ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Abgabe psychotherapeutischer Praxen: Das richtige Maß finden

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Abgabe psychotherapeutischer Praxen: Das richtige Maß finden

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 114

Bühring, Petra

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LNSLNS Die große Nachfrage nach Praxissitzen hat inzwischen zu nicht nachvollziehbaren Verkaufspreisen geführt – zugunsten der Altersvorsorge der in Ruhestand gehenden Therapeuten, zulasten des Nachwuchses.

Mehr als vier Jahre lang hatte sich Gudrun Pfitzner immer wieder beim Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns erfolglos um einen Praxissitz in München beworben. Die Großstadt ist – wie fast ganz Westdeutschland – ein „gesperrter Zulassungsbereich“: Wird ein Praxissitz frei, bewerben sich mehr als zehn Kandidaten. Im Mai 2006 unterschrieb die 47-jährige Psychoanalytikerin schließlich einen Vorvertrag und erhielt die Kassenzulassung von der KV. 48 000 Euro wollte der in Ruhestand gehende Psychotherapeut für seinen Praxissitz haben. Pfitzner hat die Summe nicht bezahlt. Der Ruheständler klagte. „Ich habe keine andere Möglichkeit gesehen, mich gegen diese überzogenen Preise zu wehren“, erklärt Gudrun Pfitzner gegenüber PP. Sie hätte nicht einmal die Räume übernehmen können, da der Psychoanalytiker seine Praxis in der Privatwohnung untergebracht hatte. Auch von seinem Patientenstamm konnte sie nicht profitieren: Neun Patienten behandelte er noch, drei davon meldeten sich bei Pfitzner – doch man habe nicht zusammengepasst. Der Verkehrswert der Praxis sei null, argumentierte die Psychoanalytikerin. Das Landgericht München indes sieht dies anders: Pfitzner habe bei Abschluss des Vertrags gewusst, worauf sie sich einlässt.
Die 48 000 Euro nebst Zinsen und Prozesskosten sind von der Beklagten zu tragen, urteilte das Gericht (Az.: 23 O 13866/06 vom 26. Januar 2007). Pfitzner will nun in die nächste Instanz gehen. Ihr geht es um das Prinzip: Sie spricht von „Wucher“ und „Schwarzhandel mit Kassenzulassungen“. Ihrer Ansicht nach müsse der Zulassungsausschuss den qualifiziertesten Kandidaten für einen frei gewordenen Sitz aussuchen und nicht denjenigen, der am meisten zahlen könne.
Die Summen, die für Praxissitze in gesperrten Zulassungsbereichen gefordert werden, reichen von 20 000 Euro (Hamburg) bis zu 70 000 Euro (Köln). Auch von 120 000 Euro wird berichtet. „Die Marktlage hat zu skurrilen Verhältnissen in Form extrem hoher Preise für eine KV-Nummer geführt“, schreibt Dr. Tobias von Geiso, Vorsitzender der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie München e.V. in einem Mitgliederrundbrief. Bezahlt werde ein „Privileg“, das der aus Altersgründen ausscheidende Kollege kostenlos besaß. Diese „Bereicherung an der nächsten Generation“ will von Geiso nicht gutheißen und appelliert an ausscheidende Therapeuten, die damit für die Jüngeren verbundenen existenziellen Probleme zu bedenken.
Jungen Psychotherapeuten, die endlich ihren Beruf ausüben wollen, machen solche Summen das Leben schwer. Nach langem Studium und der teuren Ausbildung müssen sie hohe Kredite aufnehmen – was meist nur mit Bürgschaften der Eltern möglich ist (siehe auch Editorial in PP, Heft 3/2006). Wer sich nicht verschulden will, dem bleiben Privatpatienten oder der Weg in die neuen Bundesländer. Dort suchen die KVen händeringend Psychotherapeuten und Ärzte.
Das Problem des Nachwuchses steht nicht an erster Stelle der Agenda der Psychotherapeutenkammern und Berufsverbände. Nur vereinzelt werden Hilferufe junger Therapeuten laut. Timo Harfst, Referent bei der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), weiß, „dass sich der inzwischen übliche Preis für eine Standardpraxis nicht mehr rechtfertigen lässt“. Doch die BPtK will derzeit nichts gegen die Ausuferung der Summen unternehmen: „Es ist kein vorrangiges Thema“, sagt Harfst. Psychoanalytikerin Pfitzner führt die fehlende Lobby auf einen nahe liegenden Interessenkonflikt zurück: „Die meisten werden selbst später davon profitieren.“
Vorsorgefaktor
