ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Europäische Krankenversichertenkarte: Mammutvorhaben

POLITIK

Europäische Krankenversichertenkarte: Mammutvorhaben

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 113

Spielberg, Petra

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Foto: dpa
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Die Europäische Krankenversichertenkarte soll die Abrechnung von ausländischen Sozialversicherten erleichtern. Eine EU-weite Nutzung liegt aber noch in ferner Zukunft. Bis dahin beschert die Karte Vertragsärzten jede Menge Schreibkram.

Eigentlich soll die Europäische Krankenversichertenkarte, kurz EHIC (European Health Insurance Card), bei Patienten, Ärzten und anderen Gesundheitsberufen ein Stück mehr europäische Identität stiften. So jedenfalls schwebt es der EU-Kommission vor, die über das Projekt auf ihren Internetseiten deshalb auch ausgiebig informiert.
Nach den Vorstellungen der Brüsseler Beamten soll die Karte die Mobilität der Arbeitnehmer innerhalb der Europäischen Union erhöhen, Arztbesuche von gesetzlich Versicherten im europäischen Ausland wesentlich vereinfachen und die grenzüberschreitenden Abrechnungen zwischen den gesetzlichen Kostenträgern beschleunigen.
Ob die kleine Plastikkarte tatsächlich zu messbaren Effekten dieser Art führen wird, muss sich allerdings erst noch zeigen. Zwar hat die EHIC bei gesetzlich versicherten EU-Bürgern bereits seit Anfang letzten Jahres ihren festen Platz zwischen all den anderen Chipkarten im Portemonnaie gefunden. Die Vorteile, die die Karte gegenüber den alten Auslandskrankenscheinen aus Papier bringen sollen, sind bislang allerdings noch nicht erkennbar.
Denn zunächst einmal ist die EHIC nichts anderes als ein in Plastik gegossener Berechtigungsschein für eine dringend notwendige medizinische oder zahnmedizinische Behandlung bei einem vorübergehenden Auslandsaufenthalt eines gesetzlich Versicherten. Aus Sicht des Arztes bedeutet das: Er erfährt bei Vorlage der Karte nicht mehr als den Namen des Versicherten, dessen Versicherungsnummer und das Geburtsdatum. Denn medizinische Informationen, wie ein Not­fall­daten­satz oder eine Arzneimitteldokumentation, sollen frühestens in einigen Jahren auf der EHIC gespeichert werden. Sinn macht der dafür erforderliche Übergang zum elektronischen Datenträger allerdings nur, wenn zum selben Zeitpunkt in allen ärztlichen Einrichtungen im Europäischen Wirtschaftsraum interoperable technische Infrastrukturen zur Verfügung stehen. Schließlich sollte ein deutscher Arzt problemlos die Daten der EHIC zum Beispiel eines polnischen Patienten einlesen können.
Auch müssen die Länder Vereinbarungen darüber treffen, wer welche Daten in welchem Umfang nutzen darf. Angesichts der Vielzahl nationaler Gesundheitssysteme, im Umlauf befindlicher Karten (mit Mikrochip, Mikroprozessor oder Magnetstreifen) und Datenschutzvorschriften wächst sich das Vorhaben somit zu einer wahren Mammutaufgabe aus. Für Arztpraxen und Krankenhäuser heißt es bei der Akutbehandlung eines ausländischen Krankenversicherten jedoch erst einmal weiterhin: Schreibkram erledigen. Die zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und den Krankenkassen getroffene Vereinbarung zur Anwendung der EHIC sieht zum Beispiel vor, dass der Vertragsarzt zusammen mit dem Patienten ein Formular ausfüllen muss, in dem jener bestätigt, ent-weder in einem Land des Europäischen Wirtschaftsraums oder in der Schweiz versichert zu sein. Außerdem muss der Arzt die persönliche Identität des Versicherten überprüfen und eine Fotokopie der EHIC sowie des Reisepasses oder Personalausweises anfertigen. Die Unterlagen müssen daraufhin unverzüglich zu einer deutschen Krankenkasse geschickt und entsprechende Kopien zwei Jahre lang aufbewahrt werden. Darüber hinaus fallen auch bei der Behandlung von Patienten aus dem Ausland zehn Euro Praxisgebühr an.
Der stellvertretende Direktor der Deutschen Sozialversicherung, Günter Danner, fürchtet, dass sich in einigen Ländern, wie Spanien, angesichts des überall weitgehend vergleichbaren bürokratischen Aufwandes eine bereits zu Zeiten der Auslandskrankenscheine bewährte Praxis fortsetzen wird, dass nämlich Ärzte die EHIC nicht akzeptieren und stattdessen einfach eine Privatrechnung ausstellen. Petra Spielberg
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