ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Psychische Gesundheit in der europäischen Union: Deutsche bezeichnen sich als „kraftlos“

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Psychische Gesundheit in der europäischen Union: Deutsche bezeichnen sich als „kraftlos“

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 117

Weber, Ingbert

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LNSLNS Die EU veröffentlicht die Ergebnisse einer Eurobarometer-Umfrage. Die Kommission setzt auf Prävention und Maßnahmen gegen Diskriminierung.

Nach dem Ergebnis einer Eurobarometer-Umfrage zum Thema psychische Gesundheit, die in allen EU-Ländern durchgeführt wurde, haben 13 Prozent der Bevölkerung in den letzten zwölf Monaten psychologische Hilfe gesucht. Wenn sich Menschen in Europa emotional schlecht fühlen, wenden sie sich am ehesten an Familienmitglieder (53 Prozent), Ärzte oder Psychologen (50 Prozent). Etwa jeder Vierte (22 Prozent) sucht Hilfe bei einem Freund. Die Befragten, die sich mit ihrem Problem dem Vertreter eines Gesundheitsberufs anvertrauen würden, bezeichneten zu 70 Prozent einen Hausarzt/Allgemeinarzt als den Experten ihrer Wahl. 14 Prozent nannten einen Psychologen, weitere vier Prozent einen sonstigen Psychotherapeuten und zwei Prozent einen Psychoanalytiker.
Sieben Prozent der EU-Bürger wurden aufgrund emotionaler Probleme mit Medikamenten behandelt, drei Prozent nahmen eine Psychotherapie in Anspruch und ein Prozent wurde wegen psychischer Probleme stationär behandelt. Die EU-Kommission schlägt eine Strategie zur Förderung der psychischen Gesundheit vor, die zwei Schwerpunkte umfassen soll: vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung psychischer Erkrankungen und Maßnahmen zur Verringerung von Stigmatisierung von Menschen, die von psychischen Problemen betroffen sind.
Jeder vierte Europäer ist mindestens einmal im Leben von psychischen Problemen betroffen. Die Folgen sind häufig gravierend: Nur 20 Prozent der Menschen mit schweren psychischen Problemen sind in der Lage, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Der entsprechende Anteil bei Menschen mit körperlichen Behinderungen liegt bei 65 Prozent. Als mögliche Folge psychischer Erkrankungen sind Selbsttötungen zu nennen. Zurzeit sterben in der Europäischen Union etwa 58 000 Bürger jährlich durch Suizid. Dies ist mehr als die jährliche Todesfallrate durch Straßenverkehrsunfälle (50 700). Bei bis zu 90 Prozent der Suizidfälle gehen seelische Erkrankungen – häufig Depressionen – voraus.
Ende 2005 hatte die EU-Kommission ein sogenanntes Grünbuch zur psychischen Gesundheit der Bevölkerung in den EU-Ländern herausgegeben und damit einen öffentlichen Konsultationsprozess darüber eröffnet, wie psychische Erkrankungen besser bekämpft werden können. Nachdem inzwischen 234 Antworten aus den verschiedensten Fachinstitutionen der Mitgliedstaaten ausgewertet wurden und die Konsultation abgeschlossen ist, verabschiedete das Europäische Parlament nun eine Resolution zum Thema psychische Gesundheit. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss gab dazu eine Stellungnahme ab.
Ein eigenes Mandat für Maßnahmen auf Gemeinschaftsebene im Bereich der seelischen Gesundheit sieht die Europäische Kommission für ihre Institution auf Grundlage von § 152 des EG-Vertrags. Aber die EU betont, dass die Verantwortung der Mitgliedstaaten für die Organisation des Gesundheitswesens und die medizinische Versorgung in vollem Umfang anerkannt wird.
Gleichzeitig mit dem Bericht über die Konsultation zum Grünbuch „Psychische Gesundheit“ präsentierte die Europäische Kommission auch Ergebnisse einer Eurobarometer-Umfrage, mit der unter anderem das „psychische Befinden“ thematisiert wurde. Mit standardisierten Selbstbeschreibungen, die sich jeweils auf das Befinden während der vergangenen vier Wochen beziehen sollten, wurde versucht, Unterschiede bei möglicherweise typischen Gefühlslagen der Menschen in den 29 europäischen Mitgliedsländern aufzuspüren.
Aus der Vielzahl der Einzelergebnisse sei hier zumindest ein Charakteristikum der Deutschen mitgeteilt, das sie deutlich von anderen Europäern unterscheidet: Während es zu vielen Befindlichkeits-Dimensionen kaum Unterschiede zwischen den Nationalitäten gibt, beschreiben sich die Deutschen aber sehr eindeutig als kraftlos. Auf dieser Skala rangieren die Deutschen an letzter Stelle der Rangreihe aller EU-Staaten. Nur 37 Prozent geben an, dass sie immer oder meistens „eine Menge Energie“ hatten. Bei den Polen sind es 54 Prozent, bei den Briten 55 Prozent, bei den Ungarn 60 Prozent, bei den Österreichern 65 Prozent, bei den Dänen 67 Prozent, bei den Finnen 70 Prozent und bei den Niederländern 72 Prozent. Der besonders von den Deutschen empfundene Mangel an Energie ist aber keinesfalls gleichbedeutend mit Depressivität. Wie bei anderen Nationalitäten auch, wird Niedergeschlagenheit von den Deutschen zur Selbstbeschreibung nur selten verwendet.

Dr. Ingbert Weber
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung
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