Der Berufsverband der Vertragspsychotherapeuten spricht diesen „Zielkonflikt“ im Mitgliederbrief vom 9. Juni 2006 explizit an: Einerseits sei es positiv, dass alle, die mit dem Psychotherapeutengesetz eine Zulassung erhielten, gleichzeitig einen hohen immateriellen Praxiswert erhalten hätten. „Angesichts der unzureichenden und schwierig zu bildenden Altersversorgungen unserer Kollegen, ist dies ein wichtiger Vorsorgefaktor geworden. Andererseits müsse ein junger Kollege die Möglichkeit haben, sich „in überschaubarem und kalkulierbarem Finanzrahmen“ auf die Neugründung einer Praxis einstellen zu können.
Die Frage stellt sich, was ein überschaubarer Finanzrahmen beziehungsweise ein angemessener Praxiswert ist. Die (Muster-)Berufsordnung (MBO) für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ist nur begrenzt hilfreich. § 24 Abs. 5 besagt: „Der sachliche und ideelle Verkaufswert einer Praxis darf nicht sittenwidrig überhöht festgelegt werden.“ Es fehlt jedoch ein Maß für „sittenwidrige Überhöhung“. Allerdings kann sich die „Sittenwidrigkeit“ eines überhöhten Kaufpreises auch aus dem Widerspruch zu einer anderen Regelung der MBO ergeben, folgern BPtK-Justiziar Martin Stellpflug und Inge Berns in der Kommentierung des § 24 Abs. 5 der MBO (1). Sie nehmen Bezug auf § 17 Abs. 1, wonach „Psychotherapeuten verpflichtet sind, Rücksicht auf die berechtigten Interessen ihrer Berufskollegen zu nehmen“. „Diese Vorschrift fordert einen Kaufpreis, der die berechtigten finanziellen Interessen beider Berufskollegen (des Vorbesitzers und des Nachfolgers) angemessen berücksichtigt“, schreiben die Autoren. Kristina Siever, Psychologische Psychotherapeutin in Ausbildung (PPiA), hofft, dass diese Regelungen der MBO einen „Angriffspunkt für den psychotherapeutischen Nachwuchs bieten, um sich gegen den Turbokapitalismus zu wehren“.
Die Psychotherapeutenkammer Hamburg ist gerade dabei, ein Bewertungsverfahren zu entwickeln, das für psychotherapeutische Praxen angemessen ist. Denn formal sei eine psychotherapeutische Praxis ein „Verkaufsgut“, sagt Dr. Peter Riedel vom Vorstand der Hamburger Kammer, der sich dort mit dem Thema maßgeblich beschäftigt, „auch wenn ideologisch die Meinungen darüber auseinandergehen“. Die KV Hamburg hat die Kammer gebeten, sich damit auseinanderzusetzen, wie ein angemessener Wert für psychotherapeutische Praxen ermittelt werden könne. Denn das Bewertungsverfahren der Bundes­ärzte­kammer für Arztpraxen von 1987 sei nicht angemessen übertragbar, so Riedel. Die „Ärztekammermethode“ setzt sich aus einem „Sachwertanteil“ und einem „ideellen Wertanteil“ zusammen. Auch andere Verfahren berechnen den ideellen Wert nach Umsatz oder in Vorjahren erzielten Gewinnen.
All dies ist nach Ansicht von Riedel unpassend für Psychotherapeuten. Denn hier sei der Umsatz real nicht an die Praxis gekoppelt, sondern an die vergangene Arbeitsleis-tung und an die Person des Praxisinhabers. Die Personen-Bindung sei in der Psychotherapie sehr hoch und bei GKV-Leistungen zudem an die Lizenz für die Verfahren des alten Praxisinhabers gebunden. „In hohem Maße bestimmt der ,Arbeitsplatz Psychotherapeut mit Kassenzulassung‘ zurzeit den erzielten Praxispreis“ stellt Riedel fest. Diese Tatsache müsse bei der Bestimmung eines realen Werts in jedem Fall mit einbezogen werden. In einer Beispielrechnung kommt Riedel auf einen „angemessenen“ Verkaufspreis von rund 18 000 Euro*.
Mutige Frauen wie Gudrun Pfitzner bringen Steine ins Rollen. Doch nicht jeder will – verständlicherweise – den risikoreichen Rechtsweg beschreiten. Das zur Diskussion stehende Rechenmodell der Hamburger Psychotherapeutenkammer ist ein Ansatz. Bis es klare Regelungen gibt, bleibt der Appell an die Moral der in Ruhestand gehenden Psychotherapeuten: Die Möglichkeiten der freien Marktwirtschaft müssen nicht bis zum Äußersten ausgeschöpft werden.
Petra Bühring
literatur
1. Stellpflug M, Berns I: Musterberufsordnung für die Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten – Text und Kommentierung. Hüthig Verlag 2006.


* Die bisherigen Überlegungen zu einem Bewertungsverfahren hat Dr. Peter Riedel für einen Vortrag bei der Psychotherapeutenkammer Hamburg zusammengestellt. Im Internet zu finden unter: www.ptk-hamburg.de/die_kammer/dokumente/ 300844.html
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