ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2007Helene Deutsch: Psychoanalytische Theorie der Weiblichkeit

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Helene Deutsch: Psychoanalytische Theorie der Weiblichkeit

PP 6, Ausgabe März 2007, Seite 120

Goddemeier, Christof

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LNSLNS Vor 25 Jahren starb die Psychoanalytikerin und Schülerin Freuds, Helene Deutsch.

Noch 1933 findet man in Sigmund Freuds Vorlesung über „Die Weiblichkeit“ die etwas herablassende Wendung: „Über das Rätsel der Weiblichkeit haben die Menschen zu allen Zeiten gegrübelt (. . .) von den Frauen unter Ihnen erwartet man es nicht, sie sind selbst dieses Rätsel.“ Hier irrte Freud offensichtlich. Denn zu diesem Zeitpunkt gab es unter seinen Schülerinnen bereits hervorragende Analytikerinnen, die sich ausführlich mit dem „Rätsel der Weiblichkeit“ auseinandersetzten. Eine von ihnen war Helene Deutsch. 1925 veröffentlichte sie ihr Buch „Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen“ und 1944/45 ihr zweibändiges Werk „Psychologie der Frau“. Auch wenn sie sich zeitlebens gegen den Ruf einer Spezialistin für „Frauenpsychologie“ wehrte, ihre Arbeit macht sie – neben Karen Horney – zur Hauptvertreterin einer psychoanalytischen Theorie der Weiblichkeit.
Am 9. Oktober 1884 wird Helene Rosenbach im polnischen Przemysl geboren. Noch als Schülerin beginnt sie ein langjähriges Verhältnis mit Hermann Liebermann, einem berühmten Strafverteidiger und späteren Sozialistenführer. 1912 beendet Helene ihr Medizinstudium und wendet sich zunächst der Psychiatrie zu. Sie heiratet den Internisten Felix Deutsch, der später behandelnder Arzt Freuds wird. 1918 beginnt sie ihre psychoanalytische Karriere. Ein Jahr lang unterzieht sie sich bei Freud einer Lehranalyse; dann muss sie ihren Platz an den „Wolfsmann“ abgeben, einen Fall, den Freud später publizieren wird. Abweichend von Freuds Einschätzung hält sie sich für nicht ausreichend therapiert und geht nach Berlin, um bei Karl Abraham ihre Analyse fortzusetzen. Während dieser Zeit und auch später ist das Ehepaar Deutsch immer wieder für längere Zeit getrennt. Der gemeinsame Sohn lebt bei Helene, die sich zwischen beruflichen Ambitionen und ihrer Mutterrolle hin- und hergerissen fühlt.
In „Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen“ ist Freuds Einfluss unverkennbar. Doch plädiert Deutsch dafür, den „Männlichkeitskomplex“ bei Frauen als normalen Teil der Entwicklung zu behandeln. Während ihre Kollegen männliches Verhalten von Frauen als „neurotisch“ abwerten, sieht Deutsch darin „emanzipatorische Haltungen“, notwendig für weibliche Selbstbehauptung in einer patriarchalischen Gesellschaft. Zudem wehrt sie sich gegen Freuds Vereinnahmung der Libido als „gesetzmäßig männlicher Natur“. Nach Vollendung der Abhandlung schreibt sie an ihren Mann: „(. . .) sie bringt Neues zu dieser terra incognita in der Analyse. (. . .) der erste Lichtstrahl in der verkannten Libido des Weibes.“ Die Arbeiten von Deutsch und Horney regen Freud an, ebenfalls über Weiblichkeit zu schreiben. Für Helene Deutsch ist Sexualität ein Teil des Menschenlebens und nicht, wie ihr Schüler Wilhelm Reich später sagen wird, der Mittelpunkt des Daseins. Für die Entwicklung von männlichem und weiblichem Charakter sind ihr zufolge gesellschaftliche Einflüsse mindestens ebenso wichtig wie die Anatomie. Ausführlicher behandelt sie diese Faktoren in ihrem Hauptwerk „Psychologie der Frau“. Während Freud überzeugt ist, dass Frauen stärker bisexuell seien als Männer, spielt Deutsch zufolge in der Entwicklung des Mannes eine weibliche Komponente „vielleicht dieselbe Rolle wie die männliche Komponente in der der Frau“. Der Begriff „Penisneid“ hat nach Deutsch nicht die Bedeutung, die Freud ihm beimisst. Die Vorstellung, Neid sei eine spezifisch weibliche Eigenschaft, weist sie zurück. Auch Freuds Theorie vom Verhältnis zwischen Klitoris und Vagina akzeptiert sie nicht mehr.
Von 1924 bis 1935 leitet Deutsch das Ausbildungsinstitut der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft. 1935 emigriert sie gegen Freuds Wunsch mit ihrem Mann in die Vereinigten Staaten. Zum Bruch mit Freud kommt es dennoch nicht:
Für ihre Glückwünsche zu seinem 80. Geburtstag dankt er ihr 1936 mit den Worten „In Liebe, doch unversöhnt“. In Amerika setzt Deutsch ihre Tätigkeit als Therapeutin und Lehranalytikerin fort. Nach Freuds Tod wird die Psychoanalyse immer theoretischer, ein Weg, den Deutsch nicht mitgehen will. Gegenüber technischen und wissenschaftlichen Seiten der Analyse stellt sie ihr Interesse an wirklichen Menschen und ihren Schicksalen heraus. Immer wieder betont sie den kreativen und künstlerischen Aspekt analytischer Therapie, ohne deren Grenzen zu übersehen: „Was wir erobern, sind nur Teile der Psychogenese: Ausdruck von Konflikten, Entwicklungsmängel. Wir entfernen nicht die Ursachen der Neurose; wir helfen dem Patienten nur, eine bessere Fähigkeit zu erwerben, neurotische Frustrationen in gültige Kompensationen zu verwandeln.“ (1965)
Am 29. März 1982 starb Helene Deutsch hochbetagt in ihrem Haus in Cambridge, Massachusetts.
Christof Goddemeier
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