfahren wieder auf einen halben Praxissitz bewerben. Vorstellbar ist die Rückgabe einer halben Zulassung vielleicht, wenn jemand aus Altersgründen weniger arbeiten will und für eine halbe Praxis einen gewissen Erlös haben will.
Generell ist aber die Frage, ob halbe Praxen überhaupt weitergegeben werden können. Nach dem Wortlaut des Gesetzes ist bei Abgabe oder Entzug einer Zulassung ein Nachbesetzungsverfahren möglich. Das ist auch die Auffassung des Bundesministeriums für Gesundheit. Es gibt aber andere Auffassungen – etwa aus Rechtsberaterkreisen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung – wo man der Meinung ist, dass eine nicht ausgefüllte halbe Praxis nicht weitergegeben werden kann, weil sie nicht existent war. Das ist eine Rechtsunsicherheit, die noch geklärt werden muss.

Wann rechnen Sie mit einer Klärung?
Best: Ich denke in den nächsten Monaten in den nachrangigen bundesmantelvertraglichen Regelungen. Für die Versorgung hätte es große Nachteile, wenn eine halbe Praxis verfällt oder einkassiert wird – auf jeden Fall im unterversorgten Ostdeutschland und in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.

Psychologischen Psychotherapeuten wird ermöglicht, gemeinsam mit Ärzten ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) zu leiten. Das begrüßen Sie sicherlich?
Best: Auf jeden Fall. Wenngleich wir bemängeln, dass es nicht möglich ist, dass ein MVZ auch allein von einem Psychologischen Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten geleitet werden kann. Aber die jetzige Regelung ist immerhin ein Kompromiss, der die Leitung überhaupt ermöglicht.

Künftig können Berufsausübungsgemeinschaften (Gemeinschaftspraxen) auch interdisziplinär gebildet werden. Welche Kombinationen sind dabei sinnvoll?
Best: Es ist ein großer Fortschritt, dass die Berufsgruppen auf freiberuflicher Ebene zusammenarbeiten können. Fachliche Kombinationen kann man sich zwischen Hausärzten und Psychologischen Psychotherapeuten vorstellen oder zwischen Internisten und Psychologischen Psychotherapeuten. Sinnvoll ist zum Beispiel eine Kombination von einem Internisten, der sich auf Diabetologie beschränkt, und einem psychodiabetologisch weitergebildeten Psychotherapeuten. Oder Kinderärzte, Kinderpsychiater zusammen mit Kinderpsychotherapeuten wären beispielhaft gute Kombinationen.

Ärzte können fortan in ihrer Praxis Psychologische Psychotherapeuten anstellen, umgekehrt ist dies aber nicht möglich. Woran liegt das?
Best: Grundsätzlich sieht das Gesetz diese Möglichkeit ja vor. Es ist aber deshalb nicht möglich, weil eine Vorschrift in der ärztlichen Berufsordnung es nicht erlaubt, dass in einer niedergelassenen Praxis ein Arzt unter einem Psychologischen Psychotherapeuten arbeitet. In der (Muster-)Berufsordnung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer und in den Berufsordnungen der Landeskammern gibt es diese Vorschrift dagegen nicht – dort ist es liberaler geregelt.

In Zukunft wird die Erstzulassung zur vertragsärztlichen Versorgung auch noch mit über 55 Jahren möglich sein. Kann das beispielsweise zur Behebung der Unterversorgung in den neuen Bundesländern beitragen?
Best: Das glaube ich eher nicht. Es könnte vielleicht sein, dass jemand, der als Angestellter in einer Klinik keine Perspektiven mehr sieht, sich entschließt, sich rund zehn Jahre niederzulassen. Aber das ist eher unwahrscheinlich.
In Ostdeutschland gibt es noch freie Planungsbereiche, und dennoch will sich dort niemand niederlassen. Durch freie Praxissitze allein wird die Versorgung nicht besser.

Welche Steuerungsinstrumente wären denn sinnvoll?
Best: Es ist ohnehin angedacht, die Bedarfsplanung langfristig zu ersetzen, beispielsweise durch finanzielle Anreize wie höhere Honorare. Aber ich bin nicht wirklich sicher, ob die Anreize ausreichen werden, jemanden zu bewegen, in die neuen Bundesländer zu ziehen. Das betrifft nicht nur die Psychotherapeuten, sondern beispielsweise auch die Hausärzte sehr stark. Es ist ja eine Lebensentscheidung.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer und die Berufsverbände hatten im Vorfeld des VÄG die Forderung nach einer Mindestversorgungsquote von 20 Prozent für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) aufgestellt. Ist diese Forderung umgesetzt worden?
Best: Die Mindestquote für ärztliche Psychotherapeuten (wonach 40 Prozent der Sitze eines Zulassungsbezirks für ärztliche Psychotherapeuten reserviert sein sollen) läuft 2008 aus. Das wäre ein Muster gewesen für eine Mindestquote für KJP. Man hätte diesen Satz im Gesetz einfach anders formulieren können, aber die Quote für Ärzte ist weggefallen, und der mögliche Ersatz, die Quote für KJP, taucht dadurch nirgendwo auf. Er wurde vom Gesetzgeber nicht aufgenommen. Die Begründung war: Man will die Bedarfsplanung nicht noch zusätzlich verfeinern, weil sowieso daran gedacht wird, sie aufzulockern und eventuell irgendwann mal ganz abzuschaffen.

Das VÄG ist zwar faktisch in Kraft getreten, doch es bedarf unter anderem noch Konkretisierungen im Bundesmantelvertrag und in der Bedarfsplanungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses. Wann kann das Gesetz praktisch umgesetzt werden?
Best: Bis 1. Juli dürfte alles geregelt sein. Das heißt jedoch nicht, dass Interessenten an den neuen Strukturen nicht jetzt schon Anträge stellen können. n
PP-Fragen: Petra Bühring
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